„Dialog mit der Zeit“. Altern ist das, was du draus machst – von Elke Schimanski

Dialog mit der Zeit, Museum für Kommunikation Frankfurt; Foto: Elke Schimanski
Abb. 1: Dialog mit der Zeit, Museum für Kommunikation Frankfurt; Foto: Elke Schimanski

„Wie werde ich im Alter leben?“, das ist die zentrale Fragestellung der Sonderausstellung „Dialog mit der Zeit“, die im Museum für Kommunikation Frankfurt zu sehen ist. Die Ausstellung greift damit ein Thema auf, vor dem sich kein Mensch verstecken kann: Das Alter und der Umgang damit. Das Konzept der Schau wurde von dem Sozialunternehmer Andreas Heinecke und seiner Frau Orna Cohen entwickelt. Heinecke wurde mit „Dialog im Dunkeln“, bei dem blinde Menschen Sehende durch eine komplett dunkle Ausstellung führen, international bekannt, zumal das Format in über 30 Länder auf der Welt übertragen wurde.
In „Dialog mit der Zeit“, die selbst als „Erlebnisausstellung“ klassifiziert wird, werden die Besucher nun von Senior-Guides geführt. Diese wurden im Vorfeld durch einen Aufruf in regionalen Zeitungen ausgewählt. „Interessierte, die mindestens 70 Jahre alt sein müssen“ hieß es da in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung im April 2014 (Anzeige, 14. April 2014, S. 30.). Schön, dass es mal eine Altersgrenze in diese Richtung gibt. Das aktuelle Team besteht nun aus 33 Männern und Frauen im Alter von bis zu 92 Jahren.
Die Ausstellung selbst liegt im 2. Obergeschoss des Museums und nimmt eine Ausstellungsfläche von 570qm ein. Hierher gelangt man entweder über die Treppe oder den Aufzug. Die Ausstellung ist barrierefrei. Benutzt der Besucher allerdings den Aufzug, landet er mitten in der farbenfrohen Ausstellung und wird hoffentlich durch das Schild „Empfang“ in die richtige Richtung und zum Anfang der Ausstellung gelenkt.
Abb. 2: Altern ist individuell, Reflektion über das eigene Alter; Foto: Bert Bostelmann, Museum für Kommunikation Frankfurt©
Abb. 2: Altern ist individuell, Reflektion über das eigene Alter; Foto: Bert Bostelmann, (c) Museum für Kommunikation Frankfurt

Das Farbkonzept basiert auf drei Farben: Blau, Pink und Gelb. Es zieht sich durch die ganze Ausstellung und bietet eine gute Orientierung, da es drei große Bereiche in den Farben gibt: „Dilaograum 1“ (blau), gelber Salon und pinkfarbener Salon. Für die Ausstellungsgestaltung und -grafik ist das renommierte Gestaltungsbüro „Atelier Brückner“ aus Stuttgart verantwortlich. Zehn große Sanduhren, in den drei Hauptfarben stehen im Eingangsbereich und sollen mit Sprüchen wie „Verhalte ich mich meinem Alter gerecht?“ oder „Wie alt fühle ich mich?“ den Besucher auf das Thema einstimmen und zum Nachdenken anregen. Sie sind die einzigen Exponate in der gesamten Ausstellung.

Abb. 3: Zeitketten, Foto: Elke Schimanski
Abb. 3: Zeitketten, Foto: Elke Schimanski

Der wesentliche Kern des Ausstellungskonzepts ist die Führung mit dem Senior-Guide, deshalb kann die Ausstellung auch nur mit einer Führung besucht werden. Alle 20 Minuten startet eine Tour, an der maximal 15 Teilnehmer pro Gruppe teilnehmen können. Hier liegt eine gewisse Schwäche: Museen sind an verschiedenen Tagen bekanntlich nicht immer gleich gut besucht, deshalb sind manche Touren nicht voll ausgelastet. Es bekommt aber jeder Besucher eine Führung, selbst wenn er oder sie allein teilnehmen. Der Nachteil an solchen Einzelführungen ist es aber, dass es nur schwer zu dem angestrebten Dialog kommt. Außerdem ist die Qualität der Führung und somit die des Ausstellungsbesuchs sehr abhängig von dem jeweiligen Guide. Jedoch mussten alle Guides durch ein Auswahlverfahren, bei dem besonders darauf geachtet wurde, dass Sie den Anforderungen der Führung gewachsen sind. Auch für die internationalen Gäste wurde gesorgt: Viele der Guides bieten auch Führungen in Englisch und anderen Sprachen an. Zudem werden regelmäßig öffentliche Führungen in Englisch angeboten.
Von einem Kommunikator (Aufsichtsperson der Ausstellung), bekommen meine Gruppe und ich zu Beginn eine kleine Einführung über den Ablauf der Ausstellungsführung. Das hilft dem Besucher sich zu orientieren. Wir erhalten eine sogenannte „Zeitkette“, die jeder um den Hals trägt. Die Kette soll daran erinnern: „Time is always ticking“. Außerdem steht sie symbolisch für die Arbeitszeit. Wir werden nur darauf hingewiesen, dass manche Ketten ein Geräusch während der Führung machen könnten, was Neugierde weckt. Ich werde dieses Rätsel bewusst nicht auflösen, um den zukünftigen Besuchern, den Spaß nicht zu nehmen.
Zu Beginn sehen wir im Themenbereich „Altern ist natürlich“ einen Film, der mit „Danielle“ betitelt ist, der zeigt, wie eine junge Frau im Zeitraffer altert. Ein ruhiger Auftakt, um sich gedanklich zu sammeln und darüber nachzudenken, wie man selbst in diesem Alter aussehen wird oder vielleicht schon aussieht.

Abb.4: Senior-Guide Elfi Engels; Foto: G2 Baraniak Museum für Kommunikation Frankfurt ©
Abb.4: Senior-Guide Elfi Engels; Foto: G2 Baraniak (c) Museum für Kommunikation Frankfurt

Abb.5: Dialograum 1; Foto: Elke Schimanski
Abb.5: Dialograum 1; Foto: Elke Schimanski

Danach werden wir von unserem Senior-Guide, in unserem Falle die 78-jährige Elfi Engels, abgeholt und in den „Dialograum 1“ begleitet. Durch den runden Tisch mit vielen Stühlen kommt ein wenig Wohnzimmeratmosphäre auf. Unter dem Thema „Altern ist individuell“ erklärt uns Frau Engels anhand von drei markanten Bildern wichtige Stationen aus ihrem Leben: Sie hat den zweiten Weltkrieg erlebt, sodass ihr Leben danach erst richtig angefangen hat. Doch ihren Humor habe sie sich bis heute erhalten und er ist ihr Geheimrezept, um gut durchs Leben zu kommen.
Unser Guide ist sehr sympathisch und alle hören gerne zu, wenn Frau Engels über ihre Zeit als erfolgreiche Geschäftsfrau erzählt. Diesen Teil der Ausstellung gibt es in 33 verschiedenen Varianten. Somit wird jede Führung zu einem individuellen Erlebnis und bekommt durch die unterschiedlichen Charaktere eine ganz eigene Dynamik. Der erste Mitmachteil beginnt. Wir sollen aus verschiedenen Bildern eins aussuchen, das verdeutlicht, wie wir uns selbst im Alter sehen. Reih um erklärt jeder seine Auswahl. Der Tenor ist bei allen gleich: Fit und nicht alleine sein. Um Stereotypen aufzubrechen, soll im nächsten Mitmachteil jeder eine Karte auswählen auf der eine Aussage wie „Ich kenne keine ältere Person… die ein Tattoo hat“ steht. Daraus entsteht schnell ein reger Dialog, wobei es von Vorteil ist, in einer Besuchergruppe zu sein, die aus verschiedenen Altersgruppen besteht, da so unterschiedliche Ansichten aufeinander treffen. Im Anschluss geht es in den gelben und in den pinkfarbenen Salon, die mit „Die Vielfalt des Alterns“ betitelt sind. Auf dem Weg dorthin darf noch jeder Besucher, mit einem Aufkleber sein Alter im entsprechenden Kreis markieren. Die Skala reicht von 0 bis 100+.

Abb.6: Tremor-Simulation; Foto: Elke Schimanski
Abb.6: Tremor-Simulation; Foto: Elke Schimanski
Abb.7: Tremor-Simulation2; Foto: Elke Schimanski
Abb.7: Tremor-Simulation2; Foto: Elke Schimanski
Abb.8: Gewichte für die Beine, Besucher können nachempfinden wie sich das Gehen im Alter anfühlen kann; Foto: Bert Bostelmann Museum für Kommunikation Frankfurt©
Abb.8: Gewichte für die Beine, Besucher können nachempfinden wie sich das Gehen im Alter anfühlen kann; Foto: Bert Bostelmann (c) Museum für Kommunikation Frankfurt
Abb.9: Die Treppe, die man mit den Gewichten erklimmen muss. Foto: Elke Schimanski
Abb.9: Die Treppe, die man mit den Gewichten erklimmen muss. Foto: Elke Schimanski

Beim gelben Salon handelt es sich um einen großen Hands-On-Bereich, in dem die Besucher verschiedene körperliche Probleme, die das Alter so mit sich bringt, am eigenen Leib erfahren können. So gibt es zum Beispiel eine Station, an der wir austesten, wie es ist mit einem simulierten Tremor eine Tür zu öffnen. An einer anderen binde ich mir Gewichte an die Beine und muss eine Treppe erklimmen. Auch wenn ich nur erahnen kann, wie sich solche Beschwerden einmal im Alter anfühlen, sind die Hands-On-Stationen doch eine gute Gelegenheit mit den anderen Besuchern und auch mit Frau Engels ins Gespräch zu kommen.

Abb.10: Die Vielfalt des Alterns, Hier können Besuchern Geschichten vom Älterwerden lauschen; Foto: Bert Bostelmann Museum für Kommunikation©
Abb.10: Die Vielfalt des Alterns, Hier können Besuchern Geschichten vom Älterwerden lauschen; Foto: Bert Bostelmann (c) Museum für Kommunikation

Im pinkfarbenen Salon, gibt es fünf Hörstationen bei denen verschiedene Lebenswege von Senioren erzählt werden. Manche haben sich im hohen Alter nochmals verliebt, andere ihre Joberfüllung gefunden. Dies soll unmittelbar verdeutlichen: Es gibt noch genug zu entdecken mit 70+ und vieles ist eine Frage der Einstellung zum Alter. Die Hörstationen gibt es in deutscher und englischer Sprache. Um „die Zukunft des Alterns“ geht es im „Dialograum 2“. Wir bekommen eine Art Abstimmgerät und können auf Fragen, die während der Präsentation von Frau Engels gestellt werden, antworten. Themen wie demographischer Wandel heute und in Zukunft oder wünschenswerte Verbesserungen für den Seniorenalltag werden gestreift. Auch hier entsteht wieder ein Dialog, besonders dann, wenn manche Ergebnisse erstaunlich sind.
Zum Schluss können wir noch an einer Station ein Altersquiz machen und die neun Zutaten für ein gesundes Leben mitnehmen. Nach der Führung wird klar: Diese Ausstellung funktioniert einwandfrei (fast) ohne Exponate, denn im Grunde sind alle Guides „lebende Exponate“ die ihre Lebenserfahrung mit den Besuchern teilen. Sie sind der Schlüssel zu einem individuellen Ausstellungserlebnis. Eigene Erfahrungen und die der anderen Besucher, das eigene Alter und die Einstellung dazu tragen dazu bei, dass ein hochkommunikativer Museumsbesuch entsteht. Es gibt keinen Ausstellungskatalog, dafür jedoch ausführliches Material für Lehrer und Schulklassen.
Zum Schluss können wir uns noch in das Gästebuch eintragen. Die Botschaft der Einträge ist positiv. Doch eine Frage tritt hier immer wieder auf: Was ist mit der Schattenseite des Alterns? Was ist mit den Kranken und Pflegebedürftigen, die nicht so rüstig sind wie die Guides im Museum? Diese Fragen sind gut und durchaus berechtigt, stellen doch die Macher der Ausstellung den Anspruch an sich, „ein differenziertes Bild vom Altern“ zu vermitteln (http://www.dialog-mit-der-zeit.de/de/ausstellung/zielsetzung, zuletzt aufgerufen am 11.01.2015). Demgegenüber wird in der Ausstellung fast durchweg die positive Seite des Alterns gezeigt. Da kann sich mancher Rentner auf die Füße getreten fühlen, auch wenn bei der Einführung in die Ausstellung darauf hingewiesen wird, dass man die positive Seite herausheben will.
Trotzdem erfüllt die Ausstellung ganz besonders ein selbstgesetztes Ziel: Die Förderung des intergenerativen Dialogs (ebd.). Alt und Jung kommen in ein Gespräch und auch ich habe angefangen intensiv über die Frage „Wie will ich im Alter leben?“ nachzudenken und ein bisschen weniger Angst vor dem Alter zu haben, bei all den sympathischen und Mut machenden Senior-Guides, die frei nach dem Motto leben: „Altern ist das, was du draus machst.“
Ein Erlebnis ist der Besuch der Ausstellung auf jeden Fall. Die Sonderausstellung ist noch bis 22.Februar 2015 in Frankfurt zu sehen und wird danach im Museum für Kommunikation Berlin vom 1. April bis 30. August 2015 gezeigt.

Dialog mit der Zeit. Die Erlebnisausstellung
24.09.2014 – 22.02.2015
Für Gruppen ab 12 Jahren

Museum für Kommunikation Frankfurt
Schaumainkai 53 (Museumsufer)
60596 Frankfurt am Main

http://www.mfk-frankfurt.de
http://www.dialog-mit-der-zeit.de/de
Kuratierung: Andreas Heinecke und Orna Cohen
http://www.dialogue-se.com/organisation/team
Gestaltung: Atelier Brückner
http://www.atelier-brueckner.de

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4 Gedanken zu “„Dialog mit der Zeit“. Altern ist das, was du draus machst – von Elke Schimanski

  1. Reblogged this on museumchange and commented:
    Wie wunderbar: Es gibt einen Blog für Ausstellungskritik und gleich einen so gut aufgestellten! Die Idee finde ich wundervoll, denn es fehlt schon lange ein ordentliches Medium für fundierte konzeptionelle Kritik an Ausstellungen. Mit den Anfang macht hier Elke Schimanski mit einem Beitrag zu „Dialog im Dunkeln“ @mfk_frankfurt.

    • Vielen Dank! Und gleichzeitig viel Spaß und Erfolg mit dem spannenden internationalen Blog museumchange – der ist auch sicher sinnvoll und nötig, denn die Verbindung von „Museum“ und „Wandel“ ist oft noch nicht gut etabliert. B. Holtwick

  2. als Gruppenleiter im Holon-Israel- Im „Dialog mit der Zeit“ binn ich Stoltz dass es jetzt in FaM sehen und erleben kann.

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