chriSTOPh. Ein Grund zum Anhalten – von Simon Schütz

 chriSTOPh. Ein Grund zum Anhalten – von Simon Schütz

Jubiläumsjahre sind immer ein Anlass für Ausstellungen. So auch für das Landesmuseum Württemberg, das mit einer Schau zu Herzog Christoph dessen 500. Geburtstag feiert. Doch der Jubeljahre nicht genug, gilt die Präsentation auch als Vorgriff auf das Lutherjubiläum im nächsten Jahr.

Dies ergibt sich aus den außergewöhnlichen Leistungen, die der Regent hinsichtlich der Organisation der protestantischen Kirche im Herzogtum Württemberg erbracht hatte. Im Gegensatz zu seinem Vater, der sich zwar vom katholischen Glauben abgewandt hatte, aber ständig Krieg führte, brachte Herzog Christoph dem Land Frieden und ordnete sowohl die zivile als auch die kirchliche Verwaltung neu. So hatte der Fürst neben vielen Burgen in Baden-Württemberg der Nachwelt noch mehr Verordnungen hinterlassen. Das war hilfreich für die frühneuzeitliche Bevölkerung, aber leider nicht optimal für die Ausstellungsmacher, denn beides sind schwierig auszustellende Objekte. Hinzu kam das Problem, dass man sehr wenige Gegenstände direkt mit dem Fürsten in Verbindung bringen kann.

Abb 1 Denkmal

Ein Denkmal zu Ehren Herzog Christophs auf dem Stuttgarter Schlossplatz, © H. Zwietasch; Landesmuseum Württemberg, Stuttgart

Doch für diese Schwierigkeiten fand man hervorragende Lösungen und Vermittlungskonzepte, so dass man die Ausstellung Christoph. Ein Renaissancefürst im Zeitalter der Reformation als eine stimmige und außergewöhnliche Präsentation bezeichnen kann, der man zudem all diese Beschwernisse nicht ansieht.

 

Der Zeitgenosse, der seine Zeit prägte

Wie der Titel der Ausstellung schon vorwegnimmt, verortet das Team um den Kurator Matthias Ohm und die Kuratorin Delia Scheffer den Fürsten Christoph innerhalb des historischen Kontextes, wobei die Einzelleistungen des Regenten nicht in den Hintergrund rücken. Die anfangs geschilderte Problematik des Mangels an Objekten, die man direkt mit dem Herzog in Verbindung bringen konnte, wird folgendermaßen gelöst. Aus der Not eine Tugend machend, werden nicht Objekte aus dem Besitz des Herzoges, sondern aus dessen Zeit ausgestellt. Damit ergibt sich auch eine Antwort auf die Frage nach der Präsentation der Gesetztestexte. An den aus der Zeit der Renaissance erhaltenen Objekten lässt sich der Einfluss, den die fürstliche Politik auf die Menschen des württembergischen Territoriums hatte, aufzeigen. So wird beispielsweise zu dem Thema der Bildungsreformen ein Abtstab des letzten Klostervorstehers von Bebenhausen, Schreibutensilien, ein Schuh und kindliche Schmähzeichnungen auf einen Lehrer ausgestellt. In Kombination mit dem Gemälde Christus segnet die Kinder von Lucas Cranach d. Ä., das in der Mitte des Raumes hängt, kann man zudem den Einfluss des humanistischen Zeitgeistes auf die herzogliche Gesetzgebung nachvollziehen. Es ist eine Zeit, in der die Schulbildung der Kinder wichtiger wurde, im Besonderen für die Fürsten, da sie fähige Verwaltungsbeamte und gebildete Pfarrer für ihr Territorium benötigten. Herzog Christoph ließ dafür Klöster auflösen und zu Schulen umfunktionieren. Dafür wurde die Württembergische Klosterordnung von 1556 erlassen. Diese durch den Zeitgeist geprägte Ordnung beeinflusst als Ausstellungsgegenstand alle anderen Objekte im Raum. So wird anhand der Objektauswahl und Platzierung das herzogliche Handeln als Gesetzgeber innerhalb seiner Zeit deutlich. Themen wie die fürstliche Schulgesetzgebung werden hier in ihrer Auswirkung durch Objekte real und für ein breites Publikum interessant.

 

Eine dezente Präsentation und fantastische Fabelwesen

Gestalterisch umgesetzt wurde dieses Konzept von Dirk Schubert und Sebastian Schelling vom Atelier Schubert. Unterstützt wurden sie von Birgit Kölz und Marina Igigel aus dem Grafikbüro Attraktive Grautöne. Beide Büros können auf eine langjährige Zusammenarbeit zurückblicken, wie beispielsweise bei dem Münzkabinett des Musée national d’histoire et d’art in Luxemburg. Eine Mischung aus zurückhaltender, objektzentrierter Gestaltung und der Verwendung ausgewählter Elemente aus der Szenografie scheinen hier ihr Erfolgsmodell zu bilden.

Diese wurden auch in der Ausstellung verwendet, die sich im dritten Obergeschoss des Alten Schlosses in Stuttgart befindet. Zu Beginn prangt in großen Lettern auf einer langen orangefarbenen Wand der Ausstellungstitel: Christoph. Ein Renaissancefürst im Zeitalter der Reformation. Betritt man den ersten Raum, bemerkt man eines der Hauptgestaltungsmittel der Ausstellung.

Abb 2, Christoph_mit-Besuchern_0014

Der erste Ausstellungsraum mit einem Herzog Christoph Portrait in der Mitte, © H. Zwietasch; Landesmuseum Württemberg, Stuttgart

In der Mitte des Raumes steht eine Wand, auf deren Vorderseite ein Portrait von Herzog Christoph und auf deren Rückseite ein weiteres Bild eines unbekannten Künstlers angebracht ist. Darauf messen sich Martin Luther und der Papst im Strebkatzenziehen, einer Art Seilziehen, bei der das Band aber über den Hals gelegt wird. Die gestalterische Umsetzung der Verortung der fürstlichen Politik innerhalb seiner Zeit erfolgt hier durch die zentrale Platzierung eines Gegenstandes in der Mitte des Raumes, der die anderen Objekte in der Peripherie beeinflusst.

Abb 3, Herzog-Christoph_Er+Âffnung_0318

„Christus segnet die Kinder“ von Lucas Cranach d. Ä. und gegenüberliegend eine Nachbildung eines Flügelaltars, © H. Zwietasch; Landesmuseum Württemberg, Stuttgart

Zentrale Themen werden hier durch Gemälde angesprochen, wie der Konflikt zwischen Luther und dem Papst oder die Bildung der Kinder im Humanismus. Ein weiteres Gestaltungsmittel, das mit dieser Raumaufteilung bricht, sind Figuren aus ausgestellten Drucken, die als Großreproduktionen in den Raum ragen. Beispielsweise im zweiten Ausstellungsraum treten den Besucherinnen und Besuchern lebensgroße Schmähfiguren aus einer protestantischen Flugschrift entgegen.

Abb 4, Herzog-Christoph_Er+Âffnung_0302

Der zweite Ausstellungsraum mit Figuren aus einer protestantischen Schmähschrift, © H. Zwietasch; Landesmuseum Württemberg, Stuttgart.

Die Zerwürfnisse der Reformation werden dadurch verdeutlicht und es wird eine Atmosphäre generiert, die sonst in zeitgeschichtlichen Ausstellungen durch Fotografien geschaffen wird. Die vergrößerten historischen Abbildungen umgeben die Besucherinnen und Besucher, wodurch die Phantasie angeregt wird.

Eine besondere Stärke dieser Ausstellung besteht gerade in der Abwechslung dieser beiden Gestaltungsarten, der Objektzentrierung und Inszenierung, wodurch Gleichförmigkeit vermieden und das Interesse des Publikums immer wieder neu entfacht wird.

 

Prägnante Texte und ein schwäbischer Erzähler

Doch genügen die passende Auswahl der Objekte und deren Gestaltung noch nicht, um ein Thema für alle Besucherinnen und Besucher verständlich zu machen. Dies erreicht das Team durch verschiedene Vermittlungsebenen und macht dadurch die Ausstellung auf unterschiedliche Arten zugänglich.

Zu den Vermittlungsmitteln gehört ein besonderer Audioguide. Dieser ist im Eintrittspreis inbegriffen und kann an ausgewählten Objekten oder den Raumtexten zum Einsatz kommen. Nachdem man die Audioguidenummer in das Gerät eingegeben hat, erklingt eine Männerstimme, die sich in einem sympathischen südwestdeutschen Dialekt als Biograf des Herzogs vorstellt und dem Publikum von „seinem“ Christoph erzählt. Dieses Ausstellungstool ergänzt durch seinen erzählerischen und anekdotenhaften Stil die prägnanten wissenschaftlichen Ausstellungstexte. Das Provinzielle, das bei jedem Dialekt mitschwingt, wird dabei als Vermittlungsinstrument genutzt. So werden lebensnah Themen kommuniziert, die sich vor einem halben Jahrtausend ereignet haben. Neben dieser ausführlichen und weniger wissenschaftlichen Variante vermitteln die Objekttexte auf komprimierte Weise alles Wesentliche zu den einzelnen Ausstellungsgegenständen. So haben die Besucherinnen und Besucher an jedem Objekt die Möglichkeit, den von ihnen bevorzugten Zugang zu wählen.

Eine weitere Besonderheit in der Ausstellung sind die Kindervitrinen. Mit originalen Objekten bestück, befinden sie sich auf der Höhe der jungen Besucherinnen und Besucher. Gestalterisch heben sich diese von der restlichen Ausstellung ab und behandeln kindgerecht dieselben Themen wie die Vitrinen für das ältere Publikum. Interaktive Stationen, so eine kindgerechte Druckerpresse, ergänzen diese und machen den Besuch auch für aktivere Kinder interessant. Da im hauseigenen Kindermuseum ähnlich gearbeitet wurde, kann man davon ausgehen, dass die Museumspädagogik bei der Konzeption der Vermittlungsebene für Kinder mitgearbeitet hat.

 

Viele originelle Vermittlungsideen im originalen Schauplatz

Doch die Interaktivität beschränkt sich nicht nur auf diese Zielgruppe. Im selben Raum wie die Druckstation kann man beispielsweise an einer Hörstation den Klängen zeitgenössischer Musik lauschen. Auch befindet sich hier die Nachbildung eines vom Publikum aufklappbaren Flügelaltars und auf dem Ausstellungselement in der Mitte des Raumes wurden alle Seiten der Großen Kirchenordnung von 1559 in lesbarer Qualität abgedruckt. Vor dieser beeindruckenden, knapp drei Meter hohen Wand wird das entsprechende Gesetzesbuch ausgestellt. Die politischen Beziehungen und Heiratsverbindungen des Hauses Württembergs sind ein weiteres Ausstellungsthema und wurden in einer Installation verdeutlicht. Die Porträts der Protagonistinnen und Protagonisten hängen an der Wand um einen Tisch, auf dem sich die Heiratsverbindungen des Hauses Württemberg in Form von Fäden über eine Landkarte ziehen. Dadurch wird das „Beziehungsnetz“ sichtbar gemacht.

Eine besondere Lösung musste man hinsichtlich der Burgen und Festungen finden, die Herzog Christoph zu Repräsentationszwecken in ganz Württemberg errichten ließ. Da man diese naturgemäß schlecht als originales Objekt ausstellen konnte, griff man als Lösung auf das Vergrößern von zeitgenössischen Zeichnungen zurück.

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Darstellung der Burgen im fünften Raum, © H. Zwietasch; Landesmuseum Württemberg, Stuttgart

In wie weit diese landschaftsverändernden Maßnahmen noch heute sichtbar sind, wird im letzten Raum der Ausstellung in einer 360°-Fotografie gezeigt. So wird deutlich, wie sehr dieser relativ unbekannte Herrscher das heutige Württemberg immer noch prägt. Dieser Eindruck wird zudem verstärkt, indem man nach Verlassen des letzten Raumes auf die letzten Ausstellungsstücke aufmerksam gemacht wird. Durch einen Hinweis am Fenster blickt man in den Innenhof des Alten Schlosses und erfährt, dass auch diese Burg durch Christophs Initiative entstanden ist.

Abb 6, 29 Altes Schloss Innenhof

Blick in den Innenhof des Alten Schlosses, © H. Zwietasch; Landesmuseum Württemberg, Stuttgart

Daneben verblasst sogar der beeindruckend große Wandteppich, der von Christoph in Auftrag gegeben wurde und im Vorraum ausgestellt wird. Alle Geschichten der Schau, so begreift man, sind unmittelbar mit dem Ort verbunden, in dem sich die Ausstellung befindet. So kann man sich vorstellen, wie der Fürst aus eben diesem Fenster blickte und gedanklich das Beziehungsnetz seines Hauses knüpfte.

Auf vielfältige Weise, lässt sich zusammenfassend sagen, wurden die Themen rund um den württembergischen Herzog Christoph aufgearbeitet und abwechslungsreich visualisiert. Dadurch wird der Einfluss seines gesetzgeberischen Handelns auf das Leben der Bevölkerung begreifbar und für ein breites Publikum zugänglich. Jeder interessierten Person sei der Besuch empfohlen. Die Ausstellung zu Herzog Christoph ist in jedem Fall einen Stopp wert.

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Ein Denkmal zu Ehren Herzog Christophs auf dem Stuttgarter Schlossplatz, © H. Zwietasch; Landesmuseum Württemberg, Stuttgart

CHRISTOPH 1515-1568. Ein Renaissancefürst im Zeitalter der Reformation

24. Oktober 2015 bis 3. April 2016

Landesmuseum Württemberg, Altes Schloss, Stuttgart – https://www.landesmuseum-stuttgart.de/

Kuratierung: Dr. Matthias Ohm

Gestaltung: Atelier Schubert – http://www.atelier-schubert.com

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