Phrasen und ein großer Leerlauf: „Dada Universal“ im Landesmuseum Zürich – von Marcel Hänggi

Phrasen und ein großer Leerlauf: „Dada universal“ im Landesmuseum Zürich – von Marcel Hänggi

Verstehen Sie das: »jolifanto bambla ô falli bambla grossiga m’pfa habla horem«? Natürlich nicht: Das ist der Anfang von Hugo Balls kauderwelschem Dadagedicht »Karawane«. Verstehen Sie das: »Hundert Jahre Dada. Der Vergleich zwischen heute und damals zeigt: Krisen und Katastrophen, Technikeuphorie und Allmachtsphantasien führen zu Ekstasen und Radikalisierung«? Verstehen Sie’s wirklich? Was führt zu Ekstasen und Radikalisierung und warum? Welcher Vergleich zeigt das und warum? – Das ist ein Text der Ausstellung »Dada Universal« im Zürcher Landesmuseum.

Am 5. Februar 1916 eröffneten Hugo Ball und Emmy Hemmings in der Altstadt von Zürich das Cabaret Voltaire: Dada war geboren. Hundert Jahre später ist Zürichs Kulturwelt im Dada-Taumel. Mehrere Museen widmen dem Jubiläum Sonderausstellungen, es gibt zahlreiche Veranstaltungen, eine Dada-Schule und einen Dada-Stadtplan (mehr dazu). Da ist vieles interessant, manches bemüht und anders peinlich.

Die Dada-Schau im Landesmuseum hat viele Lorbeeren erhalten. Sie beansprucht, den »wichtigsten Beitrag der Schweiz zur Kunstgeschichte« mit Vorgeschichte und Nachwirkung zu zeigen, denn »bis heute inspiriert Dada global die Künstler und universal«. Es gibt viel Interessantes zu sehen und ein bisschen was zu hören (das Versprechen der Website, die Ausstellung spreche »alle Sinne an«, mag man als übliche Marketing-Übertreibung verzeihen). Freilich ist das Aktuellste, was gezeigt wird, schon ein Dritteljahrhundert alt (die Videoaufnahme einer Punkkonzerts), und global ist das Gezeigte auch nicht: Außer afrikanischen Masken, die die Dadaisten inspirierten, ist kaum Außereuropäisches zu sehen.

 

Masken

Masken, die Marcel Janco zu seinen dadaistischen Masken inspirierten. Wie Jancos Masken selbst aussahen, erfährt man in der Ausstellung nicht. © Schweizerisches Nationalmuseum.

Dass sich die Gastkuratoren des Landesmuseums, die hierzulande bekannten Literaturkritiker Stefan Zweifel und Juri Steiner, selber von Dada inspirieren und in den zahlreichen Vitrinen ihre Assoziationen ziemlich frei spielen ließen, liegt auf der Hand. Aber ob es auch Konzept ist, dass sinnlose Texte eine Ausstellung über eine Kunstrichtung begleiten, die den »Ohne-Sinn« feierte? Fast schon dadaistisch mutet an, dass die Objekttexte so vor den Vitrinen auf den Boden gedruckt sind, dass man sie, um die Objekte in den Vitrinen genau zu betrachten, betreten muss – was jeden weiteren Zuschauer daran hindert, sie zu lesen. Fast schon dadaistisch auch die Metaphernkollision im Text über den Marquis-de-Sade-lesenden Hugo Ball: »Die Wucht der verdrängten Triebe und der Sexualität sollen das Spielfeld bilden, auf dem die Männer ihre Aggression lustvoller abreagieren als auf dem Schlachtfeld«. (Eine Wucht als Spielfeld? Und was heißt das nun: lieber vergewaltigen als Krieg führen?)

Solche Phrasen sind umso ärgerlicher, als die Dadaisten mit ihren Sprachverstümmelungen doch gerade gegen hohle Phrasen protestierten. Natürlich ist im Vergleich zu den Kriegstreibereien, vor deren Hintergrund Dada stattfand, harmlos, was hier gedroschen wird. Wobei: Es gibt da eine Vitrine zum Gedicht des Surrealisten Louis Aragon mit dem Titel »Suicide«, das schlicht aus den aufgereihten Buchstaben des Alphabets besteht. Das Alphabet, lernen wir, könne »nicht mehr zu einem Sinn zusammengesetzt werden. Es endet mit dem ewigen Rätsel von ›XYZ‹.« (Ewiges Rätsel, oho!) Rund um den Zettel sind die Splitter einer Splitterbombe assortiert, und damit man den Assoziationen der Kuratoren folgen kann, lesen wir: »Auch in der Splitterbombe machen die Einzelteile wie im Alphabet keinen Sinn mehr«. Aber hallo: Sinn »macht« diese Bombe gerade dadurch, dass sie in ihre Einzelteile zersplittert, und dieser Sinn ist kein suizidaler, sondern ein homizidaler: Die Splitter töten. An dem Vergleich, der hier zur Installation wird, ist nicht nur alles schief: Wenn tötende Eisenfragmente mit sinnlosen Buchstaben gleichgesetzt werden, sind wir von Kriegsverharmlosung nicht mehr weit weg.

Wo die Sprache nicht gut ist, ist auch die Ausstellung nicht zu Ende gedacht. Immer wieder setzen die Texte voraus, was viele Besucher nicht wissen dürften. Man muss schon selber Französisch können, um den Titel von Marcel Duchamps «La mariée mise au nu par ses célibataires, même» zu verstehen – den Gefallen einer Übersetzung tun einem die Kuratoren nicht. Duchamps berühmtes Pissoir-Readymade ist zu sehen, von dem man erfährt, es habe zu »einem der größten Skandale der Kunstgeschichte« geführt – worin der Skandal bestand, muss man schon selber wissen (aber wenn man es weiß, brauchte es den Text nicht). Im Hintergrund ertönt eine Gymnopédie von Erik Satie, es liegen auch Satie-Noten auf – was die doch recht gefällige Musik Saties mit dem Dadaismus zu tun hat, erfährt man nicht. Das Cabaret Voltaire »gilt bis heute als Kaaba der Avantgarde« – wem es das gilt, kann man bestenfalls erraten.

Duchamps berühmtes Pissoir. Man lese mal das Flugblatt in der selben Vitrine, ohne andere besucher am Lesen des englischen Texts zu hindern!

Duchamps berühmtes Pissoir. Man lese mal das Flugblatt in der selben Vitrine, ohne andere besucher am Lesen des englischen Texts zu hindern! © Schweizerisches Nationalmuseum

Wahrscheinlich kann (und soll) man Dada ja nicht erklären. Aber das eine oder andere erführe man doch gerne ganz undadaistisch-bieder so, dass man es versteht. Eine Typo, die die Schrift mechanischer Schreibmaschinen nachahmt, und die viel zu langen Zeilen machen es auch nicht leichter.

Dodo

«Dodo war vor Dada da»: Dada und Lewis Carroll laden zum Kalauern ein. © Schweizerisches Nationalmuseum.

Man mag sich über die schlechte Sprache wundern, kennt man die Kuratoren doch als Männer der Sprache: Zweifel als de-Sade-Übersetzer und ehemaligen Literatur-Talkmaster; Steiner als Mitglied der Jury des Ingeborg-Bachmann-Preises. Aber hier liegt wohl gerade der Hund begraben: Die Kuratoren sind viel zu tief im Thema drin, um von der eigenen Wissensfülle abstrahieren zu können. Und sie scheinen sich eines Umstands nicht bewusst zu sein, der so trivial ist, dass man es kaum zu schreiben wagt: Die Lesesituation im Museum mit seinen vielen Ablenkungen erfordert eine andere Sprache als der Sessel, in dem man das Feuilleton liest.

Das heißt unter anderem, dass die Texte kurz sein sollen. Das immerhin hat man hier begriffen. Aber wenn der Feuilletonstil dann beibehalten wird, wird er in der Kürze zur Karikatur seiner selbst: »Emmy Hemmings, Sophie Taeuber-Arp und Mary Wigman spurten als Frauen der Performance-Kunst vor und tanzten im Cabaret Voltaire und auf dem Monte Verità im Tessin gegen den Panzer der Krieg führenden Männer an.« (Was, wenn die drei nicht »als Frauen«, sondern einfach so getanzt hätten? Was ist der Monte Verità? Und falls man ihn kennt: Inwiefern war die dortige Nackttanzerei im Delta der Maggia ohne Publikum ein Antanzen gegen »den« Panzer irgendwelcher Männer?)

Oder es ist einfach nur noch banal: Marcel Duchamp habe mit seinem Readymade »Roue de Bicyclette« (Fahrrad-Rad) »bereits vor dem Krieg gezeigt: Der Mensch ist nur noch ein sinnloses Rad, die Technik ein Leerlauf.« Aha.

Man dürfe nicht erwarten, alles verstanden zu haben, wenn man die Ausstellung verlasse, sagt die Führerin zu Beginn der Führung: So sei das eben mit Dada. Allerdings kam es im Cabaret Voltaire vor, dass das Publikum die KünstlerInnen von der Bühne jagte. Dieser Spaß bleibt dem Publikum des Landesmuseums verwehrt.

 

Zum Autor: Marcel Hänggi ist freier Journalist und Ausstellungstexter in Zürich, www.mhaenggi.ch

Landesmuseum Zürich: »Dada Universal« (http://www.nationalmuseum.ch/d/zuerich/ausstellungen.php?aus_id=6395&show_detail=true)

5. Februar bis 28. März 2016.

Kuratierung: Juri Steiner, Stefan Zweifel

Gestaltung: Alex Harb (www.alexharb.com)

 

 

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