Museum für Vor- und Frühgeschichte (II): Ein neues Highlight auf der Museumsinsel – von Nora Caroline Halfbrodt

Wer glaubt, die Museumsinsel würde auf Grund der Sanierungsarbeiten des Pergamonaltars bis voraussichtlich 2019 weniger attraktiv sein, liegt falsch: Am 29. Juni 2014 wurde im Neuen Museum Berlin mit der Eröffnung der neuen Dauerausstellung „Steinzeit/Bronzezeit/Eisenzeit“ ein neues Highlight für kleine und große Besucher gesetzt.

Neues Museum Außenansicht Dezember 2014
Abb.1: Neues Museum, Berlin. Foto: Nora Halfbrodt (Dez. 2014).

Die moderne Umgestaltung unter Erhalt der historischen Spuren dank der Restaurierungsarbeiten David Chipperfields setzt Akzente, die dem 2009 wieder eröffneten Neuen Museum exzellente Voraussetzungen für herausragende Ausstellungen bietet. Es wurde ein Ort gestaltet, der prädestiniert ist, Exponaten vergangener Kulturen eine würdige Umgebung zu bieten. Mit der Eröffnung der neuen Dauerausstellung im Dachgeschoss wurde das Haus wieder komplettiert.

„Dieselben sind meist in Schränken und auf Consolen aufgestellt und zerfallen nach den Perioden ihrer Entstehung in steinerne, bronzene, eiserne und goldene. Museumsführer, 1896“

Mit diesem Zitat wird der Besucher, der über das berühmte Chipperfield-Treppenhaus die acht als Rundgang konzipierten Räume betritt, empfangen. Es entstammt der Ausstellung von 1896 und weist auf die Materialien der Ausstellungsobjekte sowie die großen Themen Stein-, Bronze- und Eisenzeit hin. Jeder Raum ist einem bestimmten Thema zugeordnet. So wird im Roten Saal das Thema „Sammlungen“ im Stil einer Schausammlung der 1880er Jahre dargestellt.

In den historischen Schaukästen des Roten Saals werden ausgewählte Exponate aus dem Besitz Heinrich Schliemanns, Rudolf Virchows und anderer Forscher gezeigt, die verschiedene Forschungsfelder repräsentieren. Der Besucher findet hier beispielsweise einige menschliche Schädel in der Vitrine Virchows, die seine bedeutende Rolle als Mediziner und Ethnologe unterstreichen. Der original erhaltene Raum, die historischen Vitrinen und das gedämpfte Licht sorgen für ein besonderes Ambiente.

Roter Saal
Abb. 2: Roter Saal. Foto: Nora Halfbrodt (Dez. 2014).

Wie auf einer Reise durch die Zeit fühlt sich der Besucher, wenn er, nach dem theatral inszenierten Roten Saal, in das nächste Raumthema „Archäologie in Berlin“ gelangt. In sparsam beleuchteter Umgebung wird in einer eleganten schwarzen Würfelvitrine eine Komposition aus verschiedenen individuell präsentierten Ausgrabungsfunden aus Berlin gezeigt. Mittels zweier PowerPoint-Präsentationen sind die Exponate im Detail zu sehen und werden zeitgeschichtlich in die Stadt eingeordnet. Hier werden also historische Funde im modernen Kontext gezeigt. Spätestens diese ansprechende Darstellung sollte den Besucher vollkommen für die Ausstellung einnehmen.

Vitrine Archäologie in Berlin
Abb. 3: Archäologie in Berlin. Foto: Nora Halfbrodt (Dez. 2014).

Steinzeit
Ist es möglich, eine Zeitspanne von mehr als zwei Millionen Jahren in nur einem Raum darzustellen? – Mut zur Reduktion ist hier die Devise! Natürlich kann nicht die gesamte Epoche mittels Objekten präsentiert werden, aber ein einfach zu verstehender Zeitstrahl, der auch Klimaveränderungen, Innovationen und Ernährungsgewohnheiten der Menschen mit einbezieht, löst das Problem. Er befindet sich auf einem Podest, das gleichzeitig auch als Vitrine für einige exemplarische Objekte dient und die Bühne für den beliebten Berliner Elch bildet. Die schlichte, elegante Gestaltung, die sich durch das ganze Haus zieht, sorgt in diesem Saal für eine klare Struktur und ist durch auf den Vitrinen angebrachte erklärenden Zeichnungen nicht nur ästhetisch gestaltet, sondern auch pädagogisch wertvoll.

Steinzeit (Elch)
Abb. 4: Steinzeit. Dezember 2014. Foto: Nora Halfbrodt (Dez. 2014).

Bronzezeit
Dem Übergang zur Abteilung der Bronzezeit mit dem einzigartigen Blick auf das Chipperfield-Treppenhaus folgend wird der Besucher bei der Aussicht auf die durch Vitrinen gesäumte nachgestellte Prozessionsstraße erneut beeindruckt. Die acht Vitrinen sind beidseitig mit Objekten verschiedener Themen wie Religion oder Handel bestückt. Hier kann man tiefer in das Leben der Menschen der Bronzezeit eintauchen und die elegante Gestaltung im Ganzen auf sich wirken lassen. Schon beim Betreten des Raumes beeindruckt die enorme Geräuschkulisse, erzeugt durch die einzige Audiostation des Museums: Zwei Luren, historische Blechblasinstrumente, erklingen auf Knopfdruck.
Das Schlüsselobjekt der Ausstellung, der Berliner Goldhut, wird am Ende der Prozessionsstraße im Sternenkuppelsaal präsentiert. Der Goldhut wird individuell ausgestellt: Der halbumlaufende Text- und Medientisch mit der hinterleuchteten Schrift wirkt um das mittig platzierte Objekt wie die Zentrale eines Raumschiffes und bricht damit den bisher eher traditionellen Ausstellungsstil des Hauses.

Prozessionstraße zum Goldhut
Abb. 5: Prozessionsstraße. Foto: Nora Halfbrodt (Dez. 2014)

Zeitmaschine
Im Anschluss an die Bronzezeit betritt der Besucher einen Raum mit dem Titel „Zeitmaschine“. Hier handelt es sich um eine überwiegend leere Fläche für Sonderausstellungen. Im Raum steht eine Filmstation mit Sitzgelegenheiten, die dem Besucher die Möglichkeit gibt, das bisher Gesehene zu verarbeiten. In dem aufwändig gezeichneten Film, der besonders von Kindern, aber auch von Erwachsenen gern angenommen wird, wird ein einziger Ort in seiner geschichtlichen Entwicklung gezeigt. Dazu werden Objekte der Ausstellung in ihrem möglichen Gebrauch in den Film einbezogen. Die Medienstation wird nur durch Geräusche, nicht durch gesprochene Texte unterstützt: So kann sie von Besuchern aus aller Welt verstanden werden.

Zeitmaschine
Abb. 6: Zeitmaschine. Foto: Nora Halfbrodt (Dez. 2014).

Eisenzeit
Der letzte Raum befasst sich mit den Innovationen der Eisenzeit. Ein besonderer Schwerpunkt wird dabei auf den damals beginnenden Kulturaustausch durch Handel gelegt. So finden nun Themen wie „Kelten“ und „Mittelmeerwelt“ Einzug in die Ausstellung. Den Abschluss bildet eine mehrlagige Vitrine mit einem Skelett aus La Tène auf der unteren und Grabfunden auf der darüber liegenden Ebene.

Funde La-Tène-Zeit
Abb. 7: Skelett aus La Tène. Foto: Nora Halfbrodt (Dez. 2014).

Farbe bekennen?
Wer in dieser Ausstellung knallige Farben erwartet, wie sie so oft in modernen Museen verwendet werden, muss erkennen, dass hier vor allem abends die Dunkelheit dominiert. Neben schwarzen hochglänzenden Vitrinen und dunklen Texttafeln sorgen eine schwache Beleuchtung und gekonnte Inszenierung für ein mystisches Ambiente, was dieser Ausstellung sehr gut tut. Vormittags jedoch hindert unter Umständen die direkte Sonneneinstrahlung durch die großen Fenster so manchen Besucher am Lesen der Texte, da das teilweise davor befindliche Glas zum Spiegeln neigt. Besonders gelungen ist die Hervorhebung des Berliner Goldhutes, der als Highlight der Ausstellung in seiner Inszenierung durchaus mit der individuellen Präsentation der Nofretete im Nordkuppelsaal mithalten kann.
Nicht überraschend ist der zurückgenommene Einsatz von Medien. Jedoch ist in die eine oder andere Vitrine ein Bildschirm integriert und die „Zeitmaschine“ bildet einen schönen Kontrast zu dem ansonsten klassisch gehaltenen Museum. Es ist spürbar, das die Vermittlung von Inhalten in der neuen Ausstellung einen deutlich höheren Stellenwert als im übrigen Haus hat, jedoch muss sich der interessierte Besucher auf eine reine Lese-Lern-Ausstellung einlassen können, um die Inhalte wirklich zu begreifen.

Funde Bronzezeit
Abb. 8: Blick in eine Vitrine, Bronzezeit. Foto: Nora Halfbrodt (Dez. 2014).

Die Texte dominieren deutlich: Es gibt Saal-, Vitrinen- und Objekttexte sowie Infozettel aus dem Jahr 2009 zum Mitnehmen und improvisierte Aufsteller, die die Forschung an aktuellen Themen und Problemen erklären. Die Audioguides berichten bisher fast ausschließlich über die Geschichte des Neuen Museums und seine architektonische Gestaltung. Während die Saaltexte zum Audioguide passen und über die Räume und Themen informieren, erklären die Vitrinentexte die dargestellten Themen. Die Objektbeschriftungen geben lediglich eine Objektbezeichnung, Datierung und den Fundort wieder. Die inhaltlich für die Ausstellung relevanten Texte sind auf Deutsch und Englisch vorhanden, die Forschungsberichte leider nur auf Deutsch.
Mit dem Erscheinen des Ausstellungskataloges ist in den nächsten Wochen zu rechnen.

Zu guter Letzt
Alles in allem kann man sich hier eine sehr gelungene Ausstellung ansehen, die definitiv bei einem Besuch auf der Museumsinsel mit einzuplanen ist. Sie beinhaltet einige Neuerungen in der Gestaltung, ist hoch ästhetisch und inhaltlich gelungen. Man muss jedoch viel Zeit einplanen, um alle Inhalte erfassen zu können. Klar erkennbar ist, dass Forschung in den Staatlichen Museen zu Berlin eine große Rolle spielt und dass der Direktor des Museums für Vor- und Frühgeschichte, Matthias Wemhoff, daran interessiert ist, dem eher konservativen Haus einen modernen Anklang zu geben. Die Ausstellung ist thematisch gut gegliedert und dadurch übersichtlich. Für die zahlreichen Besucher, die nur einen schnellen Rundgang machen möchten, wäre es jedoch schön, die Texte etwas kürzer zu fassen oder, als Alternative, eine kurze Tour mit den wichtigsten Exponaten und Inhalten mittels Audioguide zu gestalten.

Hinweisschild
Abb. 9: Hinweisschild. Foto: Nora Halfbrodt (Dez. 2014)

„Zurück! Steinzeit.Bronzezeit.Eisenzeit“ (Dauerausstellung)
Museum für Vor- und Frühgeschichte, Staatliche Museen zu Berlin

Neues Museum Berlin auf der Museumsinsel
Bodestr. 1-3
10178 Berlin

http://www.smb.museum/museen-und-einrichtungen/museum-fuer-vor-und-fruehgeschichte/home.html

Kuratierung: Prof. Dr. Matthias Wemhoff, Almut Hoffmann (Steinzeit), Dr. Alix Hänsel (Bronzezeit), Dr. Angelika Hofman (Eisenzeit)

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