Das Leben an der Grenze. Der Soldat December im Limeskastell Ruffenhofen – von Lisa-Maria Rösch

Das Leben an der Grenze. Der Soldat December im Limeskastell Ruffenhofen – von Lisa-Maria Rösch

„Entlang der römischen Grenzanlagen reihen sich […] etwa 900 Wachtürme sowie 120 größere und kleinere Truppenlager auf.“(1) Dieser Satz führt den Besucher des LIMESEUMs, zusammen mit einer Reihe von Zitaten namhafter Persönlichkeiten, zurück in die römische Kaiserzeit und an den Beginn seiner Dauerausstellung, die im Oktober 2012 eröffnet wurde.

Ein Blick zur Fensterseite, vom Hang hinab über die umliegenden Ortschaften, verdeutlicht, wie organisch sich der moderne, halbrunde Museumsbau in die Landschaft einfügt. Die Panoramafenster zu beiden Seiten bieten nicht nur einen hervorragenden Blick auf den Hesselberg, heute Magnet der gleichnamigen Tourismusregion und in früheren Zeiten immer wieder Anziehungspunkt verschiedener Kulturen. Sie geben im wahrsten Sinne des Wortes einen Ausblick auf weiter entfernt liegende Limes-Kastelle, wie das in Weißenburg oder auf die römischen Höfe im Nördlinger Ries. Diese waren für die Versorgung der im Kastell von Ruffenhofen untergebrachten Truppen mitverantwortlich.

Hangblick

Der Blick vom Hang hinab auf das LIMESEUM und dem Römerpark im Hintergrund, © Oliver Heinl

Vom Alltag Roms zum Leben im Limeskastell

Die Ausstellungsräume werden von der dunkelgrauen Farbe des Bodens und dem Weiß der Wände und Vitrinen dominiert. Für eine angenehme Atmosphäre sorgen die naturbelassenen Holzbalken, die zwischen den Fensterscheiben und an der Decke hervortreten, sowie das Tageslicht, das durch die offene Architektur in die Räume dringt. Die Schaukästen wurden zum größten Teil in die hellen Blöcke, Raumteiler und Wände eingelassen, die wiederum zu thematisch passenden Inseln und Abteilungen arrangiert sind. Die an den Wänden angebrachten, großformatigen Rekonstruktionen von Rom auf der einen Seite, sowie von Kastell und Zivilsiedlung, dem sogenannten vicus, von Ruffenhofen auf der anderen Seite, lockern nicht nur auf, sondern regen dazu an, stehen zu bleiben und den historischen wie gegenwärtigen Ausblick zu genießen.

Ausstellungsraum_1

Ein Eindruck des ersten Ausstellungsraumes, anhand dessen auch die Gliederung in die verschiedenen Themenbereiche und die Highlight-Vitrinen erkennbar sind, © Oliver Heinl.

Man muss nicht lange suchen, um zu erkennen, was das Museum seinen Besuchern und Besucherinnen vermitteln möchte. Schon anhand der Raumaufteilung und der jeweiligen Themenbereiche wird der Weg vom großen Ganzen, der einführenden Abteilung „Typisch Rom!“, bis hin zum Blick auf einen kleinen Ausschnitt des römischen Alltags, dem „Leben im vicus“, deutlich. In der letzten Abteilung konzentriert man sich schließlich auf das römische Leben um den Hesselberg und besonders in dem zum Kastell gehörigen Dorf. Hier kommen beispielsweise Handwerke in Form von Schmiedekünsten, Wollverarbeitung, sowie Brotherstellung neben der Präsentation von Luxusgütern, wie Bronzespiegel und Schmuck, zur Sprache.

Besonders in diesem Raum fällt der ausgezeichnete Einsatz von interaktiven Elementen auf, die jeweils durch die stilisierte Darstellung einer Hand gekennzeichnet sind. So kann man fünf für ein vicus typische Orte durch Gerüche erfahren und eigenhändig, mittels eines nachgebauten, steinernen Mahlwerkzeuges, Getreide zu Mehl verarbeiten.

Ausstellungsraum_2

Der hintere Ausstellungsraum mit Hands-On-Stationen im Vordergrund, © Oliver Heinl.

Diese Hands-on-Stationen finden sich aber nicht nur offen präsentiert, sondern auch versteckt in Schubladen, die es zu entdecken gilt. Beispielsweise wurden in demselben Raum etwas niedriger und auf Augenhöhe der Kinder zwei Schubfächer angebracht, in denen sich Brettspiele mit Spielsteinen befinden. Auch in allen anderen Themenbereichen kann erfreulicherweise angefasst und ausprobiert werden, wobei Wert darauf gelegt wurde, dass alle Sinne angesprochen werden.

Der Multimediaeinsatz wird dabei auf ein Minimum, sprich wenige Touchscreens mit weiterführenden Informationen, beschränkt. Diese Entscheidung kommt dem Museum zugute, liefert doch die Präsentation im Kino zwischen dem dritten und vierten Bereich genügend mediale Abwechslung und vereint die in der Ausstellung angesprochenen Themen, u. a. anhand der Fortführung der fiktiven Geschichte des Soldaten Decembers.

Der Soldat December – Archäologie und Fiktion

Soldat

Die fiktive Darstellung des Soldaten December, anhand dessen das Leben im Kastell und vicus von Ruffenhofen erläutert wird, © Oliver Heinl

Die Geschichte, die um diesen kreist, ist aber nicht gänzlich ausgedacht, denn es gibt archäologische Nachweise. Bei den Grabungen konnte der rechte Ohrenschutz eines Helmes geborgen werden, auf den drei Inschriften eingepunzt sind. Eine davon lässt den Namen „December“ erkennen. Anhand dieses Fundes wird klar, dass ein Soldat namens December im römischen Kastell von Ruffenhofen gewohnt und gearbeitet haben muss. Weitere Einzelheiten über das Leben des Soldaten sind weder historisch noch archäologisch nachweisbar, daher wurde eine fiktive Geschichte um ihn gesponnen. Diese ermöglicht, dass der Besucher quasi in direktem Kontakt mit einem damaligen, römischen Einwohner steht und, beispielsweise in Hörstationen, von December selbst etwas aus seinem Leben erfährt. Einzig die zu hohe Lautstärke der Hörstationen fällt dabei unangenehm auf, nicht zuletzt weil sie auch andere Besucher und Besucherinnen stört. Unter anderem nimmt man an dem Entschluss Decembers teil, eine junge Frau aus dem vicus zu heiraten und den Beruf seines zukünftigen Schwiegervaters zu erlernen, um auch nach dem Militärdienst den Lebensunterhalt für seine Familie sichern zu können. Untermalt wird diese Entscheidung in einem Schaukasten mit dem Titel „Der Bronzegießer December“. Darin findet man von Bronzeabfällen und Schlacken, über eine Zange, bis hin zum Halbfabrikat einer Gewandschließe (Fibel) und dem Beschlag eines Möbels in Form eines Frauenkopfes: Ein schönes Beispiel dafür, wie es gelingt, die fiktive Handlung mit den archäologischen Fundenzu verflechten und in einen anschaulichen Zusammenhang zu stellen.

Die zahlreichen Rekonstruktionen, welche die Ausstellung zudem bereichern, nehmen dem in archäologischen Befunden überlieferten Limes sowie dem Kastell das Abstrakte. Es findet sich beispielsweise ein Limeswachturm, mit an beiden Seiten anschließendem Grenzwall. Ein Hingucker der Ausstellung ist das großformatige, detaillierte Modell des gesamten Kastells, mitsamt dem vicus und dem umgebenden Gelände.

Rekonstruktion

Eine großformatige Rekonstruktion des Kastells und der Umgebung vermitteln ein greifbares Bild der damaligen Landschaft, © Oliver Heinl

Bei den meisten anderen Ausstellungsstücken handelt es sich um Gegenstände, die bei den Ausgrabungen in Ruffenhofen geborgen wurden. Zusätzlich wurde die Ausstellung mit Objekten von privaten und institutionellen Leihgebern angereichert.

Was uns archäologische Funde erzählen

Der zweite Themenbereich „Eine Grenze für Rom“ konzentriert sich eher auf einzelne, besondere Fundstücke, vor allem auf die bei den Grabungen entdeckten Holzbalken, die durch ihren guten Erhaltungszustand besonders beeindruckend sind. Wegen ihres Stellenwerts wird den Besucherinnen und Besuchern eine Untersuchungsmethode näher gebracht, die bei Hölzern Verwendung findet: Die sogenannte Dendrochronologie, mit deren Hilfe das Fälldatum eines Baumes ermittelt werden kann.

Sieht man von diesen außergewöhnlichen Funden ab, werden die meisten Objekte in verschiedenen Zusammenhängen präsentiert. Im Falle der Waffen, z. B. der Lanzenspitzen, ist die typologische Reihung gewählt, die mehrere Exemplare nebeneinander zeigt. Dabei variieren die einzelnen Objekte leicht in Form und Größe, stellen so aber die Bandbreite der gefundenen Spitzen dar.

Vitrine

Eine Vitrine mit Fundstücken, die mit Waffen und Bewaffnung in Verbindung gebracht werden können. Die Vielzahl der verschiedenen Objekte, stellt deren Bandbreite dar, © Oliver Heinl.

Andererseits werden Objekte, wie beispielsweise im Themenbereich „Bronzegießen“, in ihrem funktionalen Zusammenhang arrangiert.

Der Ohrenschutz, von dem bereits die Rede war, wird in der „Highlight“-Vitrine des dritten Abschnittes zum Thema „Soldaten für Rom“ ausgestellt. Diese hervorgehobenen Schaukästen stehen immer zu Beginn einer neuen Abteilung und führen in die jeweiligen Themenabschnitte ein. Ihr Inhalt, meist von besonderem archäologischem und historischem Wert, wird durch die farbliche Akzentuierung in dunklem, sattem Rot unterstützt und bietet darüber hinaus einen kurzen, einleitenden Text zum Thema.

Neben den klassischen archäologischen Objekten, findet auch die Dokumentation der Grabung Eingang in die Ausstellung. Das Grabungstagebuch, das sonst – wenn ausgestellt – meist aufgeschlagen und für den Besucher nicht erreichbar hinter Glas liegt, wird hier zum Durchblättern gereicht – nicht im Original natürlich, aber in Kopie auf einer stabilen Unterlage, was eine interessante Alternative darstellt. Das Museum, das im Allgemeinen auf ein sehr breites Publikum ausgerichtet ist, nutzt so die Gelegenheit auch näher interessierten Personen detaillierte Informationen bereitzustellen, was auch an anderer Stelle hätte vertieft werden können.

Schwellenlos in die römische Kaiserzeit und zurück

Nicht nur inhaltlich wird letztlich der Kreis geschlossen. Wandert man zu Beginn entlang der Zitate zum Limes in der Zeit bis kurz nach Christi Geburt zurück, so führen die bei der Grabung gemachten und in Teilen ausgestellten Funde der Zeit nach der Römer zurück in die Gegenwart.

Die Bänke und die ausliegende Kinder- und Fachliteratur laden zu einem kurzen Aufenthalt am höchsten Punkt des Museums ein. Von hier aus können auch weite Teile des umgebenden Römerparks und der Hesselbergregion mitsamt deren heutiger Kulturlandschaft eingesehen werden. Kaiser Trajan, der direkt hinter dem Besucher als Replik eines Reiterstandbildes thront und gleichfalls erhaben die Landschaft überblickt, führt erneut die Verbindung zwischen dem Kastell von Ruffenhofen und der römischen Hauptstadt vor Augen.

Sämtliche Texte sind in leicht verständlicher Sprache gehalten. Die kurzen Sätze sind durch Zeilensprünge in Sinnabschnitte gegliedert, was die Verständlichkeit erleichtert. Auf dieselbe Art und Weise sind auch die Texte in englischer Sprache geschrieben, die sich lediglich leicht in der Schriftart unterscheiden. Vereinfachte Kindertexte sind etwas tiefer angebracht, ebenso wie die Hinweissymbole für Hands-On-Stationen.

Nicht nur die textlichen Bestandteile des Museums sind dabei auf Inklusion von Menschen mit Handicap ausgerichtet, auch der Museumsbau an sich wurde barrierefrei errichtet: Rampenartig gestaltet sich die Eingangssituation, die stufenlos aber immer leicht ansteigend nach oben zu den Ausstellungsräumen und nach unten, unter anderem zu den sanitären Anlagen und der Garderobe, führt. Hat man die Ausstellung also einmal durchlaufen, befindet man sich am höchsten Punkt des beinahe kreisförmigen Museums und hat einen hervorragenden Blick über den Eingang und die Außenanlagen. Diese bestechen nicht nur durch das nordwestlich gelegene Kastell, dessen ehemalige Grenzen und Bebauung heute mit verschiedenen Pflanzen und Gewächsen gekennzeichnet wird, sondern ebenso durch einen Nachbau im Maßstab 1:10. Die zahlreichen Informationstafeln zu unterschiedlichen Themenbereichen wie die Vorstellung verschiedener Nutzbäume nebst gepflanzten Exemplaren runden den Besuch des Museums gelungen ab.

(1) Auszug aus dem Management-Plan 2010-2015 des Obergermanisch-Raetischen Limes

 

Sonnenuntergang

Der Blick vom Hang hinab auf das LIMESEUM und dem Römerpark im Hintergrund, © Oliver Heinl

LIMESEUM und Römerpark Ruffenhofen, Wittelshofen – www.limesum.de

Gestaltung: Karl+Probst Architekten, München – www.karl-und-probst.de

Kuratierung: Dr. Matthias Pausch; Romina Schiavone, M.A.; Dr. Christof Flügel

 

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