Es war einmal … Gedanken zur Dauerausstellung der GRIMMWELT Kassel – von Julia Völkel

Es war einmal … Gedanken zur Dauerausstellung der GRIMMWELT Kassel – von Julia Völkel

Denkt man an die Brüder Grimm, denkt man zumeist an Rotkäppchen, Hänsel und Gretel, Schneewittchen oder Rumpelstilzchen. Doch wer die 2015 fertiggestellte GRIMMWELT in Kassel besucht, stellt schnell fest, dass es sich bei der im vergangenen September eröffneten Dauerausstellung, um mehr handelt als ein Märchen…

Bereits beim Betreten des ersten Ausstellungsraumes befinden sich Besucher und Besucherinnen in einem Buchstabenlabyrinth. Eine weite und offene Sicht und zugleich verwinkelte einzelne Abteilungen geben Einblicke in die einzelnen Bereiche der Ausstellung. Verstärkt wird die Wirkung durch einen Spiegel, der ein „Um-die-Ecke-Blicken“ ermöglicht. Diese Offenheit erstreckt sich über alle drei thematischen Bereiche der Ausstellung: die Welt der Sprache und der Wörter, die Welt der Imagination und der Bilder und die Welt der Brüder Grimm.

Diese sind dabei keineswegs strikt voneinander getrennt; vielmehr folgen sie einem gemeinsamen Muster. So ist die Ausstellung auf einer Fläche von 1600 m2 insgesamt in 25 Abteilungen untergliedert. Jede Abteilung ist einem Wort aus dem Deutschen Wörterbuch und somit einem zentralen Buchstaben des Alphabets zugeordnet. Es ergibt sich dadurch ein mehr oder weniger vorgegebener Rundgang. Dieser erlaubt den Besuchern jedoch – gerade durch die offengehaltene Ausstellungsarchitektur – immer wieder Abzweigungen und bietet somit neue, eigene Wege.

Beginnend mit dem Buchstaben Z sind die einzelnen Abteilungen keineswegs chronologisch oder alphabetisch angeordnet; sie folgen vielmehr den jeweiligen Themenbereichen.

Von ZETTEL bis WORTARBEIT

 Der erste Teil der Ausstellung steht im Zeichen des Deutschen Wörterbuchs, das die Brüder Grimm gemeinsam herausgaben. Sie wollten das Projekt eigentlich in rund sieben bis zehn Jahren abschließen. Tatsächlich war die Arbeit der beiden bis zu ihrem Tod noch lange nicht beendet. Erst 2013 wurden die Bearbeitungen des Werkes in Berlin eingestellt; in Göttingen gehen sie sogar noch bis einschließlich 2016 weiter.

In der GRIMMWELT werden die Besucher, ausgehend von einer großen ZETTEL-Wand und einer Visualisierung des Tintenverbrauchs der Brüder Grimm mit Hilfe eines großen Tintenfasses, auf eine Reise in die Welt der Wörter mitgenommen. Nicht zuletzt ist dies auch der Raumgestaltung zu verdanken, die mittels des bereits genannten Spiegels sowie diverser einzelner aufgereihter Textfahnen das Gefühl erzeugt, durch einzelne Buchseiten zu wandeln. Bereits hier wird deutlich, dass die Brüder nicht nur für die allseits bekannten Märchen stehen. Sie bedeuten viel mehr für uns: einen wesentlichen Teil unserer Sprache!

Wörterbuch

Gang durch das Wörterbuch, Fotograf: N. Frank, 2015, © GRIMMWELT Kassel

Man möge nun meinen, man sei in der GRIMMWELT ausschließlich mit Texten konfrontiert und müsse sich alles selbst erlesen. – Das stimmt zu einem Teil. Doch wird eben dieses textlastige Thema in seinen unterschiedlichsten Facetten präsentiert, die Lust machen selbst zu lesen, über Worte nachzudenken und sich mit ihnen zu beschäftigen. Sprache und Literatur werden dabei anschaulich, erlebnisorientiert und vor allem lebendig vermittelt. Ein Beispiel hierfür ist die Schriftinstallation zu Hänsel und Gretel in der Abteilung VOLKSMÄRCHEN. Hier werden verschiedene Versionen des Märchens mit Hilfe diverser Farbbrillen lesbar.

Weitere Beispiele für den Umgang mit Sprache und Worten finden sich u. a. in den Abteilungen Ä und W. Unter dem Schlagwort ÄRSCHLEIN reagiert eine Schimpfwortmaschine auf menschliche Stimmen und konfrontiert die Besucher mit Beleidigungen aus der Zeit der Brüder Grimm.

Selber Teil der Sprache zu werden ist schließlich in der Abteilung WORTARBEIT möglich. Diese Rauminstallation fordert Besucher und Besucherinnen dazu auf aktiv mitzumachen. Über Touchscreens werden Teilsätze aus dem Deutschen Wörterbuch vorgegeben, aus denen einer ausgewählt werden kann. Die Aufgabe des Besuchers ist es nun ein Wort hinzuzufügen. Es entsteht so eine endlose Wortkette, bestehend aus den vorgegebenen Teilsätzen und den Worten der Besucher.

Gewebe

Das Gewebe der Sprache (Rauminstallation Wortarbeit), Fotograf: Jan Bitter, 2015, © GRIMMWELT Kassel

Über die TREPPE in die Märchenwelt

 Über eine TREPPE, die eine eigene Abteilung mit Audioinstallation bildet, gelangt der Besucher in die zweite Sequenz der Ausstellung, die sich den Kinder- und Hausmärchen widmet.

Hier finden sich die Besucher in einer erlebnisreichen Welt wieder. Sie bekommen die Chance, selbst durch die DORNENHECKE zu gehen, wie die böse Königin in den Spiegel zu blicken oder auch das Haus von Rotkäppchens Großmutter zu betreten.

Märchenbombe

Vordergrund: Kunstinstallation DIE MÄRCHENBOMBE, Hintergrund: DORNENHECKE, Fotograf: N. Frank, 2015, © GRIMMWELT Kassel

Installation, Projektion, Film und Audio sind dabei nur einige Methoden, welche die Kinder- und Hausmärchen in der GRIMMWELT medial vergegenwärtigen. So gibt es das Haus von Rotkäppchens Großmutter, in dem der böse Wolf (in Form einer Projektion) gerade sein Schläfchen hält. Die Besucher können in das Haus eintreten und auf einem Hocker vor dem Bett der Großmutter Platz nehmen. Daraufhin erwacht der Schlafende, wendet sein Gesicht dem Besucher zu und beginnt die entscheidenden, allseits bekannten Worte an Rotkäppchen zu richten.

An dieser Station wird sichtbar, dass sich das Ausstellungshaus der Barrierefreiheit annimmt, allerdings nicht bis in jedes Detail darauf ausgerichtet ist. In diesem Fall ist bspw. das Betreten des Hauses und das Setzen auf den Hocker Voraussetzung um die Projektion zum Leben zu erwecken. Dies ist leider nicht für jeden Ausstellungsbesucher möglich. Dafür wird aber an anderen Stellen in der GRIMMWELT immer wieder Barrierefreiheit spür- und sichtbar. Es handelt sich dabei nicht nur um Elemente, wie Texte und Objektbeschriftungen, die nicht nur in deutscher, sondern auch in englischer Sprache verfasst sind oder um den vorhandenen Fahrstuhl, der den Zugang zu allen Etagen des Hauses ermöglicht. Es ist auch die Videoinstallation Rumpelstilzchen erzählen in der Abteilung ERZÄHLENHÖREN. Hier wird in 5 Dialekten und 23 Sprachen – darunter Gebärdensprache – in jeweils kurzen Abschnitten das Märchen von Rumpelstilzchen erzählt.

Rumpelstilzchen

Videoinstallation Rumpelstilzchen erzählen, Fotograf: Jan Bitter 2015, © GRIMMWELT Kassel

Doch nicht nur diverse Medien machen die Welt der Märchen anschaulich und erlebbar. Die Abteilung KLEINWESEN rückt zudem ein Kunstobjekt in den Fokus: Die Märchenbombe. An den kleinen, aus Beton und Mörtel gestalteten Figuren, die aus einem großen Behältnis hervorzukommen scheinen, erfreuen sich augenscheinlich Jung und Alt. Von „Bitte nicht berühren!“ scheint dabei keine Rede zu sein. Jedenfalls wurde niemand, der den Figuren nahe kam oder sie berührte, zurückgewiesen.

 

Aus dem Leben der Brüder

 Im dritten Abschnitt der Ausstellung, der sich dem Leben der Brüder Jacob und Wilhelm Grimm widmet, wird wieder verstärkt mit dem Medium Text gearbeitet. Dennoch werden auch hier bestehende Formate aufgebrochen und das Erlesen von Informationen anschaulicher gestaltet. Ein Beispiel ist der Einsatz von Tablets, auf denen Manuskripte in Echtzeit erscheinen, gerade so, als würde jemand die Worte soeben vor den Augen der Besucher handschriftlich festhalten. Das originale Manuskript befindet sich in einer Vitrine.

In der Abteilung ROTKAPPE sind es schließlich noch ganz andere Handschriften, die die Besucher erwarten. In einer Vitrine befinden sich nämlich Aufsätze von Schülern und Schülerinnen aus Kassel. Gemein ist ihnen, dass sie sich mit der Frage „Bist du schon einmal vom Weg abgekommen?“ auseinandersetzen. – Als Kind einmal einen eigenen Aufsatz ausstellen? Hier ist dies möglich. An der Vitrine wird darauf hingewiesen, dass die Aufsätze in regelmäßigen Abständen ausgetauscht werden.

 

Zwischen Text und Objekt

Insgesamt bietet die Dauerausstellung der GRIMMWELT verschiedenste Möglichkeiten die deutsche Sprache in unterschiedlichsten Facetten kennen zu lernen und zu erkunden. Der Besucher kann dabei sowohl distanzierter Leser und Beobachter sein als auch in das Geschehen eintauchen und es mit verschiedenen Sinnen erleben.

Die 25 Abteilungen bieten dabei die Option sich mit Themenkomplexen, mit einzelnen Worten, mit spielerischen Elementen, aber auch mit Objekten auseinanderzusetzen. In Bezug auf Objekte sind folgend noch zwei Abteilungen erwähnenswert.

In der Abteilung BUCH im ersten Abschnitt der Ausstellung werden dem Besucher verschiedene Vitrinen mit den unterschiedlichsten Werken präsentiert. Zentral ist hier ein Teil des UNESCO-Weltdokumentenerbes, Handexemplare der Kinder- und Hausmärchen von den Brüdern Grimm. Die Abteilung NACHLASZ, in der dritten Sequenz, zeigt schließlich in einer großen Vitrine Gegenstände aus dem Nachlass der Brüder. Es finden sich verschiedene Alltagsgegenstände, wie Teller, Besteck, Truhen, ein Stuhl und Gläser. Vor allem in dieser Abteilung fällt dem Besucher jedoch ein Manko der Ausstellung auf: die Anbringung der Objektbeschriftungen. Zwar gibt es zu jedem Objekt einen Objekttext, in Deutsch und Englisch, doch sind die Schilder zum Teil unvorteilhaft angebracht. Sie befinden sich bspw. in der Abteilung NACHLASZ in unmittelbarer Nähe zum Objekt; das heißt sie sind u. a. nur wenige Zentimeter über dem Boden oder gar in mehr als 1,50 m Höhe, jeweils horizontal, platziert. Dies bringt nicht nur für Kinder oder Rollstuhlfahrer Probleme mit sich.

Die teils nachteilige Anbringung von Objektbeschriftungen zeigt sich auch in anderen Abteilungen. So kommt es vor – u. a. in den Abteilungen KLEINWESEN oder BUCH, – dass einzelne Schilder erst auf den zweiten Blick oder nach kurzer Suche zu finden sind. Grund dafür scheinen hierbei die Punkte Ästhetik und Gesamterscheinung innerhalb einer Abteilung zu sein. Unter diesem Aspekt ist die Anbringung der Objekttexte und Objektbeschriftungen nachvollziehbar. Zur Steigerung der Besucherfreundlichkeit sollten diese Hindernisse jedoch minimiert werden.

Trotz kleinerer Defizite ist die facettenreiche Dauerausstellung mit ihren unterschiedlichen Methoden Worte, Sprache und Texte erfahr- und erlebbar zu machen jedoch vor allem eines: einen Ausflug wert!

GRIMMWELT Kassel gGmbH – http://www.grimmwelt.de

 

Kuratierung:

hürlimann + lepp Ausstellungen, Berlin – http://www.huerlimann-lepp.de

 

Gestaltung:

Holzer Kobler Architekturen, Zürich / Berlin – http://holzerkobler.com

 

Katalog:

Stadt Kassel in Zusammenarbeit mit Annemarie Hürlimann u. Nicola Lepp (Hrsg.): DIE GRIMMWELT. Von ÄRSCHLEIN bis ZETTEL. München 2015.

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4 Gedanken zu “Es war einmal … Gedanken zur Dauerausstellung der GRIMMWELT Kassel – von Julia Völkel

  1. Das Gebäude ist leider absolut nicht barrierefrei konzipiert, sondern schließt Rollstuhlfahrer an einigen Stellen bewusst aus, an denen Barrierefreiheit, Inklusion und Teilhabe leicht möglich gewesen wäre.

    • Vielen Dank für diesen Hinweis.
      Wie bspw. das Erlebnis im Haus von Rotkäppchens Großmutter oder einzelne Objektbeschriftungen in der Abteilung NACHLASZ zeigen, ist das leider wahr. Dafür wird allerdings an anderen Stellen bewusst auf Inklusion gesetzt – wie in der Videoinstallation „Rumpelstilzchen erzählen“.
      Selbstverständlich kann eine Station nicht die Probleme einer anderen Station ausgleichen. Wünschenswert wäre eine vollständig inklusive Ausstellung, doch ist dies zumeist nicht möglich, was an finanziellen, baulichen oder gänzlich anderen Faktoren liegen kann.

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