Die Schwarzen Jahre. Geschichten einer Sammlung 1933 bis 1945 – von Mia Golfels

Die Schwarzen Jahre. Geschichten einer Sammlung 1933 bis 1945 – von Mia Golfels

 

Und ganz am Ende packt es einen nochmal: Da läuft Mademoiselle Yvonne von Max Lingner, Mitglied der französischen Résistance, selbstbewusst, erhaben und mit unbeugsamen Willen auf den Betrachter zu, während schräg gegenüber Theo Baldens Geschlagener Jude versucht, die unfassbare Gewalt und Willkür der NS-Verfolgung in Form einer Skulptur zu fassen.

Die Neue Nationalgalerie im Hamburger Bahnhof

Während der laufenden Renovierung des Mies-van-der-Rohe-Baus, in dem die Neue Nationalgalerie Berlin eigentlich beheimatet ist, werden Werke aus ihrer Sammlung im Hamburger Bahnhof – Museum für Gegenwart in wechselnden Ausstellungen gezeigt. Beide Häuser gehören zur Nationalgalerie der Staatlichen Museen zu Berlin. Während der voraussichtlich vierjährigen Sanierung bietet der Hamburger Bahnhof der Sammlung der klassischen Moderne eine vorübergehende Bühne: die Neue Galerie. Als erste Sonderausstellung ist dort Die Schwarzen Jahre. Geschichten einer Sammlung. 1933 – 1945. vom 21. November 2015 bis zum 31. Juli 2016 zu sehen.

Die von Dieter Scholz kuratierte Ausstellung zeigt Werke der eigenen Sammlung mit Bezug zum Nationalsozialismus, gleich ob damals entstanden, erworben, beschlagnahmt oder in einem anderen Zusammenhang stehend. Die 60 ausgestellten Gemälde und Skulpturen – Highlights sowie eher unbekannte Werke – erzählen dabei verschiedene Geschichten von Kunst, Künstler, Museen und Politik dieser Zeit. Damit greift die Nationalgalerie ein in den letzten Jahren viel diskutiertes und ethisch brisantes Thema auf: Kunstwerke, die während der NS-Zeit in die Sammlungen der Museen kamen und bei denen der Verdacht besteht, dass es sich um verfolgungsbedingt entzogene Objekte handelt. Gerade durch den sogenannten Schwabinger Kunstfund aus dem Besitz Cornelius Gurlitts wurde die Debatte um die Rolle der Museen und den korrekten Umgang mit Werken, bei denen die Provenienz nicht geklärt ist, angefacht. Die Ausstellung Die Schwarzen Jahre erhebt jedoch nicht den Anspruch, eine Schau mit vollständig aufgearbeiteten Provenienzen zu präsentieren, sondern will die Komplexität und Verflechtung von Kunst, Politik, Museen und ihren Akteuren darstellen.

Die Schwarzen Jahre – ein Rundgang

Der Rundgang durch die Ausstellung beginnt im Vorraum, wo ein Einführungstext die Thematik, sowie die momentane Auslagerung der Sammlung der Neuen Nationalgalerie umreißt und dabei auf weitere Ausstellungen aufmerksam macht. Eine Chronologie der Jahre 1933 bis 1945 legt den Fokus auf politische Ereignisse und die Historie der Nationalgalerie.

Im ersten Raum folgt der Prolog: Ein Bildertausch mit Italien. Bereits 1932 wurde ein entsprechender Austausch vereinbart, bei dem sich der damalige Direktor der Nationalgalerie gegen die Rückgabe eines bedeutenden italienischen Gemäldes mehrere neue italienische Werke aussuchen durfte. Anhand von 14 Gemälden werden die politischen, künstlerischen und musealen Kontexte beleuchtet. Die Exponate werden dabei nur von knappen Werkangaben begleitet, jedoch ergänzt durch eine Vitrine mit zusätzlichen Informationen. Daneben ist über eine Audiostation die Eröffnungsrede von Herman Göring zu hören, die er anlässlich der 1933 stattfindenden Ausstellung Neue italienische Meister in der Nationalgalerie, wo die getauschten Werke gezeigt wurden, hielt.

Der Prolograum dient zur Einführung in den eigentlichen, großen Ausstellungsbereich. Das Ausstellungsdesign wurde von mv projekte konzipiert, die Szenografie lehnt sich an Karl Hofers Gemälde Die schwarzen Zimmer an, welches in der Ausstellung in der zweiten Fassung von 1943 zu sehen ist. Es fällt dem Betrachter durch die prominente Platzierung direkt beim Eintritt in den zweiten Ausstellungsraum auf. Die dort abgebildeten schrägen dunklen Wände und Durchsichten durch Türen und Fenster wurden für die Ausstellungsarchitektur übernommen. So trennen vier große, mattschwarze Wandelemente den Raum in mehrere Sektionen, lenken dabei aber durch zwei freigelassenen Öffnungen zugleich den Blick auf anderen Bereiche. Die dunklen und raumgreifenden Wände zwingen den Besucher zum einen zu Umwegen, zum anderen gewähren sie eine gewisse Transparenz und schaffen Querverweise zu anderen Werken. Auch die Raumpfeiler und einige Vitrinensockel sind schwarz verkleidet. Die restliche Raumgestaltung ist dagegen eher dezent gehalten: Die blassen, grau-grünen Wände, der helle Holzboden und die durchgehende Lichtdecke lassen den Raum als Kontrast wieder heller erscheinen.

Sechs Wandtexte führen in die jeweiligen Ausstellungseinheiten ein: Streit um die Moderne, Emigration, Aktion „Entartete Kunst“, Kunst im Dienst des Nationalsozialismus, Kunst in Opposition gegen den Nationalsozialismus und Verfolgung. Jedes Objekt ist mit eigenem Text versehen, der die individuelle Geschichte der Werke und Künstler vermittelt. Darunter finden sich Angaben zur Provenienz. So versinnbildlichen Werke etwa von Georg Kolbe, Lyonel Feininger, Käthe Kollwitz, oder Otto Dix unterschiedliche Künstlerschicksale in der NS-Zeit. Wurde des einen Kunst als nordisch-germanisch vereinnahmt und der Künstler ein Profiteur des Zeitgeistes, ist die der anderen als expressionistisch und damit „entartet“ diffamiert und die Künstler selbst zur inneren und äußeren Emigration gezwungen oder gar deportiert worden. Dabei werden immer wieder Bezüge und Verweise zwischen den Objekten aufgezeigt und diese so miteinander vernetzt.

Sechs im Raum verteilte Vitrinen enthalten Exponate, wie Briefe, Inventarlisten oder Bücher, die eine zusätzliche Informationsebene bieten.

Ideologische Verblendung

Die teils sehr wechselhaften Objektgeschichten verdeutlichen die Inkonsequenz und Widersprüchlichkeit der nationalsozialistischen Kulturpolitik. Oft existenzielle Entscheidungen für oder gegen einen Künstler bzw. ein Werk, waren nie künstlerisch, sondern immer politisch motiviert. Die Geschichte der in der Ausstellung gezeigten Reproduktion des verschollenen Gemäldes Der Turm der blauen Pferde von Franz Marc macht dies besonders deutlich: Galt es zunächst als Highlight in der damaligen Nationalgalerie, wurde es 1937 als „entartet“ eingestuft und im gleichem Jahr in der Münchner Ausstellung „Entartete Kunst“ gezeigt. Nach Protest des Deutschen Offiziersbundes, der sich für den im Ersten Weltkrieg gefallenen und mit einem Orden ausgezeichneten Franz Marc einsetzte, wurde das Gemälde jedoch aus der Ausstellung entfernt.

Chancen und Potenzial der Ausstellung

Die Bereichs- und Objekttexte der Ausstellung sind gut leserlich und verständlich, besonders für die typische Zielgruppe des Hamburger Bahnhofs, d.h. ein eher kunst- und kulturaffines Publikum. Doch stellt die Textmenge den Besucher vor eine Herausforderung. Da die Zusammenhänge und Hintergründe nur über Texte verständlich werden und nicht durch die visuelle Betrachtung der Werke, hat man nur die Möglichkeit viel zu lesen, was ermüdend sein kann oder aber bestimmte Texte auszulassen, was Verständnislücken zur Folge hat. Auch die geringe Anzahl an Sitzmöglichkeiten erschwert Ruhepausen. Ein ausstellungsbegleitender Audio-Guide hätte dem entgegenwirken können. Dies hätte zudem die Möglichkeit geboten, die Texte in anderen Sprachen oder in Leichter Sprache anzubieten, was diese Ausstellung auch für andere Zielgruppen attraktiver gemacht hätte. Auch wenn Entscheidungen für oder gegen zusätzliche Vermittlungsangebote immer von finanziellen und zeitlichen Faktoren abhängen, wäre es doch gerade bei einer solchen Ausstellungsthematik interessant gewesen, einen inklusiveren Ansatz zu verfolgen.

Die Rolle der Museen – im Besonderen der Berliner Nationalgalerie – während des Nationalsozialismus, wird in der Ausstellung vielschichtig beleuchtet; jedoch beschränkt sich die Auseinandersetzung damit, aufzuzeigen, wann Schließungen stattfanden und wie einzelne Direktoren agierten. Hier wäre eine intensivere Aufarbeitung möglich und wünschenswert gewesen, besonders da das Zusammenspiel der Werke wie Max Lingners Mademoiselle Yvonne, Karl Hofers Die schwarzen Zimmer, Georg Kolbes Herabschreitender und Arno Brekers Liegende das ganze Kunstspektrum dieser Zeit ergreifend widerspiegeln. Die Intention der Ausstellungsmacher, die eigene Sammlungsgeschichte selbstreflektiert zu zeigen, ist gleichwohl ein positiver Schritt und bietet sehr interessante und bewegende Einblicke in eine auch für die Kunst dunkle Zeit.

[Anmerkung der Herausgeber: Leider war die Nutzung der Fotos nur während der Laufzeit der Ausstellung gestattet. Die Bilder zum Beitrag sind deshalb am 29.7.16 gelöscht worden. Bernd Holtwick]

Die Schwarzen Jahre. Geschichten einer Sammlung. 1933 – 1945.

21.11.2015 – 31.07.2016

Hamburger Bahnhof – Museum für Gegenwart, Invalidenstraße 50-51, 10557 Berlin

Kuratierung: Dieter Scholze

Gestaltung: mv projekte

Katalog: Scholz, Dieter & Obenaus, Maria (Hg.): Die schwarzen Jahre. Geschichten einer Sammlung. 1933-1945. Berlin: Verbrecher Verlag, 2015.

 

 

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