1.700 Jahre Todsünde und kein Ende in Sicht – von Jana Rech und Bernd Holtwick

Religiöse Fragen erscheinen entweder todernst oder völlig belanglos. Beide Extreme machen Ausstellungen sehr schwierig. Mit der „Sünde“ wendet sich das LWL-Landesmuseum für Klosterkultur in Dalheim einem zentralen Begriff des Christentums zu – und steht damit vor der Herausforderung zu erklären, warum denn das Thema einen Besuch des etwas abgelegenen Ortes unweit der A 44 südlich von Paderborn lohnt.

Das Werbe-Faltblatt zur Ausstellung „Die 7 Todsünden. 1.700 Jahre Kulturgeschichte zwischen Tugend und Laster“ nennt die Todsünden relevant, denn „keine Zeit, keine Generation, kein Mensch kann sich ihnen entziehen. In Form von Regeln und Gesetzen halten sie seit dem frühen Mittelalter das Ich-Streben des Einzelnen zugunsten einer solidarischen Gesellschaft im Zaum.“[1] Die Argumentation ist klassisch funktionalistisch: Die Religion nützt der Gesellschaft, indem sie Regeln definiert. Das ist insofern geschickt, als es – kleinster gemeinsamer Nenner von Frommen und Ungläubigen – die Frage nach dem Wahrheitsgehalt religiöser Aussagen vermeidet. Ob wahr oder falsch, nützlich für die Gesellschaft sind sie allemal. Tatsächlich? Das scheint diskutierbar.

In der Ausstellung ist dagegen die Rede von den Todsünden „als Grundeigenschaften des Menschen: Jede Zeit findet für sie neue Deutungsformen.“ Demnach geht es eher um anthropologische Konstanten, auf die Gesellschaften jeweils reagieren, sie z.B. verbieten oder tolerieren. Ob z.B. „Habgier“ wirklich ohne den spezifisch religiösen Kontext zu deuten ist, scheint zweifelhaft. Wenn überhaupt, müssen sich Gesellschaften vielleicht mit der Frage beschäftigen, wie persönliches Eigentum organisiert sein soll und welches Verhältnis die Einzelnen zu ihrem Besitz haben.

Zugkräftiger als religionstheoretische oder philosophische Überlegungen dürfte wohl ohnehin das Kokettieren mit der Zurschaustellung der Sünden im Haus der Frommen, dem ehemaligen Kloster, sein, oder wie es der Werbezettel pointiert propagiert: „Zwischen Patres und Pin-ups.“

Die Ausstellung schlägt vor diesem Hintergrund einen Bogen von der Antike bis in die Gegenwart und nimmt in weiser Beschränkung eine westeuropäische, später auf das Deutsche Reich, dann auf die Bundesrepublik verengte Perspektive ein. Sie besteht aus drei Räumen, die aufgrund der architektonischen Gegebenheiten des historischen Gebäudes recht weit voneinander entfernt liegen. Der erste Raum ist der Vormoderne und der Entstehung der christlichen Idee der Todsünden gewidmet. Der zweite Raum beleuchtet die Umwälzungen des 19. und 20. Jahrhunderts und die daraus resultierende veränderte Wahrnehmung von Todsünden heute, die im letzten Raum thematisiert wird. Die Wegeführung ist klar bestimmt durch den chronologischen Gang durch die Geschichte.

Die Ausstellungsarchitektur ist geprägt durch ein dominantes, aber doch sehr angenehmes Rot, das mit Schwarz kontrastiert wird. Dämonen hängen an der Decke, passend und dekorativ, ohne dabei abzulenken. Sehr prägnant tritt die Textebene auf. Plakative Überschriften erwecken den Anschein, mit weißer Farbe an die roten Wände gepinselt zu sein.

Wohltuend fällt die semantische Optimierung der Texte auf. Sie sind durchgängig auf das Wesentliche reduziert und folgen der Regel, eine Aussage pro Zeile zu treffen. Auch der Stil unterstützt die Verständlichkeit, z.B. durch Aktiv-Sätze und die Reduzierung von Fachbegriffen Vorbildlich!

Der kleine Einführungsbereich ist vom Rest des ersten Raumes durch sieben schmale, hohe Wände abgeteilt, die jede Todsünde mit einer Szene des heutigen modernen Lebens zeigt. Bewegt man sich einen Schritt zur Seite, erscheinen Illustrationen auf den abgebildeten Menschen, die deren Gesichter verzerren und das Negative betonen. Jede dieser Szenen ist mit einem Zitat aus der TV-Werbung untertitelt (z.B. „Geiz ist geil“). Diese Installation ermöglicht in Verbindung mit dem einführenden Text eine ruhige Einstimmung in die Ausstellung ohne sofort in den Raum zu hasten. Gleichzeitig setzt sie den oben erwähnten inhaltlichen Anspruch einfach und eindrucksvoll um.

Altarbild aus Regensburg, Foto: LWL/Ansgar Hoffmann, www.hoffmannfoto.de, (c) Stiftung Kloster Dalheim

Altarbild aus Regensburg, Foto: LWL/Ansgar Hoffmann, http://www.hoffmannfoto.de, (c) Stiftung Kloster Dalheim

Der folgende erste Teil der Ausstellung beschäftigt sich mit der Entstehung der christlichen Vorstellung von Hauptlastern und Todsünden, über deren Verbreitung im Spätmittelalter bis hin zur Neudefinition durch die Reformation. Die theologische Diskussion verdeutlichen Texte wie frühe Pergament-Manuskripte oder auch eine bemerkenswerte Keramikscherbe aus dem 6./7. Jahrhundert, auf der der Wüstenmönch Evagrius Ponticus Versuchungen aufzählt, denen es zu widerstehen galt. Die Zahl der Exponate bleibt umsichtig reduziert, was die Übersichtlichkeit fördert und die Einzelstücke zur Geltung kommen lässt. Eine willkommene Abwechslung bildet der nachgebaute Beichtstuhl, aus dem ein Flüstern dringt. Tritt man näher, erhebt sich die Stimme und konfrontiert den Besucher mit bedrängenden Beichtfragen. Nur an dieser Stelle verwendet die Ausstellung offenen Ton und setzt damit einen besonderen Akzent.

Statuetten

Statuetten von Peter Dell (1490-1552), Foto: LWL/Ansgar Hoffmann, http://www.hoffmannfoto.de, (c) Stiftung Kloster Dalheim

Die „Zeiten des Umbruchs“ im hinteren Teil des ersten Raumes lenken den Blick der Besucher auf Martin Luther. Sein Porträt – oberhalb der Ablasstruhe – ist so dargestellt, wie die Dämonen: Schwarz auf Rot. In diesem Bereich ändert sich das bisherige Farbkonzept, denn es treten Wände in Hellgrau hinzu. Hier finden sich auch Kleinskulpturen wie die wunderbaren Statuetten der Todsünden von Peter Dell d.Ä. Von den Grafiken „Die sieben Todsünden“ Jakob Mathams zeugen leider nur noch die Bohrlöcher und die Exponattexte an der Wand.

Unter der Überschrift von „Lust und Völlerei“ schließt die Barockzeit diesen ersten Ausstellungsraum ab. In den Mittelpunkt gestellt werden Luxuskonsum und Frivolität der Oberschicht – in Kontrast zu den kirchlichen Moralvorstellungen. Hier findet Casanova ebenso seinen Platz wie der (reproduzierte) Glas-Phallus einer Äbtissin oder spektakuläre Schaubankette. Insgesamt fällt in diesem ersten Raum die Höhe einiger Vitrinen etwas unangenehm auf. Kleinere Besucher oder gar Rollstuhlfahrer können die Objekte nur eingeschränkt sehen. Diese Größen-Barriere begrenzt hier und in der Folge auch den Nutzen der Touch-Screen-Stationen. Allerdings beschränken sich deren Inhalte ohnehin eher auf Texte und wenige Bilder, die vertiefen oder Nebenaspekte erläutern.

In Raum 2 stimmt eine Projektion den Besucher auf das Thema des folgenden Bereichs ein. Unter dem Motto „Nur keine Trägheit“ drehen sich ratternde Zahnräder. Wohl baulich bedingt, aber mehr als passend: Die hell erleuchtete Tür links der Projektion trägt die Aufschrift „Kein Durchgang“. Wer der Versuchung des Regelbruchs widersteht (wie die Rezensenten), findet dagegen rechts den richtigen Weg im Halbdunkel. Es öffnet sich ein Dachraum, wo sich die Zeitabschnitte 19. Jahrhundert, 1871-1933 und 1933-1945 hintereinander reihen.

Die Einzelthemen hier sind vielfältig und entsprechend groß ist die Zahl der Exponate. Es geht um die bürgerliche Doppelmoral des 19. Jahrhunderts, um neue naturwissenschaftlichen Erkenntnisse in Biologie und Psychologie (Darwin, Freud) und um den Kolonialismus (Hochmut!). Auf die „neue Freizügigkeit“ in Kaiserreich und Weimarer Republik folgt der Nationalsozialismus. Die Nationalsozialisten erhoben, so die Ausstellungsthese, die Todsünden zum „Grundpfeiler nationalsozialistischer Moral“[2]: „Das Unmoralische als Moral“. Gestalterisch wechselt hier das Rot in ein tristes Grau. Der Bereich gliedert sich strikt nach den einzelnen Todsünden, deren Bezeichnungen mit roter Farbe dick durchgestrichen sind.

Drehbare Fotos

Drehbare Fotos, Foto: LWL/Ansgar Hoffmann, http://www.hoffmannfoto.de, © Stiftung Kloster Dalheim

Den „Hochmut“ illustriert mehr als eindrucksvoll ein großer Globus aus dem Führerbau in München. Dort, wo Deutschland kartografiert ist, hat ein Soldat sein Bajonett hinein gestochen. Was könnte in Bezug darauf besser die Hybris des NS bloßstellen als Charlie Chaplins Tanz mit dem Globus in seinem Film „Der große Diktator“, der auf einem Monitor zu sehen ist. Bei der „Trägheit“ findet sich eines der wenigen baulichen Interaktionen: auf drehbaren Stäben sind fotografische Abbildungen positioniert, die auf der Vorderseite den schönen Schein (Propagandaaufnahmen) und auf der Rückseite die versteckte Realität des Dritten Reichs zeigen. Dadurch werden die zum Teil drastischen Bilder der Rückseite erst auf den zweiten Blick sichtbar, erhalten aber besondere Aufmerksamkeit, da man hier physisch etwas verändern kann und dabei überraschende Einsichten gewinnt. So berechtigt die absolut negative Bewertung des NS ist, es bleibt doch die Frage, ob man dem Regime mit den Kategorien der sieben Todsünden wirklich gerecht wird. Die Wurzeln des NS, die Entfesselung der Gewalt und die Dynamik der Zerstörung lassen sich damit wohl nicht erklären oder verstehen.

Der Weg in den dritten Raum im Keller ist weit, die Luft dort unten stickig. Die Besucher landen in der Zeit von 1945 bis zur Gegenwart mit Themen wie Völlerei („Fresswelle“), „politischer Zorn“ in der Studentenbewegung oder auch der sexuellen Revolution mit der Reproduktion eines frühen Beate-Uhse-Katalogs zum Durchblättern. Die DDR findet sich in einer einzigen Touch-Screen-Station abgehandelt

Im vorletzten Teil zu den „Sieben Todsünden heute“ setzen sieben kreisrunde und leuchtende Vitrinen neue und eindrucksvolle gestalterische Akzente. Sie beherbergen Exponate aus der unmittelbaren Gegenwart, wodurch schließlich der Bogen zur Eingangssequenz mit den Werbeslogans gespannt wird.

letzter Raum

Der letzte Ausstellungsraum, Foto: LWL/Ansgar Hoffmann, http://www.hoffmannfoto.de, © Stiftung Kloster Dalheim

Hier ist der Ort für originelle Entdeckungen, sei es die Dissertation Karl-Theodor zu Guttenbergs oder das Tagebuch eines 17-jährigen Mädchens, in dem es 1992 auflistet, mit welchen Jungen es „geknutscht“ und mit welchen es „gepennt“ habe. Der Bereich reißt also diverse gesellschaftliche Phänomene an, die dem Besucher ein Gesamtbild der heutigen Gesellschaft geben sollen.

Kommentare

Besucherkommentare, Foto: LWL/Ansgar Hoffmann, http://www.hoffmannfoto.de, © Stiftung Kloster Dalheim

Die Ausstellung endet mit dem Bereich „Todsünde, wie stehst du dazu?“. Ihre Antworten können die Besucher auf Zetteln notieren und auf Wäscheleinen hängen. Diese Möglichkeit wird sehr gut angenommen, was belegt, wie sehr das Thema zum Nachdenken anregt und welche vielfältige Assoziationen es auslöst: „Trägheit ist keine Sünde, sondern eine Lebenseinstellung“, „Der Mensch ist halt schlecht“, „Deutscher Hochmut gegenüber Griechen“. Die Kommentare sind, wie es scheint, nicht kuratiert. Stattdessen kommentieren sichdie Besucher untereinander.

Ob diese Frage nach „Sünde“ in der heutigen Gesellschaft noch aktuell ist, was überhaupt noch als „Sünde“ angesehen werden kann, das beantwortet die Ausstellung nur oberflächlich. Gerade der heutige Umgang mit menschlichen Fehlern birgt einen spannenden Bogen zur Entstehung des Todsündengedankens des Mittelalters. Eine Vertiefung von reflektierten Gedanken dazu mit interaktiver Einbeziehung des Besuchers wurde hier am Ende der Ausstellung vermisst. Stattdessen erscheint der mittlere Teil mit seiner großen Themenvielfalt zur Beibehaltung des nachmittelalterlichen „Sündengedankens“ vom 19. Jahrhundert bis heute räumlich überdimensioniert und inhaltlich nicht so überzeugend wie gerade der erste Ausstellungsraum.

Selbst wenn, insgesamt betrachtet, verschiedene Thesen der Ausstellung diskutierbar erscheinen – sie beweist immerhin den Mut zur pointierten Aussage und präsentiert diese nicht zuletzt durch die klaren Texte so, dass man darüber diskutieren kann. Wohlfeil wäre der Vorwurf der populistischen Vereinfachung, denn Ausstellungen sollen ein breites Publikum ansprechen. Allein die Besucherreaktionen beweisen, wie gut das hier gelingt.

Garten

Außenbereich, Foto: LWL/Ansgar Hoffmann, http://www.hoffmannfoto.de, © Stiftung Kloster Dalheim

Interessant ist übrigens, dass sich – wie ein Faltblatt erläutert – im Klostergelände verteilt weitere Hinweise zu Todsünden finden. So wird die Wechselausstellung in den Rest des Geländes mitgenommen und die Besucher finden bei einem Rundgang durch die große Anlage Themen wieder oder entdecken Neues.

Die 7 Todsünden. 1700 Jahre Kulturgeschichte zwischen Tugend und Laster
Stiftung Kloster Dalheim LWL-Landesmuseum für Klosterkultur
http://www.lwl.org/LWL/Kultur/kloster-dalheim/ausstellungen/sonderausstellung/2015
30.5.2015 bis 1.11.2015

Kuratierung: Helga Fabritius

Gestaltung: Philipp Schwerdtfeger, Johannes Vogt, Marion Wolke – Vogt & Schwerdtfeger Raumzeit GbR
http://www.raumzeit.ag/index.php

Katalog: Stiftung Kloster Dalheim/Ingo Grabowsky (Hg.), Die 7 Todsünden. 1.700 Jahre Kulturgeschichte zwischen Tugend und Laster, Münster 2015

[1] http://www.lwl.org/kloster-dalheim-download/2015_download/DALHEIM-Die-7-Todsuenden-Faltblatt.pdf

[2] Linda Eggers, Das Unmoralische als Moral. Todsünden im Nationalsozialismus, in: Stiftung Kloster Dalheim (Hg.), Die 7 Todsünden, Münster 2015, S. 76.

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