Museum für Vor- und Frühgeschichte (I): „Neu im Neuen Museum: 3 Epochen in Ebene 3“ – von Anna-Sophie Karl

„Wir wollen den Besucher mitnehmen auf die spannende Reise zu den frühen Epochen der Menschheitsgeschichte in Europa“, so Matthias Wemhoff zum Konzept der rezensierten Ausstellung (BLICKpunkt Archäologie 4/2014, S. 67). Auf diese Reise kann man sich seit dem 29. Juni 2014 in der neuen, 1.700 qm großen Dauerausstellung „Steinzeit.Bronzezeit.Eisenzeit“ des Museums für Vor- und Frühgeschichte Berlin begeben. Neben dem Haupteingang des Neuen Museums befinden sich eine Garderobe und Schließfächer, ein kostenloser Audioguide kann entliehen werden. Jedoch wird es ab hier etwas schwierig, den Weg zur neuen Dauerausstellung zu finden. Toiletten lassen sich nicht in der neuen Ausstellung selber, sondern nur im Untergeschoss finden. Eine Barrierefreiheit ist durch zwei Aufzüge generell gegeben, jedoch liegen diese etwas versteckt und der Besucher kommt dann mitten in der Ausstellung an, was den baulichen Gegebenheiten des historischen Gebäudes geschuldet ist. Hervorzuheben ist hier die anspruchsvolle Aufgabe des Museums, auch die Präsentation der Ausstellungsobjekte in das historische Gebäude einzugliedern. Beim Umbau 2003 hat man sich in Zusammenarbeit mit dem Architekturbüro Chipperfield dazu entschlossen, dieses selbst als archäologischen Befund zu präsentieren. Die Umsetzung ist bemerkenswert, da die Objekte mit dem Gebäude gelungen harmonieren. Durch die vorgegebene Raumabfolge wurde sich konzeptionell für einen chronologischen Rundgang entschieden. Begonnen wird jedoch zuerst mit dem „Roten Saal“ mit Infos zur Sammlung des Museums und einem Raum zur Berliner Stadtarchäologie. Dann startet der chronologische Rundgang mit dem Steinzeitraum, führt in den Bronzezeitraum und endet im Eisenzeitraum.

Zu Beginn betritt der Besucher den „Roten Saal“. Der Raum wirkt veraltet und scheinbar verstaubt, er erinnert an eine Ausstellung aus dem 19. Jahrhundert. Doch bei genauerem Betrachten kann man das Konzept des Raumes erahnen: Alte Original-Vitrinen aus dem Königlichen Museum für Völkerkunde schaffen eine historische Atmosphäre. Sie beinhalten Privatsammlungen, z.B. Teile der Schliemann-Sammlung, und zeigen so die Herkunft wichtiger Sammlungsbestände. Hierzu stellt der folgende dunkle Raum mit einer modernen Präsentation von neueren Funden der Berliner Archäologie einen starken Kontrast dar. Der schwarze Vitrinenblock in der Mitte enthält Exponate wie den Kopf der Berolina-Statue von 1856 oder den Sarkophag des Konrad von Burgsdorff, die einen Einblick in die Stadtarchäologie geben (s. Abb.1).

Raum 2 mit dem Thema Archäologie in Berlin
Abb. 1: Raum 2 mit dem Thema Archäologie in Berlin, (c) Museum für Vor- und Frühgeschichte, Staatliche Museen zu Berlin, Foto: Claudia Plamp

Zwei Wandprojektionen vertiefen dieses Thema. Ein Film veranschaulicht die geografische Entstehung Berlins. Außerdem werden Bilder von herausgegriffenen Ausstellungsobjekten mit Beschriftungen gezeigt, die bei den Exponaten im Raum eher spärlich ausfallen. Dieser Raum stößt eine Problematik an, mit der sich die Kuratoren auseinandersetzen mussten: Möchte man den Fokus der Ausstellung auf regionale Befunde und lokale Details legen oder soll ein Gesamtüberblick über die Entwicklung der Menschheit in Europa im Vordergrund stehen? In der Dauerausstellung ist ein Gesamtüberblick der Kern des Konzepts, den man mehrfach mit regionalen Befunden darstellt. Die Exponate und Informationen in diesem Raum liefern zwar einen kaleidoskopartigen Einblick in die archäologische Arbeit des Museums in Berlin, allerdings besitzt das Museum für Vor- und Frühgeschichte vorwiegend Bestände aus Europa und der ganzen Welt, sodass die Funde aus Berlin vom Mittelalter bis ins 20. Jahrhundert nicht so recht zum Titel passen und sich nur schwer in die restliche Ausstellung einfügen.

Reise durch die Epochen: Mit dem Betreten des Raums zur Steinzeit beginnt der eigentliche Gang durch die frühen Kapitel der Menschheitsgeschichte. Gleich am Anfang stößt man unweigerlich auf den weltbekannten Neandertaler von Le Moustier/Frankreich. Blickfang ist eindeutig die auf aktuellen Forschungen basierende Gesichtsrekonstruktion des Neandertaler-Jungen. Spannend ist die Sicht auf Original und Rekonstruktion aus einem bestimmten Blickwinkel, wenn sich beide überlagern und man so die Nachbildung gut nachvollziehen kann. Daneben wird die Lage des zugehörigen Skelettfundes dargestellt. Interessant ist die Präsentation des Skeletts auf der vom Ausgräber erstellten Skizze der Grabungssituation, die sich auch im Film zur Ausgrabung neben der Vitrine wiederfindet. Durch die Darstellung der Fundumstände und nicht etwa einer hypothetischen Lebenssituation, wirkt diese Präsentation angemessener. Ein archäologisches Museum muss sich grundsätzlich entscheiden: Geht es vorrangig um die Präsentation archäologischer Befunde oder soll eine Rekonstruktion von historischen Lebensumständen gezeigt werden? Wie sich im Verlauf der Ausstellung zeigt, hat für das MVF eindeutig die Präsentation der Funde und Befunde Vorrang. Des Weiteren muss das Museum entscheiden, ob es herausragende Einzelobjekte zeigen möchte oder ob auch verstärkt Alltagsgegenstände in den Fokus rücken sollen. In der neuen Dauerausstellung werden Epochen und Thematiken vorwiegend durch prominente Einzelstücke vertreten, wie beispielsweise durch den schon vorgestellten Neandertaler von Le Moustier. So hat auch das MVF explizit geäußert „die großen Entwicklungslinien der frühen europäischen Geschichte anschaulich mit herausragenden Originalen aufzuzeigen“. Auch Alltagsgegenstände werden präsentiert, allerdings treten diese meist in den Hintergrund.

Die Steinzeitabteilung ist chronologisch untergliedert, Alt- und Jungsteinzeit werden auf zwei großen Podien präsentiert. Durch die Eiszeit vor 14000 Jahren wandelten sich Flora und Fauna, u.a. folgten auf die Mammuts Hirsche und Elche, wie z.B. ein Fund vom Hansaplatz in Berlin belegt. Die Jungsteinzeit thematisiert den Übergang des Menschen vom Jäger und Sammler zum Ackerbauern und Viehzüchter und wird durch Alltagsgegenstände und ein Schafbockskelett präsentiert. Zum Abschluss werden Objekte aus Kupfer gezeigt, die zum nächsten Raum überleiten.

Zunächst gelangt der Besucher nochmals in das große Treppenhaus, in dem die unverputzten Wände den Blick auf die Ziegel freigeben. Dann geht der Rundgang mit der Bronzezeit weiter, die dem Besucher anhand des neugewonnenen Metalls vorgeführt wird. Einführend informiert eine Stele über die Bronzegewinnung. Schon beim Betreten wird klar, dass der ganze Bronzezeitsaal auf den Schauwert des berühmten Berliner Goldhuts angelegt ist. Dieser befindet sich in einem abgedunkelten Extra-Raum am Ende einer Blickachse, die eine Prozessionsstraße andeutet, und scheint dort zu schweben (s. Abb. 2).

„Prozessionsstraße“ zum Berliner Goldhut
Abb. 2: „Prozessionsstraße“ zum Berliner Goldhut, ©Museum für Vor- und Frühgeschichte, Staatliche Museen zu Berlin, Foto: Claudia Plamp

Dadurch nimmt er eindeutig eine extrem herausgehobene Stellung ein, die ihm zweifellos gebührt, jedoch von den anderen Objekten ablenkt. Möglicherweise hätte man eine „geschlängelte“ Straße projizieren können, die erst am Ende den Blick auf den Zeremonialhut freigibt und dann trotzdem einen „Wow-Effekt“ erzielen würde. Vorher könnte sich der Besucher in Ruhe auf die anderen eindrucksvollen Exponate einlassen. Sehenswert ist der kolorierte 3D-Ausdruck eines Ausschnitts des ältesten Schlachtfelds Europas im Tollensetal, auf dem die Leihgaben aus Mecklenburg-Vorpommern präsentiert werden. Eine gewisse Nähe zum Objekt bekommt der Besucher zum einen durch den Brunnenfund von Lichterfelde. Der hohle Baumstamm, der als Brunneneinfassung gedient hat, steht nicht hinter Glas und zieht so die Aufmerksamkeit der Besucher auf sich. Zum anderen „schweben“ zwei Luren im Raum. Dort kann man einen Knopf betätigen, woraufhin Original-Klänge dieser Blasinstrumente ertönen. Interessant ist auch die Thematisierung von Kriegsbeute in einer Vitrine. Zeichnungen zeigen die fehlenden Objekte. Allerdings gerät durch den Ausblick in ein anderes Thema der Fluss im Rundgang durch die Epochen etwas ins Stocken. Thematisch passt es dennoch, denn es wird ein Hortfund ausgestellt, aus dem Teile als Kriegsbeute entwendet wurden. Im nächsten Raum stellt der bemerkenswerte Goldhut das zentrale Exponat dar. Im Halbkreis um diesen befindet sich eine Pultvitrine mit Informationen zu Zeremonialhüten und illustrierenden kleinformatigen Objekten. Einzelne Vitrinenabschnitte sind jedoch zu dunkel.

Danach gelangt man in einen Raum mit der sogenannten „Zeitmaschine“. Ein aus Einzelzeichnungen bestehender Film zeigt anschaulich die sich über die Jahrtausende verändernde Lebensweise und die klimatischen Verhältnisse einer Flusslandschaft. Es sind auch einige Ausstellungsobjekte zu finden, sodass man sich deren damalige mögliche Verwendung vorstellen kann. Im Film geht es also um die Veranschaulichung der Vergangenheit und die Einbeziehung der Objekte und nicht um Fundsituationen, anders als bei der Präsentation der Ausstellungsstücke. Das Ausdrucksmittel der Zeichnungen verdeutlicht aber, dass es sich um eine hypothetische Rekonstruktion handelt.

Der letzte Saal des Rundgangs befasst sich mit der Eisenzeit, die ebenfalls vorwiegend durch „Prachtfunde“ repräsentiert wird. Sie wird, wie auch die räumliche Zweigliederung darstellt, in die Hallstattzeit, die durch Fürstengräber vertreten wird, und die La-Tène-Zeit unterteilt. Diese hat ihren Namen von dem Fundort La-Tène an einem Schweizer See, von dessen Grund hunderte Waffen und Skelette geborgen werden konnten. Eines dieser Skelette wird am Boden einer Vitrine gezeigt, auf einer Glasscheibe darüber befinden sich weitere Gaben an die Götter. Diese Präsentationsform deutet die Fundsituation an und zeigt, dass es sich um einen bedeutenden Fund handelt.

Insgesamt ist der Durchgang durch die Epochen, die im Titel benannt sind, nachvollziehbar. Die Ausstellungsobjekte werden eindrucksvoll und vor allem Fundsituationen immer erfrischend unterschiedlich präsentiert. Beachtenswert finde ich, dass viele bekannte Funde aus Berlin für die Ausstellung ausgewählt wurden. Zudem gibt es eine auflockernde gestalterische Abwechslung zwischen den Räumen. Allerdings vermisst man interaktive Medien, über die man Kinder und Schulklassen, die einen Großteil der Besucher stellen, hätte besser einbeziehen können. Denn über Mitmach-Stationen sind Kinder meist für ein Thema einfacher zu begeistern als nur durch Vitrinen und Texte. Leider gibt es auch noch keinen Katalog zur Ausstellung, jedoch bieten die digitale Sammlung der Berliner Museen und der Online-Architekturrundgang weiterführende Informationen zu bestimmten Objekten und dem Neuen Museum. Sich auf diese gelungene Reise zu begeben, kann ich nur empfehlen.

„Zurück! Steinzeit.Bronzezeit.Eisenzeit“ (Dauerausstellung)
Museum für Vor- und Frühgeschichte, Staatliche Museen zu Berlin

Neues Museum Berlin auf der Museumsinsel
Bodestr. 1-3
10178 Berlin

http://www.smb.museum/museen-und-einrichtungen/museum-fuer-vor-und-fruehgeschichte/home.html

Kuratierung: Prof. Dr. Matthias Wemhoff, Almut Hoffmann (Steinzeit), Dr. Alix Hänsel (Bronzezeit), Dr. Angelika Hofman (Eisenzeit)

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