„Ich Mann. Du Frau. Feste Rollen seit Urzeiten?“ – von Patricia Pfeiffer

Rollenklischees – Eine archäologische Ausstellung räumt auf
Jetzt kann Caveman einpacken! Die Ausstellung mit dem Thema „Ich Mann. Du Frau. Feste Rollen seit Urzeiten?“ im „Archäologischen Museum Colombischlössle“ in Freiburg räumt mit der heutigen Vorstellung von der strikten Geschlechtertrennung auf und revidiert das Bild des steinzeitlichen Jägers und der Sammlerin. Nicht nur die Frage im Untertitel, sondern auch die farbliche Gestaltung des Plakats –„Mann“ in Pink und „Frau“ in Blau geschrieben – deutet die Intention der Ausstellung an: typisch Mann/ typisch Frau gibt es so gar nicht!
Noch vorm Betreten des ersten Ausstellungsraumes wird der Besucher in der Gegenwart abgeholt. Zwei Waschbecken, jeweils mit Spiegel und diversen Hygiene- und Kosmetikartikeln deuten sofort auf die klischeehafte Trennung in Mann und Frau hin. Auch hier farblich kontrastiert, denn dem Mann wird natürlich die Farbe Blau und der Frau die Farbe Pink zugesprochen – willkommen in der genormten Welt der Geschlechter!

Kosmetik
Foyer: Klischeehafte Trennung von Mann und Frau symbolisiert an Waschbecken sowie an Hygiene- und Kosmetikartikeln, (c) Archäologisches Museum Colombischlössle – Städtische Museen Freiburg, Foto: Museum

Gegenüber befinden sich einige Aussagen, die das heutige Geschlechterverhalten mit der Urgeschichte erklären. Diese Äußerungen, so absurd sie in einer eigentlich emanzipierten Gesellschaft auch erscheinen, zeigen tagtäglich, wie sich die Vorstellungen über den Mann als Ernährer und die Frau als Hausfrau sowie Mutter in unseren Köpfen manifestiert haben und warum diese scheinbar natürlichen Geschlechterrollen gerechtfertigt sind. Doch wer ist eigentlich „Schuld“ an der Misere?

Aussagen
Foyer: Aussagen über das heutige Geschlechterverhalten, Foto: Patricia Pfeiffer

Das Dilemma der Wissenschaft
Gleich der erste Ausstellungsraum greift diesen Aspekt auf und schreibt groß und unübersehbar an die Wand: „Die Archäologie gibt den Objekten ein Geschlecht“. Dieser Satz macht deutlich, dass die Wissenschaft selbst zum Bild der strikten Geschlechtertrennung beiträgt. Wie ist das möglich? Wenn man nicht der Wissenschaft glauben kann, wem dann?
Die Ausstellung thematisiert inwieweit der Mensch sozial konstruiert ist. Jeder Mensch ist durch Erziehung, Umwelt und Gesellschaft geprägt. Das westliche Geschlechterbild impliziert eine heterosexuelle, monogame Zweierbeziehung als das Ursprüngliche, als das Natürliche. Doch dabei liegt der Ursprung dieser Paarbeziehung gar nicht in der Steinzeit, sondern im 18. Jahrhundert. Zu dieser Zeit kristallisierte sich das Zwei-Geschlechter-Modell als Leitbild heraus. Frauen und Männern wurden und werden ein bestimmtes Rollenverhalten, Eigenschaften und Handlungsräume zugeschrieben. Auch Wissenschaftler können nicht aus der eigenen Haut und so wurden oftmals eigene Vorstellungen zu Beziehungsmodellen und Lebensformen auf die Steinzeit übertragen. Die „Rolle der Rollen“ zeigt in einem kleinen angrenzenden Nebenraum Bilder aus verschiedenen Jahrhunderten. An dieser Rollenkonstruktion wird das farbliche Konzept der gesamten Ausstellung besonders deutlich. Die pinken und blauen Punkte auf lilafarbenen Hintergrund verschwimmen nach einigen Sekunden im Auge des Betrachters. Durch die Drehkonstruktion wird der Effekt schneller hervorgerufen. Die „Rolle der Rollen“ präsentiert verschiedene Berufe und Tätigkeiten, die von Männern und Frauen ausgeübt wurden sowie werden, obwohl diese für das männliche oder weibliche Geschlecht in der Gesellschaft als eher unüblich gelten. Dem Besucher wird bewusst, dass es keine klare Rollenaufteilung für Geschlechter gibt. Die Intention wird durch das Verwischen der Farben unterstützt.

Kl Raum
Kleiner separater Raum: „Die Rolle der Rollen“, (c) Archäologisches Museum Colombischlössle – Städtische Museen Freiburg, Foto: Museum

Das Deuten von Geschlecht
Bei einer Bestattung zweier Personen im selben Grab wird sofort auf ein Ehepaar geschlossen und mehr noch, wie ein Beispiel in der Ausstellung zeigt, wurde beim Deuten der Personenkonstellation in der reich bestückten Kammer VI im Grabhügel „Hohmichele“ unhinterfragt von einem Fürst und seiner Gattin ausgegangen. Doch nichts dergleichen weist darauf hin; selbst das biologische Geschlecht konnte nicht ermittelt werden. Hier zeigt die Ausstellung einerseits anhand von Objekten aus Gräbern auf, dass man nicht allein von Beigaben ausgehend auf das Geschlecht des Bestatteten/der Bestatteten schließen kann. Andererseits wird bei sterblichen Überresten, deren Geschlecht sicher nachgewiesen ist, deutlich, dass die Beigaben nicht mit unseren heutigen Assoziationen übereinstimmen: Männer trugen Schmuck und Frauen wurden auch mit Waffen beerdigt.
Brigitte Röder, Professorin für Ur- und Frühgeschichte und Mitentwicklerin der Ausstellungskonzeption, stellt im Vorwort des Ausstellungskatalogs deutlich heraus, dass „das Jäger-Sammlerin-Modell gar nicht auf empirischer (Geschlechter-)Forschung beruhen“ kann, da die Funde zeitlich oft weit auseinander liegen und eine Geschlechtsbestimmung in vielen Fällen nicht möglich ist. Auf welchen Zeitraum bezieht sich denn dann die Prähistorische Geschlechterforschung? Früheste Erkenntnisse können auf das Mittelpaläolithikum zurückgeführt werden, jedoch wird deutlich, dass sich die Funde und damit sichere Erkenntnisse erst ab der „Zeit des modernen Menschen“ (40.000 v. Chr.) erhöhen.

Das Geschlecht als Einheit?
Doch welche Erkenntnisse kann man aus den Funden ziehen, die Geschlechtsorgane und Frauenstatuetten mit übergroßen Körperteilen darstellen und damit einen konkreten Bezug zu Geschlecht und Sexualität haben? Präsentiert werden diese Objekte im zweiten Ausstellungsraum. Die Funde stehen in einer langen Vitrine nebeneinander. Doch warum sind die Objektbezeichnungen nicht direkt unterhalb der Funde angebracht? Absicht? Erst beim Verlassen des Raumes fällt auf, dass die Beschriftungen auf der gegenüberliegenden Wand hängen. Anscheinend soll der Besucher beim Betrachten erstmal selbst ermitteln, was oder welches Geschlechtsorgan diese Funde darstellen sollen. Und das ist auch gar nicht so einfach. Denn wie Stefanie Kölbl im Ausstellungskatalog beschreibt, gibt es „menschenähnliche, geschlechtlich uneindeutige Objekte, die in der Urgeschichtsforschung als „Anthropomorphe“ bezeichnet werden.“ Es ist nicht eindeutig festzustellen, ob es sich bei diesen Objekten um Phalli oder Menschendarstellungen handelt. Bei einigen Funden sind sowohl ein Phallus als auch Schamlippen erkennbar. Wissenschaftler gehen davon aus, dass die Darstellung beider Geschlechter in einer Skulptur beabsichtigt war. „Möglicherweise wurde in den beiden Geschlechtern kein Gegensatz, sondern eine Einheit gesehen.“ Diese Annahme eines Geschlechterkontinuums würde die bisherige Theorie einer bereits strikten Geschlechtertrennung und damit die einhergehenden, sozial konstruierten, festen Rollen seit Urzeiten widerlegen.

Körperdarstellungen
2. Raum: „Körperdarstellungen aus der Steinzeit“, (c) Archäologisches Museum Colombischlössle – Städtische Museen Freiburg, Foto: Axel Killian, Foto: Museum

Den stereotypen Bildern entgegenwirken
Wie kann oder sollte man Funde und Befunde denn dann richtig deuten? Im 3. Raum wird das bereits angesprochene Thema der selbstverständlichen Deutung von zwei Bestatteten in einem Grab als Mann und Frau bzw. Fürst und Gattin aufgegriffen. Durch Rekonstruktionszeichnungen brennen sich diese stereotypen Bilder in unseren Köpfen ein. Wie kann man dem entgegenwirken? Monika Federer entwickelte ein Best Practice Beispiel, welches eben kein statisches Bild eines Ehepaares zeigt, sondern mehrere Möglichkeiten des Beziehungsmodells darstellt. Es wurden Rekonstruktionszeichnungen angefertigt, die einen Herrscher mit junger Frau, ein Fürstenpaar, eine Fürstin mit einem Diener, ein Geschwisterpaar und ein Männerpaar zeigen. Aus dieser Abfolge soll ein kurzer Film entstehen, der vermitteln soll, dass alle Bilder hypothetisch sind und keine Tatsachen über die Lebensformen aussagen kann. Neben zahlreichen Funden kann man sich unterhalb dessen die Rekonstruktionszeichnungen anschauen.

Rekonstruktionszeichnungen
3. Raum Funde und Rekonstruktionszeichnungen, (c) Archäologisches Museum Colombischlössle – Städtische Museen Freiburg, Foto: Axel Killian

Was wäre eine archäologische Ausstellung ohne Skelett? Im 4. Raum werden zwei Bestattungen aus Stetten an der Donau präsentiert. In diesen beiden Fällen wurde das Geschlecht über eine DNA-Analyse sicher nachgewiesen und dem Besucher wird klar, dass man nur anhand der Funde nicht auf das Geschlecht hätte schließen können.

Skelett
4. Raum: Skelett, (c) Archäologisches Museum Colombischlössle – Städtische Museen Freiburg, Foto: Museum

Spur
4./5. Raum: Lila Spur mit Aussagen als Wegweiser und „Baum der Vielfalt“ im Hintergrund, (c) Archäologisches Museum Colombischlössle – Städtische Museen Freiburg, Foto: Museum

Vielfalt
5. Raum: „Baum der Vielfalt“, (c) Archäologisches Museum Colombischlössle – Städtische Museen Freiburg, Foto: Axel Killian

Rollenbilder heute
Durch die Ausstellung wird der Besucher von einem lilafarbenen Verlauf auf dem Boden geleitet, der mit aufgedruckten Fragen oder Aussagen zum Nachdenken anregt. Mit der Aussage „Den Rollen auf der Spur“ wird zum letzten Raum geleitet. Wie bereits am Beginn der Ausstellung endet diese wieder in der Gegenwart. Das Museum startete ein Partizipationsprojekt mit dem Titel „Baum der Vielfalt“. 30 Menschen aus Freiburg und Umgebung machten Aussagen über Beruf oder Tätigkeiten, die eher unüblich für das jeweilige Geschlecht sind. „Der Baum soll Menschen zu einem Perspektivwechsel anregen oder sogar ermutigen, jede nur erdenkliche Rolle zu wählen, wenn sie sich richtig anfühlt.“ Mit diesem formulierten Ziel der Ausstellung wurden die Porträts der Menschen mit den jeweiligen Aussagen an einen „Baum“ gehängt. Zusätzlich wurde ein Spiegel angebracht, in dem sich der Besucher sieht und selbst fragen kann, welche Rolle bzw. Rollen er ausübt.
In jedem Ausstellungsraum gibt es einen kurzen Text zu den besprochenen Themen. Der Text, welcher direkt auf lilafarbenen Hintergrund mit blauen und pinken Punkten gedruckt wurde, spricht über die Ausstellung und Intention. Der Text mit gleichem Design und dem Zusatz eines weißen Hintergrundes diskutiert die Inhalte der Ausstellung. Insgesamt sind die Texte kurz und leicht verständlich. Weitere Vertiefungsmöglichkeiten bietet der Ausstellungskatalog. Der Multimedia-Einsatz bezog sich fast ausschließlich auf Text- und Bildvermittlung. Doch hier zeigt sich, dass ein spannendes Thema durchaus ohne Audio und Video auskommt.

Text Raum 1
Text Raum 5
1./5. Raum: Ausstellungstexte, Fotos: Patricia Pfeiffer

Ausblick
Ziemlich deutlich wurde, dass man unsere heutigen Rollenbilder definitiv nicht auf die Steinzeit oder Urgeschichte zurückführen kann. Vielmehr hat uns die Archäologie gezeigt, inwieweit eine Wissenschaft, die sich doch in erster Linie mit vergangenen Kulturen der Menschheit befasst, dazu beiträgt, unsere heutigen Denkmuster zu hinterfragen, jedoch kann sie diese auch untermauern. Besser als Röder kann man es nicht ausdrücken: „Wenn man aus der Urgeschichte zum Thema Geschlecht etwas lernen kann, dann ist das die Relativität und historische Situiertheit der eigenen Wahrheiten und Gewissheiten rund um dieses Thema.“ Was sollten wir also in Zukunft tun? Die Ausstellung zeigt, dass Funde und Befunde bewusst als Relikte vergangener Kulturen angesehen werden sollten, die man nicht auf unser westlich orientiertes Gesellschaftsbild übertragen kann.
Mit der zunehmenden Untersuchung der Sammlungen und Ausstellungen unter dem Aspekt „gender“ und „queer“ in Museen europaweit, wird für das Thema in Bezug auf sexuelle Vielfalt, verschiedene Lebensformen und Familienmodelle, die von der heteronormativ, geprägten Welt abweichen, sensibilisiert. An dieser Stelle, und das ist auch der einzige negative Kritikpunkt an der Ausstellung, sollte mit dem Begriff der „sexuellen Vielfalt“ gearbeitet werden. Zwar wird das Thema der Homosexualität in der Ausstellung und im Katalog angeschnitten, jedoch geschieht dies eher oberflächlich. Denn es gibt zahlreiche Facetten, die in Verbindung mit dem anatomischen Geschlecht, der Geschlechtsidentität und der Geschlechterrollen stehen. Möglicherweise gab es in der Urgeschichte Formen, die wir nicht kennen oder es gelingt uns mit Berücksichtigung des Begriffes neue Erkenntnisse zu gewinnen. Und was ist neben der Erlangung neuen Wissens über die Vergangenheit das Ziel unserer Selbstreflektion? In erster Linie geht es um das Erkennen der bestehenden Machtverhältnisse und der ungleichen Behandlung von Frauen und Männern in politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Bereichen. Unser bestehendes Geschlechterbild, welches seinen Ursprung im 18. Jahrhundert hat und durch den Bezug auf das vermeintlich schon immer da gewesene urgeschichtliche Geschlechterbild unangefochtene Legitimation erhält sowie weiterhin als Leitbild fungiert, muss reflektiert und revidiert werden. Schlussendlich bleibt dann nur noch die Frage, wozu wir feste Rollen noch brauchen? Aber bis zur Auflösung ist es ein langer Weg.

„Ich Mann. Du Frau. Feste Rollen seit Urzeiten?
Archäologisches Museum Colombischlössle, Städtische Museen Freiburg
16.10.2014 – 17.05.2015
http://www.freiburg.de/pb/,Lde/604837.html

Kuratierung: Beate Grimmer-Dehn, Helena Pastor Borgoñón, Brigitte Röder
Gestaltung: Gestaltergruppe Raumeinsichten, Karlsruhe – http://www.raumeinsichten.de/

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s