Von Ruinen, Lagerhallen und Sportstätten – „Filmtheater. Kinofotografien von Yves Marchand und Romain Meffre“ – von Jenny Amarell

Was geschieht mit US-amerikanischen Kinogebäuden, mit Prachtbauten, die einst die Ära des Kinos einläuteten, sich dem späteren Kinosterben aber nicht entziehen konnten? Die Sonderausstellung „Filmtheater. Kinofotografien von Yves Marchand und Romain Meffre“ im Deutschen Filmmuseum in Frankfurt, kuratiert von Jessica Niebel und gestaltet von Karl-Heinz Best und Petra Brockhaus, widmet sich dieser Fragestellung. 30 großformatige Fotografien der Serie „Theaters“ der beiden jungen Pariser FotografeAusstellungsraum Deutsches Filmmuseumn sind seit dem 26. November 2014 ausgestellt. Abgebildet sind alte leerstehende US-amerikanische Kinosäle, deren Überreste noch den vergangenen Glanz der Blütezeit des Filmtheaters erahnen lassen und gleichzeitig zeigen, wie die Gebäude mittlerweile genutzt werden. Mit teilweise erstaunlichen Umnutzungskonzepten sorgen die Exponate für Faszination oder Bedenken, wenn beispielsweise ein Supermarkt oder ein Fitnesscenter in einem ehemaligen architektonisch wertvollen Kino entstehen.

Alhambra Theatre, San Francisco
Alhambra Theater, San Francisco, CA, 2013, © Yves Marchand and Romain Meffre. Courtesy Polka Galerie, Paris.

Raumeindruck
Das cineastische Thema der Ausstellung spiegelt auch der Raum der Sonderausstellung selbst wieder. Schon beim Eintritt taucht der Besucher in die Welt des Filmtheaters ein. Das typische Ambiente eines Kinosaals ist geschaffen: Ein abgedunkelter Raum mit flauschigem, dunkelgrauen Teppich und hellen Wänden. Als Sitzgelegenheit dienen freistehende rote Kinosessel, teilweise aus ehemaligen Frankfurter Kinos. Wie im Kino die Leinwand, bilden hier die großformatigen Fotografien in schlichten Rahmungen an den Wänden den Fokus. Ihre konventionelle Hängung passt gut zur Raumgestaltung.

Ausstellungsraum Filmmuseum
Blick in die Ausstellung des Deutschen Filmmuseums, Frankfurt; © Jan-Christoph Hartung. Deutsches Filminstitut, Frankfurt

In einem Überblickstext auf Deutsch und Englisch wird auf die technischen Details ihrer Aufnahmen eingegangen. Zudem werden die wichtigsten Werke Marchands und Meffres genannt. Beide Fotografen entdeckten schon 2001, im Alter von 15 und 20 Jahren, ihre Begeisterung für Ruinen, die sie 2005 mit ihrer Fotoserie „Ruins of Detroit“ zum Ausdruck brachten. Zu diesem Zeitpunkt entstanden bereits erste Aufnahmen leerstehender Filmtheater. Seit 2006 widmen sie ihre Aufmerksamkeit ganz der Fotoserie „Theaters“, in der sie sich ausschließlich auf alte Kinopaläste in den USA beziehen. Inzwischen sind rund 200 Fotografien in fortlaufender Serie entstanden. Diese werden mit einer Großformatkamera, mit der Langzeitaufnahmen von bis zu einer Stunde möglich sind, aufgenommen.

Ausstellungsraum 2 Filmmuseum
Ausstellungsraum; © Jan-Christoph Hartung. Deutsches Filminstitut, Frankfurt

In welcher Reihenfolge die 30 Fotografien angeschaut werden, bleibt dem Besucher überlassen. Jedes der Werke spricht für sich und bildet ein anderes Filmtheater ab. Neben den Fotografien sind jeweils die wichtigsten Daten und die Nutzungsgeschichte der Kinos zusammengefasst. Die Beschreibungen befinden sich sowohl für Rollstuhlfahrer als auch für Kinder in gut lesbarer Höhe.

Fotografien
Marchand und Meffre dokumentieren mit ihren Fotografien, was mittlerweile aus den alten Filmtheatern geworden ist, in denen früher teilweise mehr als 4000 Kinobesucher Platz fanden. Die Fotografien zeigen die Überreste der früheren prunkvollen Kinobauten, die in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts, zu Beginn der Blütezeit des Kinos, errichtet wurden. Spätestens in den 1950er Jahren, vor allem mit dem Aufkommen des Fernsehens als Massenmedium, setzte schließlich das große Kinosterben ein. Einige der fotografierten Kinogebäude stehen heute leer und sind dringend restaurationsbedürftig. Teilweise werden sie aufgrund ihres architektonischen und historischen Wertes inzwischen geschützt.

Fox Theater, Inglewood
Fox Theater, Inglewood, CA, 2008; © Yves Marchand and Romain Meffre. Courtesy Polka Galerie, Paris.

Andere ehemalige Filmtheater wurden und werden für völlig unterschiedliche Zwecke genutzt beziehungsweise um-genutzt. So stehen Schulbusse in einer heruntergekommenen Halle, deren reichlich verzierte Decke den einstigen Kino-Glanz erahnen lässt oder eine Sporthalle wird inmitten eines prachtvollen Kinosaals errichtet.

State Theater, West Orange
State Theater, West Orange, NJ, 2009; © Yves Marchand and Romain Meffre. Courtesy Polka Galerie, Paris.

Paramount Theater, Brooklyn, NY, 2008 © Yves Marchand and Romain Meffre. Courtesy Polka Galerie, Paris.
Paramount Theater, Brooklyn, NY, 2008; © Yves Marchand and Romain Meffre. Courtesy Polka Galerie, Paris.

Gerade der Zerfall der Architektur, das Nicht-Perfekte sowie die Umnutzung der Räumlichkeiten sind das interessante und einzigartige der Fotografien, was ihre Betrachter staunen oder schmunzeln lässt oder zum Nachdenken bringt. Kunst und Dokumentation werden vermischt. Der abgebildete Zerfall und die Umnutzungen verdeutlichen noch den Niedergang des Filmtheater-Zeitalters. Es entstehen neue Zusammenhänge zwischen völlig unterschiedlichen Welten, die keinerlei Berührungspunkte aufweisen und dadurch surreal wirken können. Ein Gottesdienstraum, Wohnungen oder Supermärkte gehören plötzlich zur Geschichte der Kinogebäude.

Rundblick
Mit der Sonderausstellung würdigt das Deutsche Filmmuseum zwei herausragende Fotografen, deren Werke ein besonders für die Medienwissenschaft relevantes Thema darstellen. Sie zeigen die letzten Überreste einer Ära, die den Film und seine Rezeption wesentlich beeinflusst und vorangetrieben hat. Aufgrund der Inhalte der Fotografien eignet sich die Sonderausstellung auch für Familien mit Kindern, die sicherlich viel Spannendes in den Exponaten entdecken können. Umrahmt wird die Ausstellung von einem Begleitprogramm in Form von einer Filmreihe, Vorträgen und Führungen. Die Räumlichkeiten des Filmmuseums können barrierefrei erschlossen werden.
Parallel zu der Sonderausstellung wird auch die lokale Geschichte des Filmtheaters thematisiert. Unmittelbar vor dem Raum der Sonderausstellung, in der Lounge des dritten Stockwerkes, wird auf die historische Entwicklung der Frankfurter Kinos hingewiesen. Ein Überblickstext führt erst allgemein und anschließend spezifisch über Frankfurt in die Thematik ein. Sitzgelegenheiten vor einer großen Leinwand laden dazu ein, eine kommentierte Bilderschau über die Geschichte der Frankfurter Filmtheater anzusehen. An den Ausstellungswänden verdeutlichen Reklametafeln ehemaliger Kinos, dass das Kinosterben auch vor den Städten Europas und hier insbesondere Frankfurts keinen Halt gemacht hat. In einem Stadtplan sind frühere und heutige Kinos rund um Frankfurt markiert, die ebenfalls das drastische Schwinden der Filmtheater darstellen. Zusätzlich befindet sich mittig im Raum der Sonderausstellung ein kleiner Raum, der wie ein Kino gestaltet ist. Zu verschiedenen Uhrzeiten findet dort eine etwa 20-minütige Filmvorführung statt, in der Ausschnitte aus der deutschen Wochenschau vergangener Jahrzehnte gezeigt werden, die das deutsche Kino und dessen Entwicklung thematisieren.
Zur Sonderausstellung gibt es leider weder einen Ausstellungskatalog, noch einen Bildband über die Fotoserie „Theaters“. Ein Grund mehr, sie noch bis zum 31. Mai 2015 zu besuchen.

Filmtheater. Kinofotografien von Yves Marchand und Romain Meffre
Deutsches Filmmuseum Frankfurt – http://deutsches-filminstitut.de/filmmuseum/
26.11.2014 bis 31.05.2015

Kuratierung: Jessica Niebel
Gestaltung: Karl-Heinz Best (mind the gap! design) – http://www.mindthegap-design.de/
Petra Brockhaus (Brockhaus Innenarchitektur) – http://www.brockhaus-innenarchitektur.de/

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