Bigger Than Life – Ken Adam’s Film Design – von Dennis Herrmann

Entwurf „Diamond Satellite“ für DIAMONDS ARE FOREVER GB/USA 1971, Regie: Guy Hamilton

Entwurf „Diamond Satellite“ für DIAMONDS ARE FOREVER GB/USA 1971, Regie: Guy Hamilton
(c) Sir Ken Adam, Quelle: Deutsche Kinemathek – Ken Adam Archiv


„DIAMONDS FOR EVER“ … unterschreibt Ken Adam die Skizze des Satelliten aus dem berühmten James-Bond-Film ‚Diamantenfieber‘, der die Besucherinnen und Besucher der Ausstellung empfängt. Als beeindruckend großes Modell hängt er im Treppenhaus der Kinemathek in Berlin, die derzeit das große Glück nutzt, das es bedeutet, einen Nachlass einer besonderen Schaffensperson bereits zu deren Lebzeiten zu bekommen. Die Ausstellung „Bigger Than Life – Ken Adam’s Film Design“ macht das Werk Ken Adams, eines der herausragenden Production Designer unserer Zeit, lebendig. 2012 vermachte Ken Adam seine Diamanten, in Form seines künstlerischen Werks, für immer an die Kinemathek, die sie nun unweit seines Sterns am Boulevard der Stars bewahrt und zugänglich macht; derzeit noch in der Ausstellung und anschließend, ab Sommer 2015, in Form eines digitalen Bestandskataloges.

Dass der über 4.000 Zeichnungen sowie Fotos, Storyboards, Foto- und Filmaufnahmen umfassende Vorlass an die Kinemathek ging, ist in erster Linie Adams Verbundenheit zu seiner Geburtsstadt Berlin zu verdanken, der er stets verbunden blieb. Die 1920er Jahre, in denen er dort aufgewachsen ist, haben ihn, nach eigener Aussage, in seinem Schaffen stets inspiriert, obwohl er die Stadt 1934 verlassen musste, als er als Teil seiner jüdischen Familie nach London emigrierte. Seitdem hat Sir Ken Adam, den man arbeitend stets mit Zigarre und Zeichenstift zwischen Zeige- und Mittelfinger sieht – und der von der Queen für seine herausragende Arbeit zum Ritter geschlagen wurde – Sets und Fahrzeuge für mehr als 70 Spielfilme entworfen, von denen wohl fast jeder mindestens einen gesehen haben wird, allen voran berühmte James Bond-Streifen wie ‚Dr. No‘ oder ‚Diamantenfieber‘ und Stanley Kubricks ‚Dr. Strangelove‘.

Auf den beiden voneinander getrennten Etagen der Ausstellung ist es dem Berliner Design Büro Franke Steinert gelungen, Stilelemente aus der Arbeit Adams in die Gestaltung einzubringen und zugleich ein Setting zu entwerfen, in welches das Kurationsteam Boris Hars-Tschachotin, Kristina Jaspers und Peter Mänz anschließend, auf Grundlage des Modellentwurfs, Objekte aus dem Vorlass, verbunden mit Filmen und Modellen hineinplante, ohne dadurch die verhältnismäßig kleinen Räume zu überfrachten. Ergänzt werden diese über drei Textebenen, jeweils auf Deutsch und Englisch. Einheitlich in weiß auf schwarz gehalten finden sich Raum- Bereichs- und Objekttexte gezielt und dabei unaufdringlich platziert. Ausführliche Raumtexte leiten jeden Raum in dessen Eingangsbereich ein, kürzer gehaltene Bereichstexte geben den zugehörigen Exponaten einen klaren Rahmen und Objekttexte erlauben eine eindeutige Zuordnung zu den Filmsets zu denen sie gehören, über Titel, Jahreszahlen und Drehorte.

Ein Einstieg in das Leben und Schaffen Ken Adams bietet sich im ersten Teil der Ausstellung in zwei aufeinander folgenden Räumen: Ersterer eine helle, weiße Galerie, der Zweite ein abgedunkelter Vorführraum. Die Galerie, mit dem Titel ,Ken Adams Welt‘, greift in mehrerer Hinsicht die Handschrift Adams auf. So hängt ein überdimensionaler „Flo-Master“-Filzstift vor einer ebenso großen Unterschrift Adams von der Decke des Raumes; die Sorte Stift, wie Adam sie stets für seine Skizzen nutzte und deren markanter Strich seine Arbeiten prägten (bis die Stifte aufgrund ihres hohen Bleigehalts verboten wurden). Die Größe verweist auch auf Adams in der Regel überdimensionale Sets, von welchen sich der Titel der Ausstellung ableitet. Im Raum verteilt wird eine ansprechende Auswahl der Zeichnungen gezeigt, gemeinsam mit einem eigens für die Ausstellung angefertigten Film, einer Oskar-Trophäe, einer knappen Chronologie und Fotografien aus dem Leben Adams, der häufig gemeinsam mit seiner Frau Letizia abgebildet ist, was ihre wichtige Rolle als Unterstützerin und Beraterin unterstreicht. Mit einer schrägen Wand, zusammen mit einem darüber liegenden Oberlicht, sind dabei geschickt typische Elemente von Adams Sets aufgegriffen.

Den anschließenden Raum erfüllt eine Installation mit dem Titel ‚Lines in flow‘, die ebenfalls extra für die Ausstellung erstellt wurde, unter Mitwirkung von Adam selbst. Auf einer erhöhten Bühne wird eine Doppelprojektion gezeigt, auf einer Gaze im Vordergrund und einer Leinwand im Hintergrund. Fast lebensecht wirkend, erzählt in der beeindruckend realen, vorderen Projektion der 93-jährige Adam von der Entwurfsphase des ‚War Room‘, des atomsicheren Besprechungsraumes aus Stanley Kubricks Film ‚Dr. Strangelove‘. Er sitzt dabei an einem seinem damaligen Arbeitsumfeld an den Shepperton Studios in London nachempfundenen Schreibtisch, raucht Zigarre und fertigt Zeichnungen des Raums in mehreren Entwurfsphasen an. Diese Zeichnungen werden parallel über seinem Kopf gezeigt, was einen vielseitigen Eindruck des Prozesses gibt. Während Adam anschließend langsam von der Bühne geht, rundet auf der weiter hinten gelegenen Leinwand ein Ausschnitt von ‚Dr. Strangelove‘ die Schau ab, indem der entworfenen Raum in seiner endgültigen, filmischen Variante zu sehen ist – ein Betonbau, basierend auf einem Dreieck als Grundform, mit mittigem, rundem Konferenztisch. Mit dem Hintergrund der Geschichte des Entwurfes und seinen Seitensträngen, wie bspw. dass Stanley Kubrick sich bei Adam für den Tisch einen Filzbezug als Ausdruck des im übertragenen Sinne in ihm stattfindenden Pokerns um das Schicksal bestellte, eröffnet sich an diesem hervorragend herausgearbeiteten Beispiel die Faszination für die Arbeit Adams und stimmt thematisch auf den zweiten Teil der Ausstellung ein.

Auch der schwarz-weiß-Kontrast, den die beiden ersten Räume bilden, ist bereits eine Einstimmung. Er zieht sich durch die gesamte Ausstellung, begleitet durch ein pointiert und taktvoll für Überschriften verwendetes, kontrastierendes Neonorange. Er referiert ebenso auf den intensiven Einsatz von Licht und Schatten, als auch auf die in die überwiegend in schwarz und weiß gehaltenen Skizzen Adams.

Der zweite Ausstellungsteil liegt dem ersten gegenüber, eine Etage tiefer. Im ersten der insgesamt drei Räume ist der schwarz-weiß-Kontrast durch ausgelegten Tanzboden und den Raum unterteilende Stehlen aufgegriffen, die überwiegend schwarz, in der Mitte des Raumes weiß und dort zusätzlich durch Licht von oben beleuchtet sind. Diese helle Mitte führt als Navigationselement gezielt in den Themenbereich „Raumvisionen“ hinein. Die Stehlen sind jeweils an einer Seite angeschrägt und an dieser von innen heraus beleuchtet, eine Umsetzung, die sehr gut in den Themenbereich filmische Kulisse und -beleuchtung passt und zugleich zurück genommen genug ist, um den Inhalten Raum zu geben und sie in Szene zu setzen. In den durch die Stehlen abgeteilten Nischen des Raumes sind in Adams Projekten häufig auftauchende Raumtypen thematisiert: Villen und Apartments, Verliese und Labore, Machtzentralen und Versammlungsräume, Tempel und Kathedralen, Wasser und Luft. Skizzen von Räumen aus verschiedenen Filmen werden dabei mit Filmausschnitten, Interviews, Setfotografien, Storyboards und Location-Shots und extra für die Ausstellungen angefertigten Modellen zusammengebracht und jeweils durch einen verbindenden Text eingeleitet, der ein bekanntes Filmset als Beispiel für den thematisierten Raumtypus aufgreift. Insbesondere der Vergleich der Skizzen mit dem Spielfilmmaterial gibt einerseits einen sehr guten Eindruck der Übersetzungsleistungen zwischen Entwurf und Film und zeigt andererseits eindrücklich, wie Adam bereits in seinen Entwürfen die Kameraperspektiven mit bedachte. Er entwarf nicht nur Sets, sondern dabei stets zugleich auch filmische Perspektiven.

Erst im folgenden Raum folgt mit ‚Berlin und London‘ ein Biografieteil der ausführlich auf Adams Lebensgeschichte eingeht. Diesen häufig am Beginn von Ausstellungen zu findenden Abschnitt an das Ende zu stellen ist ein gelungener Zug. Auf diese Weise wird das in den vorherigen Räumen vorgestellte Werk nicht von der persönlichen Geschichte Adams überschattet, die zuvor lediglich in Eckpunkten gegeben wird. Im Bruch zum vorigen Ausstellungsteil ist dieser Teil sehr ruhig und erfordert zunächst etwas Orientierung. Sein Zentrum bildet ein sechsseitiges Prisma. In einer darin eingelassenen, umlaufenden Aussparung, die sich zunehmend weitet, wird das Leben Adams chronologisch anhand von wenigen ausgewählten Objekten wie Fotografien, offiziellen Dokumenten und Zeichnungen erzählt. Als Zäsur in der Geschichte ist die Auswanderung der Familie 1934 nach England gekennzeichnet – bis zu dieser Zäsur ist das Prisma weiß, danach schwarz. An den Wänden wird die zeitliche Abfolge durch größerformatige Objekte, wie gemalte Familienportraits, Fotografien und Dokumente sowie einem weiteren Film über ihn begleitet. An ausgewählten Stellen werden Verbindungen zu seinen filmischen Arbeiten hergestellt, bspw. von seinem Einsatz in der britischen Luftwaffe und seiner Begeisterung für schnelle Gefährte zu seinen Entwürfen von Flug- und Fahrzeugen für verschiedene Filme – Ein geglückter Rückgriff auf zuvor in der Ausstellung gesehenes. Den Abschluss bildet ein durch seine zum angrenzenden Treppenhaus offene Tür leider etwas verlorener Raum. Unter dem Titel ‚Inspiration und Wirkung‘ werden hier Interviews mit Persönlichkeiten gezeigt, die mit Adam in Kontakt standen, zusammen mit weiteren Skizzen. Der Kommunikationsbedarf der Besucher und Besucherinnen scheint sich an dieser Stelle jedoch mit dem nahen Ausgang zusammenzutun, die meisten haben hier bereits abgeschlossen und befinden sich im Gespräch über das Gesehene, auf dem Weg hinaus.

Bis auf dieses etwas holprige Ende überzeugt die Ausstellung durch ihre präzise Gestaltung ebenso wie durch ihre Vielfältigkeit und die sehr angenehme Informationsdichte, insbesondere hinsichtlich des geringen Raums in dem sie sich entfaltet. Bond-Fans und Filmfans im Allgemeinen kommen ebenso auf ihre Kosten, wie Designinteressierte oder diejenigen, die sich für die Sammlungstätigkeit und Arbeit der Kinemathek interessieren. Ihnen bietet die Ausstellung einen umfassenden, kurzweiligen und medial abwechslungsreichen Blick auf das Leben und Werk Adams sowie zugleich einen gelungenen Einblick in die Arbeitswelt des Produktionsdesigns. Persönlich nachhaltig beeindruckt hat mich die Freude und Präzision mit der Adam an seine Entwürfe geht. Die Ausstellung schafft es absolut, diese zu transportieren und regt dazu an, dem eigenen kreativen Schaffen einen Schliff zu geben, der es zum Funkeln bringt.

Bigger Than Life – Ken Adam’s Film Design
Deutsche Kinemathek, Berlin
11.12.2014 – 17.05.2015
http://www.deutsche-kinemathek.de

Kuratierung: Boris Hars-Tschachotin, Kristina Jaspers und Peter Mänz
Gestaltung: Franke/Steinert, Berlin – http://www.franke-steinert.de

Advertisements

Ein Gedanke zu “Bigger Than Life – Ken Adam’s Film Design – von Dennis Herrmann

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s