Kunst, Mode und Design: Die Neukonzeption des Kunstgewerbemuseums Berlin – von Nora Caroline Halfbrodt

Kunst, Mode und Design – Die Neukonzeption des Kunstgewerbemuseums Berlin –  von Nora Caroline Halfbrodt

In den letzten Monaten fand das Berliner Kulturforum in den Medien häufig Erwähnung: Die Neue Nationalgalerie muss saniert werden, Mario Testino stellte in einer spektakulären Ausstellung dieses Jahr einige seiner fotografischen Meisterleistungen in den Ausstellungsräumen der Kunstbibliothek aus, auf einem nahe gelegenen Grundstück wird ein neues Museum erbaut und die Konzeption des Vorplatzes wird überarbeitet. Aber der ab den 1950er Jahren geplante Kulturkomplex hat noch mehr zu bieten – das Kunstgewerbemuseum ist ein Paradebeispiel der Berliner Museumslandschaft!

Eingang zum Kunstgewerbemuseum am Kulturforum © Staatliche Museen zu Berlin, Kunstgewerbemuseum / Achim Kleuker

Eingang zum Kunstgewerbemuseum am Kulturforum © Staatliche Museen zu Berlin, Kunstgewerbemuseum / Achim Kleuker

Eine große Sammlung – eine lange Ausstellungstradition

Im 19. Jahrhundert wurde die Sammlung nach dem Vorbild des Londoner Victoria and Albert Museums angelegt. Sie sollte als Vorbilder- und Mustersammlung den Geschmack von Künstlern, Handwerkern und Bürgern prägen. Durch die Zusammenführung mit großen Teilen der Königlich-Preußischen Kunstkammer und dem Mobiliar des Berliner Stadtschlosses erlangte die Sammlung große historische Bedeutung.

Der verschlossene, wenig einladende, graue Museumsbau wurde nach langjähriger Bauphase unter Berücksichtigung der anthroposophischen Pläne des Architekten Rolf Gutbrod im unfertigen Zustand eröffnet: Die geplanten Brücken in den Tiergarten und weitere Bauteile wurden bis heute nicht ergänzt. Zwischen 2012 und 2014 versuchte das Architektenbüro Kuehn Malvezzi, das Gebäude mit den rund 3000 m² Ausstellungsfläche umzugestalten, um die Sammlung in rechtem Licht zu präsentieren. Am 22. November 2014 konnte das Haus wiedereröffnet werden und zeigt nun die neue Modeausstellung mit 130 Kostümen der Jahre 1750 bis 2000 sowie die Themen Design und Jugendstil bis Art déco in neuer Raumkonzeption. Weitere Museumsräume sollen in den nächsten Jahren ebenfalls umgestaltet werden.

Blick ins Foyer mit den Superzeichen des Wegeleitsystems © Staatliche Museen zu Berlin, Kunstgewerbemuseum / Achim Kleuker

Blick ins Foyer mit den Superzeichen des Wegeleitsystems © Staatliche Museen zu Berlin, Kunstgewerbemuseum / Achim Kleuker

Die Ausstellungen

Die Ausstellungen des Hauses erstrecken sich auf vier barrierefrei zugängliche Ebenen. Im Untergeschoss befindet sich die Abteilung Design, darüber die Kunst des Mittelalters bis zur Renaissance, auf Höhe des Eingangsbereiches die Hauptausstellung der Mode und im Obergeschoss die Zeit des Barock bis hin zum Art déco. Im besucherfreundlichen Foyer befinden sich zahlreiche Schließfächer und die Kasse. Große Schriftzüge in orange-roten Farben lockern den ansonsten grau-weißen Bau auf und weisen den Besuchern den Weg in die einzelnen Abteilungen,die über das große Treppenhaus oder den Fahrstuhl zugänglich sind.

Das Obergeschoss: die schönsten Objekte in vereinter Präsentation

Der Rundgang im Obergeschoss zeigt wertvolles und raffiniertes Mobiliar, Kunstkammerobjekte, Porzellan, Wandschmuck aus der Zeit der europäischen Renaissance bis zum Art déco sowie Mode von 1715 bis 1815. Jeder Besucher wird hier Objekte aus seinen Interessensgebieten finden: Porzellandekore aller Art, Multifunktionsschränke mit automatischer Ausklappfunktion und Geheimfächern, Kleider, Schmuck und die Zahnbürste von Königin Luise.

So viele unterschiedliche Objekte unter einen Hut zu bringen ist nicht einfach, doch die Direktorin Sabine Thümmler hat für jedes Exponat die passende Präsentation gefunden – filigrane Kunstkammerobjekte werden individuell ausgestellt und können somit von allen Seiten bestaunt werden, gruppierte Möbel bilden Räume nach, große Vitrinen mit den schönsten Porzellanserien bieten genügend Anschauungsmaterial für Vergleiche und zum Aufzeigen der Entwicklungsgeschichte.

Leuchter von Egide Rombaux / Frans Hoosemans, Brüssel, vor 1900 © Staatliche Museen zu Berlin / Fabian Fröhlich

Leuchter von Egide Rombaux / Frans Hoosemans, Brüssel, vor 1900 © Staatliche Museen zu Berlin / Fabian Fröhlich

Jane Austen lässt grüßen

Für die Mode wurden in dieser Ebene drei Räume in die große Ausstellungsfläche eingezogen: Es wird die Zeit von 1715-1815 präsentiert. Die schwarzen Wände mit den schlichten, Raum tiefen, cremefarbenen Vitrinen stellen einen deutlichen Kontrast zur restlichen Ausstellung her. In jedem der drei Räume befindet sich eine Texttafel mit Erklärungen über die Epoche und die Entwicklung der Mode. Die Kleider und Accessoires in den Vitrinen spiegeln diese im Text beschriebenen Trends wieder und erinnern an die berühmten englischen Romane der Zeit und deren Verfilmungen. Unterschiede der Mode verschiedener europäischer Länder, deren gegenseitige Beeinflussung, die individuellen Schnitte, einfach alles wird erklärt. Passende Handschuhe, Hüte, Fächer und Schmuck ergänzen das Gesamtbild. Für die Präsentation der Kleidung wurden individuelle Figurinen angefertigt – Konfektionsgrößen gab es damals noch nicht.

Den Abschluss des Rundgangs im Obergeschoss bilden die vier neu geschaffenen Räume für Jugendstil und Art déco. Jeder Raum hat einen anderen farblichen Anstrich, der die einzelnen Stilrichtungen trennt. Es wird hier eine eigene Welt für die Werke gebildet: Jedes Objekt kann nun für sich wirken, sei es der Pariser Weltausstellung 1900 entnommen oder dem Darmstädter Jugendstil. Von außen sind in die Kabinette Vitrinen eingelassen, in denen kleinere Objekte, wie z.B. Vasen oder Besteck, gezeigt werden.

Obergeschoss, Beispiel für Jugendstilraum August 2015, © N. Halfbrodt

Obergeschoss, Beispiel für Jugendstilraum. August 2015, © N. Halfbrodt

Mode im Erdgeschoss: Von Downton Abbey bis Gossip Girl

Auf der Ebene des Foyers befindet sich die große Modegalerie, die die Zeit von 1815-2000 abdeckt. In den dunklen Gang weist das Bild eines Models, das durch den Schlitz eines hohen Kragens einen schüchternen Blick auf die Besucher wirft und sich dabei in Richtung Ausstellung bewegt. Weitergeleitet wird der Gast von einem Bild mit dem passenden Titel „Departing for the Promenade“ (Alfred-Émile-Léopold Stevens, 1859). Eine Dame in einem weiten Promenadenkleid öffnet eine Tür in Richtung Ausstellung: Sie lädt auf einen Spaziergang durch die Geschichte ein. Passend zum Bild werden sogleich entsprechende Kleider gezeigt. Die Kleider bestehen aus hochwertigen Materialien und verschiedenen Schnitten, die genaue Einblicke in die Modetrends der einzelnen Epochen bieten. Besucher bekommen allein im Bereich der Promenadenkleider sehr vielfältige, einzigartige Modelle gezeigt. Den Ausgehkleidern stehen herausragende Ballkleider des 19. Jahrhunderts gegenüber: Blumenmuster, Samt, Tüll, Spitze, Rosé-Töne… keine Klischees werden ausgelassen. Den Gang entlang befinden sich auf jeder Seite chronologisch und thematisch sortierte Vitrinen. Aus allen Jahrhunderten sind die Hauptwerke der Modegeschichte vertreten, seien es bestickte oder bedruckte Kleider aus dem viktorianischen England, exemplarische Gehröcke für Herren, Melonen, Zylinder und andere Hüte, Korsette, Unterröcke und Hüte für Damen bis hin zur Haute Couture mit namenhaften Vertretern wie Paul Poiret, Coco Chanel, Christian Dior, Yves Saint Laurent oder Paco Rabanne.

Tanz- und Abendkleider der 1920erund 1930er-Jahre in der Modegalerie des Kunstgewerbemuseums © Staatliche Museen zu Berlin, Kunstgewerbemuseum / Achim Kleuker

Tanz- und Abendkleider der 1920erund 1930er-Jahre in der Modegalerie des Kunstgewerbemuseums © Staatliche Museen zu Berlin, Kunstgewerbemuseum / Achim Kleuker

Möbelklassiker mit Vorbildfunktion

Etwas abseits, zwei Etagen tiefer, befindet sich nun die neu aufgestellte Designabteilung. Hier können in einem Rundgang die Entwicklungen der Einrichtungsstile abgelesen werden: Eine große Auswahl an Klassikern wie Bauhaus bis hin zu zeitgenössischen Designern wie Konstantin Grcic. In dieser Ebene gibt es viel zu entdecken, en passant auch, dass sich ein bekanntes schwedisches Möbelhaus einige Elemente abgeschaut hat.

Den Abschluss der Abteilung bietet eine beeindruckende Stuhlgalerie. Stuhldesign vom 19. Jahrhundert bis heute wird vergleichend präsentiert: Bequeme Lederstühle, durchgestylte Plastikstühle, Multifunktionssessel, kantige Holzstühle, frei gestaltete Dekorationsstühle.

Möbel von Charles & Ray Eames und Isamo Noguchi © Staatliche Museen zu Berlin / Fabian Fröhlich

Möbel von Charles & Ray Eames und Isamo Noguchi © Staatliche Museen zu Berlin / Fabian Fröhlich

Medien und Texte

Im Museum befinden sich zwei Bildschirme, die Filme zur jeweiligen Abteilung zeigen. Der im Obergeschoss laufende Film über die Kunstkammerobjekte muss von den Besuchern im Stehen betrachtet werden. Einen eigenen Filmraum mit niedrigen Sitzpolstern gibt es etwas versteckt in der Modeabteilung im Erdgeschoss. Hier werden nacheinander fünf Filme über Mode der Jahre 1910 bis 1956 gezeigt, darunter Ausschnitte aus Hollywood Filmen und eine „Vorführung des Berliner Modehauses Sturm“ mit der Frühjahrs- und Sommerkollektion. Den Abschluss bildet eine Dokumentation der Ausstellungskuratorin Christine Waidenschlager über die Restaurierung eines der ältesten Damenkleider der Sammlung.

In den neu organisierten Ausstellungsbereichen bieten Raumtexte einen guten Überblick über die gezeigten Inhalte. Derer gibt es nicht viele, im Bereich der Mode sind es sechs längere Texte. Inhaltlich bieten sie viel Information, sind ausgesprochen gut gegliedert und trotz der anspruchsvollen Themen verständlich. Da die Räume der Modeausstellung stark abgedunkelt sind, die Empfindlichkeit der Stoffe erfordert dies, haben sich die Architekten für einen hinterleuchteten weißen Text auf schwarzem Grund entschieden: Durch die relativ kleinen Buchstaben und die Textlänge ist das Lesen nach kurzer Zeit sehr anstrengend. Die Texte der übrigen Abteilungen sind mit ihren dunkleren Rottönen auf weißem Grund einwandfrei lesbar.

Die Objekttexte bieten einen Überblick über das gezeigte Objekt, wie ein Beispiel aus der Modegalerie belegt: Zunächst wird das entsprechende Kleid kenntlich gemacht- „Ballkleid mit Streifendekor“, es folgen Angaben über Herkunft, Hersteller, Datierung und Materialien sowie eine detailliertere Beschreibung.

Wer mehr über die Mode und ihre Geschichte erfahren möchte, der sollte einen Blick in den hochwertigen Ausstellungskatalog werfen. Fast alle Kleider werden hier mit tiefer gehenden Beschreibungen und sehr schönen Fotos aufgeführt. Zudem gibt es Erläuterungen über die Ausstellung und die Herstellung der Figurinen. Auch Kleider, die derzeit nicht in der Ausstellung gezeigt werden, sind im Katalog zu finden. Alle Texte sowie der Katalog sind in Deutsch und Englisch vorhanden.

Obergeschoss, Mode von 1730 bis 1810 mit Texttafel, Juni 2015, © N. Halfbrodt

Obergeschoss, Mode von 1730 bis 1810 mit Texttafel, Juni 2015, © N. Halfbrodt

Abschließende Worte

Das dieses Museum gerade dabei ist, zu einem modernen Museum zu werden, ist deutlich erkennbar: Die Ausstellung ist gelichtet, die neu konzipierten Räume sorgen für Struktur, die Modeausstellung ist edel und modern. Harsche Kritik mussten sich die Direktorin und die Architekten für die Unterteilung der Abteilungen Jugendstil und Art déco anhören: Die Ausstellungsfläche sei kleiner geworden, es werden weniger Objekte gezeigt, der Baustil sei gestört worden… An dieser Stelle muss ich sagen, dass Sabine Thümmler Mut zur Reduktion bewiesen hat! Durch die geschaffenen Räume können nun die einzelnen Objekte gut für sich wirken, es herrscht keine Reizüberflutung. Außerdem ist es spannender, gelegentlich einen Austausch der Exponate vorzunehmen, statt zu viel auf einmal zu zeigen – so gibt es immer wieder Neues zu entdecken.

Gespannt können wir auch auf die Weiterentwicklung des Museums sein. Museumspädagogische Räume werden derzeit eingerichtet, der vorhandene Audioguide an die neuen Abteilungen angepasst, neue Filme erstellt und irgendwann werden die geplanten Renovierungsarbeiten der weiteren Abteilungen abgeschlossen sein.

Das Kunstgewerbemuseum beherbergt Objekte für jeden Geschmack und lädt zum Träumen, Entdecken und Erkunden ein. Es ist sowohl für Fachpublikum aus der Designerwelt als auch für Kunstinteressierte, Touristen, Familien und Modeliebhaber geeignet, ein Besuch lohnt sich immer.

Kunstgewerbemuseum Berlin – http://www.smb.museum/museen-und-einrichtungen/kunstgewerbemuseum/home.html

Kuratierung: Christine Waidenschlager (Mode), Dr. Sabine Thümmler (Design)

Gestaltung: Kuehn Malvezzi – http://kuehnmalvezzi.com

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