„Homosexualität_en“. Modern provokant, historisch aufklärend – von Anna Karl

„Homosexualität_en“. Modern provokant, historisch aufklärend – von Anna Karl

Homosexualität_en. Der Titel verdeutlicht schon die große Vielfalt an Geschlechteridentitäten. Ausgedrückt wird diese auch durch das Ausstellungsplakat.[1]

1_Plakat

Ausstellungsplakat mit Heather Cassils © für das Plakat verwendete Foto: Heather Cassils and Robin Black 2011

Es zeigt das männlich muskulöse Leitbild, mit rot geschminkten Lippen. Die abgebildete kanadische Künstlerin und Bodybuilderin Heather Cassils widerspricht dem erwarteten Aussehen und entzieht sich der Zuordnung zu einem Geschlecht. Erstmals seit 1984 widmet sich ein großes Museum wieder dem sensiblen Thema. Das Deutsche Historische Museum (DHM) bearbeitet zusammen mit dem Schwulen Museum auf 1.600 Quadratmetern ein breites Spektrum an Aspekten zu Homosexualität.

Homosexualität_en und Gegenwartskunst

Die Ausstellung im Schwulen Museum thematisiert Homosexualität in der Gegenwartskunst. Im Kassenbereich hängt ein Schild mit der Warnung vor der Darstellung von nackten Menschen und dem sexuellem Inhalt der Ausstellung. Natürlich deutet das auch schon der Titel an. Wenn man jedoch das kleine Schild beim Hineingehen übersieht und durch den schweren dunklen Filzvorhang in den ersten Raum tritt, könnte manch schwaches Herz ins Stocken geraten. Links eine Leinwand mit einem nackten tanzenden Mann. Rechts an einer blauen Wand die Projektion des Films „Blow job“ von Andy Warhol. Dahinter ein weiterer Warhol-Film in dem eine Frau lasziv eine Banane isst. Im Hintergrund läuft dagegen Opernmusik. An einer Wand hängen Bilder mit männlichen schwarzen Silhouetten, teils in eindeutigen Posen. Die Mitte des Raums ist wie eine Tanzfläche gestaltet, Schwarzlicht weist einem den Weg. Darauf befindet sich eine Säule mit Kopfhörern die Musik abspielen, allerdings kann man diese auch ohne Kopfhörer hören.

2_Erster_Raum

Erster Ausstellungsraum im Schwulen Museum mit Tanzfläche und Film © Deutsches Historisches Museum, Foto: Wolfgang Siesing, Berlin.

An der Rückseite der Säule sind die Songs betitelt, z.B. Diana Ross mit „I‘m coming out“. Wendet man den Blick nach rechts, sieht man durch einen schwarzen Streifenvorhang den Film „different but the same“, in dem verschiedene Menschen beim Geschlechtsverkehr zu erkennen sind.

Zu allen Werken im Raum gibt es zwar Objektschilder, allerdings ohne nähere Erläuterungen zur Intention o.ä., die Kunstwerke sollen für sich stehen. Allerdings fehlt dem Besucher dadurch der Kontext. Wieso werden hier Filme und Bilder von Männern beim Geschlechtsverkehr gezeigt? Möglicherweise soll der Besucher mit Klischees konfrontiert und in gewisser Weise vielleicht auch provoziert werden. Eine eindeutige Aussage wäre dennoch hilfreich gewesen.

„Top and Bottom“ lautet das Thema des nächsten Raums. Er ist ganz in Weiß gehalten. An einer Wand befindet sich eine spannende Porträtreihe von Frauen, die stark maskulin aussehen. In kurzen Zitaten berichten sie über ihre Gefühle in Situationen, in denen sie für Männer gehalten wurden. Gegenüber blickt einen „Der Fall des Herkules“ an, ein modernes, farbenfrohes Ölgemälde. Durch einen weißen Gang, in dem weiße Leinwände mit dem Titel „general idea white aids“ hängen, gelangt man in ein graues Achteck. Die Installation zeigt an die Wände projiziert Männer in einem öffentlichen Bad. Diese Thematik will sich jedoch nicht recht in den Rest des Raums einfügen. Dort befinden sich weiterhin Bilder von Tieren mit bunten Farbklecksen, die miteinander schmusen. Eine sehr anregende Idee, denn die Tiere kommen aus unterschiedlichen Gattungen, z.B. ein Hund und ein Delfin – ein gutes Beispiel dafür, dass eine wichtige Botschaft, auch ohne anzüglich zu sein wie bei manch anderen Exponaten, verständlich kommuniziert werden kann. Außerdem gibt es hier eines der wenigen Objekte zu sehen, einen Umschnalldildo. Durch das beleuchtete Podest und die fehlende Vitrine wird das Objekt ästhetisch überhöht und wirkt wie eine Kunstinstallation. Im nächsten Raum erwartet den Besucher eine weitere Installation, ein blauer Kasten mit Glühbirnen. Die genaue Bedeutung erschließt sich nicht, muss es aber als Kunstwerk auch nicht unbedingt. Eine kurze Beschreibung wäre dennoch sinnvoll gewesen. In den beiden darauf folgenden weißen Räumen stehen viele Fernseher und Bänke mit bunten Kissen.

3_Menschen

Menschen stellen sich vor © Deutsches Historisches Museum, Foto: Wolfgang Siesing, Berlin.

Homosexuelle, Wissenschaftler und andere ganz verschiedene Leute stellen sich und ihre Queer-Projekte in kurzen Interviews vor. Die persönlichen Geschichten laden zum Verweilen und Nachdenken ein. Über eine Art Kinosaal, in dem ein Tanzfilm aus den 20er Jahren läuft, gelangt man zurück in den ersten Raum.

Homosexualität_en in allen Lebensbereichen

Der andere Teil der Ausstellung befindet sich im Deutschen Historischen Museum. Der erste Unterschied, der hier ins Auge fällt: Hier gibt es Erläuterungstexte – der Besucher weiß somit, wo er steht. Die grafische Gestaltung ist dabei die gleiche wie in der anderen Ausstellung. Im Gegensatz zum Schwulen Museum, das hauptsächlich mit Bildern und Filmen arbeitet, stehen im DHM mehr die Objekte im Vordergrund. Gestartet wird mit im Raum verteilten Vitrinen in Säulen, in denen sich die unterschiedlichsten Exponate befinden, z.B. eine Babyrassel. An einer Seite der Säule kann man die Nummer eines Objekts wählen und es erscheint ein Interview mit einer Person, die den Gegenstand ins Museum gebracht hat und die dessen Bedeutung in ihrem homosexuelles Leben erklärt. Beispielsweise eine Lesbe, die ihr zweites ‚Coming-Out‘ hatte, als sie und ihre Partnerin sich mit ihrem Kind, für das die Rassel steht, im Kindergarten vorstellen mussten. Um die Erläuterungen hören zu können, muss man einen Hörer nehmen. Am Ende des Raums hängen Gemälde und Zeichnungen von Frauen, die den vorherrschenden Frauenbildern ihrer Zeit auf unterschiedliche Weise nicht entsprachen. Dabei bleibt aber die Deutung ihrer sexuellen Orientierung offen. Die Wände des anschließenden Raums sind durch verschiedene Rot-Töne farbig unterteilt. An ihnen befinden sich Gemälde und Fotos aus der Geschichte der Homosexualität mit Themen wie ‚Antike und ihre Rezeption‘ oder ‚Amerikanische Männerfotografie‘. Diese sollen der Anfang eines neuen Archivs sein, bei dem die Vielfalt der Geschlechterorientierung und nicht Verfolgung oder Unterdrückung im Vordergrund stehen soll. Der nächste Raum in Grau zeigt Gitterwände mit „Wildem Wissen“.

3b_Wissen

„Wildes Wissen“ im Deutschen Historischen Museum © Deutsches Historisches Museum, Foto: Thomas Bruns, Berlin.

In alphabetischer Reihung geben Begriffserklärungen und Objekte einen Einblick in politische Aktionen, Organisationen und Debatten. Im Flur zum Treppenhaus finden sich Kontaktdaten von Institutionen, die sich mit Homosexualität beschäftigen. Der erste Raum der oberen Etage beherbergt leuchtend rote Hörstationen, in die man sich hineinsetzen und Geschichten von Aktivisten aus aller Welt zum Thema „Schimpf und Schande“ sowie homophobe Äußerung von Politikern und Kirchenmännern hören kann.

4_Shame

Hörstationen „Schimpf und Schande“ © Deutsches Historisches Museum, Foto: Thomas Bruns, Berlin.

Hier wird einem das erste Mal bewusst vor „Ohren“ geführt, wie aggressiv auch heute noch gegen Homosexuelle gehetzt wird. Im darauffolgenden Raum springen dem Besucher gleich die großen Karten an der Wand ins Auge, die die Verfolgung von Homosexualität in der Geschichte visualisieren, z.B. zur Zeit des Kolonialismus oder in welchen Ländern wann die Strafverfolgung geendet hat oder erschreckenderweise immer noch stattfindet.

5_Verfolgung

Verfolgung und Unterdrückung von Homosexualität © Deutsches Historisches Museum, Foto: Thomas Bruns, Berlin.

Im Saal verteilt werden nach Ländern eingeteilt Objekte zur Geschichte, wie Abbildungen zur Kennzeichnung von KZ-Häftlingen, in schlichten Vitrinen präsentiert. Homosexuelle wurden in KZs durch einen rosa Winkel gekennzeichnet. Im Gedenkraum „Im Rosa Winkel“ erzählen sechs männliche und weibliche Überlebende der NS-Zeit persönliche Geschichten. Im Zentrum steht die 1984 enthüllte, erste Gedenktafel für homosexuelle Opfer des Nationalsozialismus. Von diesen ist häufig nicht mehr als ihr Name oder ein Foto geblieben, dennoch erwartet man als Besucher in einem Gedenkraum, dass auch Geschichten von ermordeten Opfern erzählt werden. Der nächste Raum behandelt Homosexualität in der Wissenschaft, z.B. dass sie früher als Krankheit galt und wie sie angeblich zu verhindern sei. Kaltes Licht und steril wirkende Vitrinen unterstützen diese Thematik. Schlagwörter auf von der Decke hängenden Paneelen und auf Bodenfeldern stecken farblich angepasste thematische Bereiche ab. Den Abschluss der Ausstellung bildet die Schwulenbewegung der 1970er Jahre. Die Grafik des Raums passt sich dieser Thematik an. Moderne Skizzen sind an die Wand gemalt, genau wie die Objektbeschriftungen. Bunte Ausstellungsstücke wie Christopher-Street-Day-Kostüme oder Regenbogenanstecker hellen zum Ende hin nochmals die Stimmung nach NS-Zeit und wissenschaftlichen Diagnosen auf.

Vielschichtigkeit_en der Ausstellung

Die besondere Bedeutung einer solchen Ausstellung wird bei einem Besuch der beiden Museen deutlich. Sie reflektiert die Ausgangslage und zeigt ausschnitthaft Bestände der Archive zu Homosexualität_en. Im Schwulen Museum wird der Besucher mit Kunstobjekten konfrontiert, das DHM hebt den geschichtlichen Kontext hervor und arbeitet hierbei auch mit Objekten. Allerdings zumeist mit Dokumenten, Gemälden oder Plakaten, die beim Besucher offensichtlich den Eindruck „mehr Buch als Ausstellung“ (Zitat Gästebuch DHM) hinterlassen. Die Präsentation ist thematisch aufgebaut, eine spannende Alternative zur chronologischen Darstellung. Sie ist vielseitig und abwechslungsreich gestaltet, jeder Raum bildet eine geschlossene Einheit. So kann sich der Besucher leicht orientieren und stets neue Einblicke in die Vielfalt sexueller und geschlechtlicher Lebensweise gewinnen. Diese Vielfalt verspricht ja auch der Titel. Im Schwulen Museum stehen jedoch homosexuelle Männer eindeutig im Fokus, Frauen sind hier unterrepräsentiert. Faszinierend sind die individuellen Lebensgeschichten, die in beiden Museen eindrucksvoll geschildert werden.

Der Mut der beiden Museen, sich diesem komplexen und in der Gesellschaft kontrovers diskutierten Thema zu widmen, ist lobenswert. Ein Besuch der Ausstellungen öffnet den Blick für Vielschichtigkeiten – wenn man sich auf das Thema einlässt, kann man spannende Aspekte entdecken.

Ein 220 Seiten umfassender Katalog rundet die Ausstellung ab.

„Homosexualität_en“ im Schwulen Museum* (http://www.schwulesmuseum.de) und im Deutschen Historischen Museum in Berlin (https://www.dhm.de)

26.Juni – 1.Dezember 2015

Kuratierung: Birgit Bosold, Dorothée Brill, Detlef Weitz unter wissenschaftlicher Mitarbeit von Sarah Bornhorst, Noemi Molitor und Kristine Schmidt

Gestaltung: Detlef Weitz, Dr. Sonja Beeck – Chezweitz GmbH, Berlin – http://www.chezweitz.de

Katalog: Birgit Bosold, Dorothée Brill und Detlef Weitz (Hg.), Homosexualitäten, Dresden 2015

[1] Das Plakat scheint häufiger kritisiert worden zu sein, da es einen offenen Brief an den/die „sehr geehrte_n Kritiker_in“ gibt (https://www.dhm.de/fileadmin/medien/relaunch/presse/pressebilder/HMSX/Plakatkritik_final.pdf)

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