„Mythos Hammaburg“ – Vom Mythos zur Ausstellung. Die Ergebnisse einer archäologischen Puzzlearbeit – von Claudia Bauer

Einführung
Die Hammaburg, die schon lange als Ursprung der heutigen Stadt Hamburgs galt, war lange Zeit nur aus archivalischen Quellen bekannt. Ihre archäologischen Spuren auf dem heutigen Domplatz gaben der Wissenschaft zu rätseln. In drei großen Ausgrabungskampagnen wurden verschiedene historische Befestigungsanlagen gefunden, doch keine schien auf die beschriebene Burg aus dem 9. Jahrhundert zu passen. Ein mehrjähriges Forschungsprojekt, das 2007 nach der letzten Grabungskampagne begann, untersuchte das gesamte Fundmaterial unter Berücksichtigung historischer Quellen.
Auf Grundlage dieser neuesten Analysen kam es zu einer überraschenden Neubetrachtung und zu einer Umdeutung der bisherigen Forschungsergebnisse. Die Wissenschaftler sind sich nun einig, dass eine der gefundenen Befestigungsanlagen umdatiert werden muss und somit als die Hammaburg identifiziert werden kann. Nach jahrelanger archäologischer Feinarbeit wurde nun also der Mythos um die Hammaburg entschlüsselt und somit ein wichtiger Abschnitt in der Stadtgeschichte Hamburgs erschlossen.

Plakat
Abb. 1: Ausstellungsplakat, Rekonstruktion der Hammaburg vor 845 (von Tim-John Müller), (c) Archäologisches Museum Hamburg

„Das Puzzle ist nun zusammengesetzt worden. Der richtige Zeitpunkt also, um unsere spektakulären Ergebnisse der Öffentlichkeit zu präsentieren”,[1] so der Direktor des Archäologischen Museums und Landesarchäologe Professor Dr. Rainer-Maria Weiss. In diesem Rahmen ist die Sonderausstellung „Mythos Hammaburg – Archäologische Entdeckungen zu den Anfängen Hamburgs“ entstanden, die seine Besucher zu den Ursprüngen der Stadt zurückführt.

Eingang
Abb. 2: Eingang zur Ausstellung, Typar IV: Siegelstempel der Stadt Hamburg; Foto: Claudia Bauer

Weg zur Ausstelllung
Die Ausstellung befindet sich im Helms-Museum, das gleich schräg gegenüber des Archäologischen Museums im Stadtteil Harburg liegt. Von der nahe gelegenen U-Bahnstation wird auch der nicht ortskundige Besucher durch kleine Hinweisschilder sicher zum Museum geführt. Am Gebäude angekommen grüßt vom Eingang her schon das Plakat der Ausstellung, das vor einem dramatischen Abendhimmel eine Rekonstruktion der Hammaburg zeigt. In großen Lettern steht der Titel ‚Mythos Hammaburg‘ darauf, der durch eine farbliche Absetzung bereits hinweist, das die Hammaburg namensgebend für die Stadt Hamburg war.
Das Eingangsfoyer ist ein großer Raum mit hohen Decken, in dem sich auch die Museumslounge befindet. Eine Trennwand grenzt den Kassenbereich ab. Auf ihr ist ein Siegelstempel der Stadt vergrößert abgebildet. Das Siegel zeigt die Darstellung einer Burg, die noch heute auf dem Stadtwappen zu sehen ist. Das Tor der Burg bildet hier eine bogenförmige Öffnung, durch die der Besucher symbolhaft die Burg und gleichzeitig den Ausstellungsbereich betritt. Dahinter befindet sich ein Tresen, an dem die Eintrittskarten, der Ausstellungskatalog sowie andere Museumsartikel gekauft werden können. Der über 500 seitige Katalog bietet 36 reich illustrierte Beiträge, die von Wissenschaftlern verfasst wurden. Am Ende des dritten Ausstellungsmonats wurden bereits über die Hälfte der Exemplare verkauft. Diese Nachfrage zeigt das allgemeine Interesse vieler Hamburger an der Entstehungsgeschichte ihrer Stadt.

Gestaltung
Abb. 3: Ausstellungsbereich, im Hintergrund: Tafelbild des Missionars Ansgar (Leihgabe der Hauptkirche St. Petri, Hamburg); Foto: Claudia Bauer

Ausstellungsgestaltung
Durch eine Glastür hindurch betritt man nun den 400 qm großen Ausstellungsraum. Hier steht der Besucher erst einmal einer dunklen Wand gegenüber, die jegliche Sicht auf den übrigen Raum verhindert. Auf ihr klebt ein gelber Pfeil, der sicherstellt, dass die gewünschte Laufrichtung beachtet wird. Zur zusätzlichen Orientierung sind die Texttafeln durchnummeriert. Die historischen Ereignisse sind chronologisch geordnet. Es beginnt mit den ersten Siedlungsspuren Hamburgs, den Anfängen der frühen Befestigung des 8. Jahrhunderts und endet im 12. Jahrhundert mit dem Beginn der Stadtwerdung. Auf diese Weise erschließt sich dem Besucher Schritt für Schritt die anfängliche Entwicklung Hamburgs.
Der Raum besitzt keine Fenster und die Wände sowie der Boden sind schwarz. Diese schlichte und dunkle Raumgestaltung legt sich ganz in den Hintergrund. Der Einsatz von Deckenleuchten fokussiert zusätzlich den Blick des Besuchers auf die Ausstellungsinhalte. Die Objekte lassen sich auf diese Weise gut in den Vordergrund heben und auch die weißen Wandtexte setzten sich vor der schwarzen Wand strahlend ab. Eine zweite Lichtquelle bildet der blaue Schein von Bildschirmen, die in regelmäßigen Abständen an den Wänden angebracht sind und animierte Rekonstruktionen der Hammaburg aus verschiedenen Jahren und Perspektiven zeigen. Im Gesamten wird eine Raumatmosphäre hergestellt, die sich in den Ausstellungsplakaten mit dem dunklen und dramatischen Wolkenhimmel wiederfindet. In dieser dunklen, flimmernden Atmosphäre fügen sich die historischen Ereignisse ein, die mit Hilfe thematisch passender Exponate veranschaulicht werden.

Wandtexte
Die einzelnen Themenbereiche der Ausstellung sind durch Überschrifttafeln betitelt. Darunter angeordnet befinden sich die großen nummerierten Texttafeln. Sie geben speziell zum Themenbereich einführende Informationen. Auch bieten sie zu bestimmten Themen eine Pro- und Contra- Gegenüberstellung zu einer aufgestellten These und schließen mit einem Fazit ab. Im Themenbereich ‚Rätsel Hammaburg gelöst?‘ findet diese Form unter anderem Anwendung. Die Für- und Gegenpunkte, die zur Identifizierung der Hammaburg geführt haben, sind auf diese Weise übersichtlicher zu erkennen und erleichtern es, das am Schluss gezogene Fazit nachzuvollziehen. Die Gegenüberstellung legt zudem offen dar, welche Argumente dennoch gegen die These sprechen könnten.
Texttafeln kleineren Formats sind den großen Tafeln nebengeordnet. Sie erläutern einzelne Aspekte des Einführungstextes. Auf diese Weise wird im Themenbereich ‚845: Der Wikingerüberfall‘ erklärt, wer die Wikinger waren und dass das Bild der Hörnerhelme tragenden Plünderer nicht dem vielschichtigen Leben der Wikinger gerecht wird. Im gleichen Format sind die Objekttexte gestaltet, die einerseits reine Begriffszuordnungen aufweisen, aber andererseits auch längere Erläuterungen zu einzelnen Objekten besitzen.
Alle Wand- und Objekttexte lassen sich gut lesen, sie sind prägnant, nicht zu lang und verständlich formuliert. Sie geben eine gute Einführung in das jeweilige Thema. Bei weiter reichenden Fragen sollte der umfangreiche Katalog helfen, der allerdings erst für Recherchen zu Hause dienen kann. Hier wäre zu überlegen, ob es an ausgewählten Stellen in der Ausstellung nicht schön wäre, den Katalog für die Besucher auszulegen, um genau diese vertiefenden Informationen schon während eines Besuchs zur Verfügung zu stellen.

KanneAbb. 4: Tatinger Kanne vom Hamburger Domplatz (Nachbildung); (c) Archäologisches Museum Hamburg

Exponate
Wichtige Grabungsfunde werden hier zum ersten Mal der Öffentlichkeit präsentiert. So auch die Kreuzfibel vom Domplatz. Solche Fibeln waren im Frankenreich weit verbreitet und symbolisierten die Akzeptanz des christlichen Glaubens. Die Hamburger Kreuzfibel ist das nördlichste Exemplar, das bisher gefunden wurde. Auch eine Nachbildung der Tatinger Kanne, deren Fragmente 1952 bei der Ausgrabung auf dem Domplatz gefunden wurden, wird mit anderen Keramikfunden in einer Vitrine ausgestellt. Dieser Kannentyp war ein seltener Luxusgegenstand des 9. Jahrhunderts.
Leihgaben aus anderen Museen, Archiven und Kirchen ergänzen den Bestand der Ausstellungsexponate. So wurde unter anderem auch das Hamburger Elfenbein-Evangeliar aus der Staats- und Universitätsbibliothek Hamburg für die Ausstellung beschafft. Aus konservatorischen Gründen musste dieses jedoch nach drei Monaten Ausstellungsdauer durch ein Foto ersetzt werden. Der Siegelstempel Typar IV wurde ebenfalls zum Schutz durch eine Replik ersetzt.

KreuzfibelAbb. 5: Kreuzfibel vom Domplatz (Nachbildung), (c) Archäologisches Museum Hamburg

Archäologische Präsenz
Gleich zu Anfang der Ausstellung zeigt ein großer, an der Wand angebrachter Ausgrabungsschnitt einen Spitzgraben, der Teil der frühen Befestigungsanlage war. Der Besucher bekommt ein Bild, wie sich die archäologischen Spuren noch immer im Boden abzeichnen. Weiter in der Ausstellung vorangeschritten hängen Profilzeichnungen an der Wand, die während der Ausgrabungen angefertigt wurden. Sie zeigen den Graben der Hammaburg sowie den der vorangehenden Befestigungsanlage im Vergleich. Hier wird nicht allein die für die archäologische Arbeit wichtige Dokumentation präsentiert, sondern eines der zusammengesetzten Puzzleteile, die zur Identifizierung der Hammaburg führten.
Die Ausstellung vermittelt dem Besucher mit Grabungsprofilen, Zeichnungen und Grabungsfunden die archäologischen Spuren, die kombiniert mit den schriftlichen Quellen die Wissenschaftler auf die Spur der Hammaburg führten. Gegen Ende der Ausstellung kann man sich auf einem Tablet Fotos von den Ausgrabungen auf dem Domplatz ansehen; es bietet einen weiteren Einblick in die archäologische Arbeit.

Rekonstruktionen
Die animierten Rekonstruktionen der Hammaburg veranschaulichen das Aussehen der Befestigungsanlage, so wie es nach dem neusten Forschungsstand vermutet wird. Die Bildschirme sind an verschiedenen Stellen in der Ausstellung angebracht und stehen jeweils in einem Kontext mit den umgebenden Wandtexten. So geben die Animationen die jeweils passenden Ansichten wieder und sind in der entsprechenden Zeitstufe dargestellt. Auch führen sie dem Besucher wiederholt vor Augen, dass es sich bei der Hammaburg nicht um eine aus Stein erbaute Burg handelt, sondern eine aus Holzpalisaden befestigte Anlage.
Neben den Rekonstruktionen in einem kleineren Format sind Fotos angebracht. Sie zeigen passende Stadtansichten vom aktuellen Hamburg. Für Einwohner und Besucher, die die Stadt kennen, eine Möglichkeit einen Bezug zu der aktuellen Lebenswelt herzustellen.

Rekonstruktion Luftbild
Abb. 6: Rekonstruktion der Hammaburg vor 845 in der Vogelperspektive (von Tim-John Müller), (c) Archäologisches Museum Hamburg

Eine frühe Holzkirche sowie der sogenannte Bischofsturm sind ebenfalls in Form von kleinen Modellrekonstruktionen präsentiert.
Gegen Ende der Ausstellung sieht man die animierten Bilder der Hammaburg noch einmal in einem kurzen Film. Er wird in einem kleinen abgetrennten Bereich vorgeführt und zeigt in der Vogelflugperspektive das virtuelle Hamburg zur Zeit der Hammaburg. Alle Rekonstruktionen erleichtern es einem sich eine Vorstellung der vergangenen Architektur zu machen.

Seitenansicht
Abb. 7: Rekonstruktion einer Seitenansicht der Hammaburg vor 845 (von Tim-John Müller), (c) Archäologisches Museum Hamburg

Am Ende der Ausstellung
Vor dem Ausgang liegt ein dickes Gästebuch, in dem viele Seiten mit Einträgen beschrieben sind. Es sind überwiegend positive Einträge, die sich auch häufig bedanken, dass man selbst als Hamburger etwas Neues über seine Stadt gelernt hat. Die Ausstellung ‚Mythos Hammaburg‘ richtet sich wohl auch vermehrt an die Einwohner, die hier das spannende Kapitel zu den Anfängen ihrer Stadt kennen lernen, nachdem dieses Bild dank neusten Erkenntnissen klarer wurde. Darum ist es nicht verwunderlich, dass Teile der Ausstellung in der Dauerausstellung integriert werden sollen.[2]
Für Kinder scheint die Ausstellung allein nicht besonders spannend zu sein, da die Vermittlung vorwiegend über die Wandtexte verläuft, nur der Film bietet gegen Ende hin Abwechslung. Einige Begleitprogramme zur Ausstellung, die speziell für Kinder und Familien sind, mögen dies wieder wettmachen.

Am Ende der Ausstellung hat man einen aufschlussreichen Rundgang durch die Anfangszeit Hamburgs gemacht und Neues über das Stadtkapitel gelernt, das lange im Dunkeln lag. Die Ausstellung konnte mit dem Mythos um die Hammaburg endgültig abschließen und dem Besucher die neusten Erkenntnisse darüber präsentieren.

Hammaburg im Stadtbild
Abb. 8: Rekonstruktion der Hammaburg im heutigen Stadtbild (von Tim-John Müller), (c) Archäologisches Museum Hamburg

Mythos Hammaburg – Archäologische Entdeckungen zu den Anfängen Hamburgs
Archäologisches Museum Hamburg – http://amh.de/
31.10.2014 bis 26.4.2015

Kuratierung: Rainer Maria Weiss, Ingo Petri
Gestaltung: Harry Vetter – http://www.harryvetterteam.de

Katalog: Mythos Hammaburg : archäologische Entdeckungen zu den Anfängen Hamburgs hrsg. von Rainer-Maria Weiss u. Anne Klammt, Kiel ; Hamburg : Wachholtz, 2015

[1] Archäologisches Museum Hamburg, Presseinformation Mythos Hammaburg, 2 <http://amh.de/index.php/17914&gt; (09.04.2015).

[2] Lisa Hansen, Mythos Hammaburg. Archäologisches Museum Hamburg <http://mythos-hammaburg.de/content/geschichte-hilft-sich-selbst-zu-verstehen-und-auch-die-anderen-werner-sch%C3%A4fke&gt; (09.04.2015)

Advertisements

Ein Gedanke zu “„Mythos Hammaburg“ – Vom Mythos zur Ausstellung. Die Ergebnisse einer archäologischen Puzzlearbeit – von Claudia Bauer

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s