Nein- meine Suppe ess ich nicht? „Rumford. Rezepte für ein besseres Bayern“ – von Rahel Clormann

München ist eine vielbesuchte Stadt. Einheimische und Touristen drängen sich durch die Innenstadt, doch den wenigsten von ihnen ist bewusst, dass viele der Veränderungen, die zum modernen Stadtbild führten, einem Amerikaner zu verdanken sind.
  Abb. 1 Anton Schütz: Das Rumfordporträt von Gainsborough, 1935, Lichtdruck © Privatbesitz
Abb. 1 Anton Schütz: Das Rumfordporträt von Gainsborough, 1935, Lichtdruck © Privatbesitz

Sir Benjamin Thomson, besser bekannt als Graf Rumford (1753-1814) war ein vielseitig talentierter und sehr ideenreicher Philanthrop, der sich Bayerns und insbesondere Münchens annahm. Dies zeigt die sehenswerte Sonderausstellung „Rumford. Rezepte für ein besseres Bayern.“ im Münchner Stadtmuseum noch bis zum 19. April 2015.
Laut der Ausstellungskonzeption beabsichtigt der Kurator des Münchner Stadtmuseums, Thomas Weidner, den Besuchern zu Rumfords 200. Todestag vor Augen zu führen, wie eng die scheinbar disparaten Themen verwoben sind, mit denen Thomson sich beschäftigte: Arbeitslosigkeit, Uniformen, Thermodynamik, Ernährungspsychologie, Agronomie und Stadtplanung sind nur einige Beispiele seiner Interessensgebiete, die in der Sonderausstellung gezeigt werden. Ebenso wird dem Besucher vermittelt, dass die Bearbeitung der aus den Themen resultierenden Problemstellungen stets mit der Überzeugung ausgeführt wurde, den betroffenen Menschen dadurch ein besseres Leben ermöglichen zu können.

Ausstellungsfakten
Die Ausstellung erstreckt sich auf drei Räume, welche thematisch voneinander getrennt sind. Zwölf Ausstellungseinheiten führen den Besucher hier durch Rumfords Leben und greifen die Schwerpunkte seines Wirkens auf.
Da nur wenige Objekte aus seinem Leben erhalten sind, versuchen die Ausstellungsmacher erfolgreich diesen Mangel durch Modelle und Exponate aus seiner Zeit zu ersetzen, denn viele der Erfindungen Rumfords sind sehr komplex und werden auf diese Weise für den Durchschnittsbürger besser verständlich. Zahlreiche Portraits wichtiger Personen in Rum-fords Leben ergänzen die Ausstellung und werden so den Besuchern vorgestellt. Die Objekttexte beinhalten Kurzbiografien dieser Menschen. Leider sind diese sowie alle weiteren Objekttexte lediglich in deutscher Sprache gehalten, sodass vor allem ausländische Touristen eine Vertiefung in die Thematik nicht vollständig möglich ist, da nur die Überblickstexte in englischer Übersetzung verfügbar sind. Diese finden sich auf durchnummerierten Aufstelltafeln, welche auch in einer beliebigen Reihenfolge gelesen werden könnten.

Farbe bekennen
Einen besonders positiven Eindruck machte auf mich die Farbgestaltung durch wechselnde Raumfarben. Die ruhigen und doch intensiven Farben lassen einen noch viel tiefer in die Welt des Grafen eintauchen und die verschiedenen Inhalte emotional erleben. Der zusätzliche Einsatz von Klängen steigert diese Wahrnehmung zusätzlich. Unterstützend werden ver-schiedene landschaftliche und örtliche Gegebenheiten angedeutet, um den Besuchern ein besseres Einfühlen in die Thematik zu ermöglichen. So betritt man den Englischen Garten, der ebenfalls eine Verwirklichung Rumfords war, auf dunkelgrünem Teppichboden. Man kann sogar vom Nebenraum aus auf eine nachgebaute Ebene des Chinesischen Turmes treten, um in den „Garten“ – den anderen Ausstellungsraum – zu blicken (Auf dem Bild am rechten Rand auszumachen).
Abb. 2: Blick in die Ausstellung © Münchner Stadtmuseum
Abb. 2: Blick in die Ausstellung © Münchner Stadtmuseum

Vögel zwitschern im Hintergrund. Um die Raumatmosphäre zu unterstreichen, ist das Licht in den Räumen gedämpft. Leider sind die an der Wand passend zur jeweiligen Thematik angebrachten Zitate teilweise nur schlecht lesbar, da sie oft ungünstig angestrahlt werden und man so das Geschriebene oft nur erahnen kann.

Ein stimmiges Bild
Mit Hilfe dieser Farbvarianten, Geräusche und Lichtverhältnisse gelang es den Beteiligten trotz dieses kleinen Kritikpunkts insgesamt hervorragend, Stimmungen, Sachverhalte und Problemstellungen darzustellen und ohne große, übertriebene Inszenierungen beim Besucher Emotionen hervorzurufen. Auch werden die Objekte dadurch nicht in die Peripherie verdrängt.
In dem eben erwähnten Nebenraum befindet sich eine verfremdete Küche (Abb. 2) mit einem Herd, den ebenfalls der Graf erfunden hat. Hier wird auch die in Europa im 19. und beginnenden 20. Jahrhundert weitverbreitete, gesunde und nahrhafte Rumfordsuppe (bestehend vor allem aus Graupen bzw. Kartoffeln und Erbsen) thematisiert. Diese kann übrigens gegen eine kleine Spende an drei Wochentagen im Innenhof des Stadtmuseums gekostet werden. Gerade in dieser kalten Jahreszeit ist es eine großartige Idee, dieses nahrhafte Gericht anzubieten.
Positiv ist auch hervor zu heben, dass die Sonderausstellung die vieldiskutierte Transparenz nicht missen lässt. Am Eingang der Ausstellung befindet sich eine ausführliche Darstellung der an der Verwirklichung beteiligten Personen, wie dem Kurator (Thomas Weidner), den Verantwortlichen für Licht und Technik und sogar für die Suppe. Auf diese Weise können sich die Gäste über die Ausstellung auf eine ganz andere Art und Weise informieren und bessere Vergleiche anstellen. Und, falls ihnen die Sonderausstellung gefallen hat, die Arbeit des Kurators weiter verfolgen und zukünftig noch von ihm kuratierte Ausstellungen besuchen.

Rumfords moderne Medien
Zusätzlich zu den Objekten und ihren Texten wird die Ausstellung durch eine Auswahl gut platzierter Hörstationen ergänzt. Diese verhelfen den Besuchern zu einem vertiefenden Einblick in die Materie. Auch zwei Hands-On-Stationen sind in die Ausstellung integriert. Auf der einen erfährt der Einzelne, an welchen Orten Münchens Rumforddenkmäler, sein Wohnhaus und weitere wichtige, mit ihm in Verbindung stehende Orte zu finden sind. Um diese auch nach dem Verlassen der Ausstellung besichtigen zu können, liegen kleine Pläne der Münchner Innenstadt bereit, in welchen all diese Orte verzeichnet sind. So kann sich wer möchte nachträglich noch auf Rumfords Spuren begeben und die Stadt aus einem neuen Blickwinkel kennenlernen. Die andere Hands-On-Station verdeutlicht die durch Rumford ermöglichte Stadterweiterung.
Ein kleines Manko der Ausstellung ist die fehlende Barrierefreiheit. Auch wenn auf diese im Münchner Stadtmuseum prinzipiell Wert gelegt wird und die Stockwerke alle über einen Aufzug erreichbar sind, haben Rollstuhlfahrer in dieser Sonderausstellung das Nachsehen, die Englische-Garten-Abteilung ist nur über einige Treppenstufen erreichbar. Eine Rampe fehlt, sodass auch Kinderwägen ausgeschlossen sind.

Darf ich bitten
Sitzgelegenheiten sind hingegen in ausreichender Anzahl vorhanden. Sie laden dazu ein, einen Moment inne zu halten und alles auf sich wirken zu lassen. Auch dass die Möglichkeit gegeben ist, den Ausstellungskatalog in Ruhe zu betrachten ist positiv. Allerdings ist der gewählte Ort in meinen Augen etwas geschmacklos: Das stilisierten Grab des Grafen Rumford. Ich persönlich halte das für keine gelungene Installation.
Insgesamt ist diese Sonderausstellung als rundum gelungen zu werten. Sie hält was sie verspricht. Sie weicht nicht vom Thema ab, vermittelt dieses überzeugend und verständlich trotz komplexer Sachverhalte und greift auch negative Aspekte (z.B. die nicht immer positive Rückmeldung von Zeitgenossen Rumfords) auf. Sie eignet sich, abgesehen von der mangelnden Barrierefreiheit, für jeden, der sich für die Stadtgeschichte Münchens sowie den bemerkenswerten Mann, Graf Rumford, interessiert. Nur für Kinder wird nichts angeboten. Es gibt allerdings ein Begleitprogramm in einfacher Sprache für Menschen mit Lernschwierigkeiten. Denn Rumford handelte stets mit dem Hintergedanken, „die Glückseligkeit unserer Mitmenschen zu befördern.“

„Rumford. Rezepte für ein besseres Bayern“
Münchner Stadtmuseum
http://www.muenchner-stadtmuseum.de
31.10.14-19.04.15

Kuratierung: Thomas Weidner
Gestaltung: Michael Hoffer – http://www.michael-hoffer.de/seiten/uebersicht.html

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