Game on! – „Film und Games – Ein Wechselspiel“ – von Elke Schimanski

Wenn man das Wort Computerspiel oder Games hört, denken viele Menschen an Egoshooter, junge Teenager, die mit Pizzakartons vor dem PC sitzen oder dergleichen. Wenige denken bei Games an Kultur. Dass diese aber schon längst in der Kulturszene angekommen sind, zeigt die Sonderausstellung „Film und Games –Ein Wechselspiel“ vom 01. Juli 2015 bis 31. Januar 2016 im Deutschen Filmmuseum in Frankfurt am Main. Hier kommt noch ein weiterer Aspekt dazu, den beide Seiten, die Gamer und die Cineasten, vielleicht nicht unmittelbar wahrnehmen: Die Wechselwirkung der beiden Medien. Den Gemeinsamkeiten, Unterschieden und Eigenheiten, aber auch der Konkurrenz und Konflikten sollen in dieser Ausstellung nachgegangen werden.[1]

Kuratiert wurde sie von Dr. Wolfger Stumpfe, der bis März 2014 Leiter der Bundeskunsthalle in Bonn war und Dr. habil. Andreas Rauscher, langjähriger wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Filmgeschichte der Johannes-Gutenberg-Universität in Mainz, der zu dem Thema „Spielerische Fiktionen – Genrekonzepte in Videospielen“ habilitierte.

Die Ausstellung befindet sich im dritten Stock des Filmmuseums und ist auch für Rollstuhlfahrer über einen Aufzug erreichbar. Sobald man den Raum betritt, fühlt man sich wie in dem US-amerikanischem Spielfilm „Tron“ von Steven Lisberger aus dem Jahre 1982. Die markanten blauen Linien auf schwarzem Hintergrund ziehen sich durch den kompletten Ausstellungsraum. Passend zum Film kann der Besucher an einem Arcade-Automaten sich im Spiel zum Film erproben. Das schummrige Ausstellungslicht lässt an eine Spielehalle denken. In diesem Bereich beschäftigt sich die Ausstellung mit dem Thema „Film zum Spiel und Spiel zum Film“. An verschiedenen Stationen werden Filme und das jeweils passende Game dazu nebeneinander gestellt. Ich wage mich an das Spiel „Indiana Jones and the last Crusade“ aus dem Jahre 1989. Es handelt sich hierbei um eines der ersten Spiele, bei dem es möglich war, die ganze Handlung des Films nachzuspielen. Die Spielstation funktioniert ohne Probleme.

Blick in die Ausstellung(Quelle: Deutsches Filminstitut / Copyright: Uwe Dettmar)

In der Mitte in diesem Bereich steht eine Vitrine mit einer medienarchäologischen Sensation: Das Spiel „E.T. the Extraterrestrial“ das 1982 zum Film erschien, jedoch für die Firma Atari einen riesigen Misserfolg darstellte. Eine große Masse an unverkauften Exemplaren wurde in der Wüste von New Mexico vergraben. Jedoch hat ein Archäologe diese wieder ausgegraben und dem Filmmuseum für die Ausstellung Exemplare zu Verfügung gestellt.

Der nächste Bereich widmet sich dem Thema „Art Games“. Es soll gezeigt werden, inwieweit Games Kunst sind und sich die Kunstszene und Games beeinflusst haben. Denn „die Frage nach dem Kunststatus des Computerspiels wird immer wieder gestellt.[2] Hier gibt es wieder zwei interaktive Stationen. Besonders das Spiel „Bit Trip Beat“, entwickelt von Gaijin Games, erscheint bemerkenswert.

Bit Trip Beat (Gaijin Games, 2009)

Bit Trip Beat (Gaijin Games, 2009)

Es erinnert mich an das Spiel „Pong“ von Atari. Bei „Bit Trip Beat“ kommen „Beats“, kleine Balken, in verschiedenen Größen und in wechselnden Abständen von rechts nach links ins Bild und sollen abgewehrt werden. Besser gelingt das, wenn man sich vom Takt der Musik mitnehmen lässt.

Bei den interaktiven Stationen fällt auf, dass sie nicht beschriftet sind und es auch keine weitere Erklärung gibt, was der Spieler zu tun hat. Für geübte Gamer kein Problem, aber für ein fachfremdes Publikum sind die Spiele nicht selbsterklärend genug. Positiv ist zu erwähnen, dass für Rollstuhlfahrer die Spielmöglichkeiten auch gut zu erreichen sind, da die Tische mit den Controller sehr niedrig stehen oder man sogar im Sitzen spielt. Weitere Szenen aus Spielen wie „Limbo“ oder „Journey“ sind auf Leinwänden zu sehen und können auf den Besucher wirken. Beide Spiele haben interessante und total unterschiedliche Graphiken die es sehr augenfällig werden lassen, dass Games zu Recht den Anspruch erheben, auch Kunst zu sein.

Im nächsten Bereich werden die spielerischen Einflüsse in Filmen unter die Lupe genommen. Vielen Zuschauern mag es nicht bewusst sein, wie viele Elemente aus Spielen in Filmen verarbeitet werden. Ein Beispiel ist die Levelstruktur. Zur Veranschaulichung wird hier der Film „Inception“ (2010) von Christopher Nolan aufgeführt. In „Inception“ müssen sich die Protagonisten auch durch verschiedene Traumlevels „spielen“, um am Ende an ihr Ziel zu kommen. Der Besucher kann sich hinsetzen und die verschiedenen Szenen in Ruhe auf sich wirken lassen.

Als großer Soundtrack-Fan habe ich mich auf den nächsten Teil der Ausstellung besonders gefreut: Bild- und Klangräume. Zwei Stationenzeigen Hintergrundvideos der Spielemacher zu verschiedenen Themen. Sie laufen auf Tablets mit Kopfhörern, sind auf Englisch, aber mit deutschen Untertiteln. Ein Pluspunkt: Der Besucher kann die Lautstärke selbst einstellen. Die Interviews geben interessante Informationen, beispielsweise zum Sound von „Alien Isolation“ , ein Spiel das 2014 auf den Markt gekommen ist. Detailliert wird erläutert, wie die Macher versuchen, mit dem Sound eine bedrohliche Atmosphäre zu erzeugen und eine Reaktion vom Spieler zu erwirken, denn der Sound reagiert auf den Spieler. Versteckt sich dieser zu viel, wird der Sound intensiver, um so beim Spieler die Aufregung zu verstärken und ihn zu einer größeren Aktivität zu motivieren.

Die Videos sind sehr informativ und funktionieren ohne Probleme. Die Tablets sind in niedrige Tische eingelassen, jedoch gibt es keine Sitzgelegenheiten. Will der Besucher sich alle Videos anschauen, wird die Haltung nach einer gewissen Zeit unangenehm. An zwei Soundstationen kann ich mir verschiedene Soundtracks zu Filmen und Games anschauen. Auch hier lässt sich die Lautstärke einstellen. Generell erscheint das Ton-Konzept der gesamten Ausstellung gut gelungen. Dazu gehören auch sogenannte Soundduschen, bei denen glockenförmige Lautsprecher den Schall gezielt auf den Besucher richten, der gerade unter der „Dusche“ steht oder sitzt.

Der vorletzte Bereich beschäftigt sich mit „transmedialen“ Welten und Figuren. Beim Transmedialen geht es darum, dass verschiedene Figuren in unterschiedlichen Medienwelten vorkommen. Hier stehen Lara Croft aus dem Spiel „Tomb Raider“ und „Star Wars“ ganz klar im Mittelpunkt. „Tomb Raider“ begann seine Erfolgsgeschichte 1996 als Computerspiel. Viele weitere Spiele sollten folgen und 2001 schaffte es Lara Croft verkörpert von Angelina Jolie auf die Leinwand des Kinos. Hinzu kam der ein intensives Merchandising in Form von Actionfiguren, Kostümen etc.. Lara Croft ist eine transmediale Figur par excellence. Kurator Andreas Rauscher beschreibt ihre Welt so: „Sie zierte in den 1990er Jahren das Cover von Lifestyle-Magazinen, kämpfte in einem Videoclip gegen die Ärzte und machte Werbung für den Autohersteller SEAT. Ob es sich um eine postfeministische Ikone oder eine Männerphantasie in neuer Verpackung handelt, hängt letztendlich nicht nur von den Entscheidungen der Designer, sondern auch mit der kulturellen Praxis der Spieler zusammen. Die Diskussion um Lara bewirkte einige Umgestaltungen in späteren Spielen, vergleichbar der Neubesetzung der Hauptrolle in einer populären Filmreihe wie James Bond oder Batman.“ Es bleibt abzuwarten, inwieweit sich Lara Croft vielleicht noch weiter verändern wird und sich dem Zeitgeist anpassen muss.

Blick in die Ausstellung (Quelle: Deutsches Filminstitut / Copyright: Uwe Dettmar)

Blick in die Ausstellung (Quelle: Deutsches Filminstitut / Copyright: Uwe Dettmar)

„Zu den bis heute erfolgreichen und bekanntesten Beispielen für ein transmediales Universum zählt die 1977 von George Lucas erdachte ‚Star Wars‘-Saga.“, so Rauscher. Filme, Spiele, Legobausätze, Stofftiere und Actionfiguren, ja ganze Romanreihen, wurden produziert. In der Ausstellung kann man sich an dem Spiel Lego- Star Wars versuchen und mit dem X-Wing-Starfighter gegen die „dunkle Seite“ kämpfen. Gut gemacht ist an allen Spielestationen der direkte Vergleich der beiden Medien Film und Game: Zu jeder interaktiven Sequenz kann der Besucher die passende Szene oder Begebenheit aus dem Film daneben sehen oder umgekehrt.

Im finalen Bereich widmet sich die Schau dem Thema „Genre“. Hier soll gezeigt werden, wie produktiv die Schnittstelle zwischen Film und Games sein kann. Der Fokus liegt aber bei den Spielen nicht auf einem konkreten Vorbild, sondern es werden Bildmotive, Figurentypen und Standardsituationen wie eine Verfolgungsjagd oder ein Duell aus Filmen aufgegriffen. Dazu Kurator Andreas Rauscher: „Auf diese Weise bilden Spiele wie ‚Red Dead Redemption‘ und ‚Mass Effect‘ in ihrem ästhetischen Einfallsreichtum einen eigenständigen Beitrag zu den Genres Western und Science-Fiction in einem medienübergreifenden Sinn.“

Red Dead Redemption (Rockstar Games 2010)

Red Dead Redemption (Rockstar Games 2010)

Mass Effect (Electronic Arts, 2007)

Mass Effect (Electronic Arts, 2007)

Es gibt kein richtiges Leitsystem für den Besucher. Jedoch bin ich intuitiv gegen den Uhrzeigersinn gegangen, und die Inhalte sind unabhängig voneinander rezipierbar. Daher ist eine Wegführung nicht unbedingt von Nöten.

Eine Besonderheit gibt es außerhalb der Ausstellungsfläche zu erleben. Eine Studentengruppe des Mediencampus Darmstadt-Dieburg hat eine Installation mit dem Namen „LufTraum“ für den 14 Meter hohen und 4 Meter breiten Luftraum im Foyer des Museums entwickelt. Besucher können ihre Wünsche eingeben, die dann in den Luftraum projiziert werden und in jedem Stockwerk verändert, weitergeleitet, aber auch zerstört werden können. Der Ausstellungskatalog ist den Preis von 34,90 € auf jeden Fall wert. Die angesprochenen Aspekte in der Ausstellung werden im Katalog intensiver besprochen und wirken mit vielen Bildern aus Filmen und Spielen sehr ansprechend. Abschließend ist zu sagen, dass das Deutsche Filmmuseum mit dieser Ausstellung einen großen Beitrag dazu geleistet hat, Games noch weiter als Kulturgut zu etablieren. Die Ausstellung richtet sich zudem an ein breit gefächertes Publikum. Sie ist spannend für Kinder, aber auch Erwachsene, die gerade die älteren Spiele und Filme aus ihrer Kindheit kennen, werden nicht enttäuscht. Für einen Familienausflug ist sie bestens geeignet. Bleibt nur zu sagen:

Game on!

[1] Dillmann, Claudia: Vorwort, in: Eva Lenhardt u. Andreas Rauscher (Red.), Film und Games – Ein Wechselspiel, Berlin 2015, S. 6.

[2] Schwingeler, Stephan: Das Computerspiel im Kunstdiskurs, in: Lenhardt u. Rauscher (Red.), S. 213-220, hier: S. 213.

„Film und Games –Ein Wechselspiel“

Deutsches Filmmuseum in Frankfurt am Main – http://www.filmundgames.de/

1.7.2015 bis 31.1.2016

Kuratierung: Wolfger Stumpfe und Andreas Rauscher

Gestaltung:  Stefan Blaas, Daniel Finke – TATWERK Ausstellungsgestaltung & Medienplanung – http://www.tatwerk.eu

Katalog: Eva Lenhardt u. Andreas Rauscher (Red.), Film und Games – Ein Wechselspiel, Berlin 2015

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