Golem. Er ist unter uns – von Elke Schimanski

Golem. Er ist unter uns – von Elke Schimanski

Künstliches Leben erschaffen zu können ist ein Wunsch, der die Menschheit schon immer fasziniert hat. Ein Wesen, das  beschützen und für einen arbeiten kann.

Die Schau „GOLEM“, die vom 23.09.2016 bis 29.01.2017 im Jüdischen Museum in Berlin zu sehen ist, beschäftigt sich genau mit dieser Thematik. Sie zeigt die vielen Facetten,  der, wobei die Darstellung von Fluch und Segen eines Golems im Mittelpunkt steht.

Kuratiert wurde die Ausstellung von Emily D. Bilski, die sich seit Jahren  mit jüdischer Geschichte und Kunst beschäftigt und mehrere Ausstellungen gemacht hat. Die zweite Kuratorin ist Martina Lüdicke, die auch schon die Ausstellung „Die ganze Wahrheit – was Sie schon immer über Juden wissen wollten“ 2013 im Jüdischen Museum Berlin mitkuratiert hat.

Die Golems von heute und ihr Ursprung

Die Ausstellung gliedert sich in mehrere Themenbereiche.  Am Eingang der Ausstellung erwartet den Besucher eine schöne Lichtinstallation von Kristof Kintera, die einen auf die Ausstellung einstimmt.

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My light is your Life, Kristof Kintera, 2009, Foto: Kristof Kintera (c) Jüdisches Museum Berlin

 

Der  Rundgang  startet  überraschenderweise in der heutigen Zeit. „Was ist ein Golem?“, ist hier eine zentrale Frage. Ein Golem im Verständnis der jüdischen Mystik ist ein Wesen aus Lehm, Staub oder Erde, das durch einen Rabi mit Hilfe hebräischer Buchstaben zum Leben erweckt wird. Doch was sind die Golems von heute? Hier beziehen sich die Kuratoren auf Golems in Computerspielen und gehen soweit, dass Computer und Mobiletelefone Golems sind, die sich in unseren Alltag geschlichen haben. Kleine Helferlein, die uns zwar den Alltag erleichtern, uns aber auch immer mehr und mehr abhängig machen und einen gewissen persönlichen Teil von uns zerstören.

Im anschließenden Raum wird dem Ursprung des Golems in der jüdischen Mystik auf den Grund gegangen. Der Prozess des Erschaffens eines Golems ist wichtiger als der Golem selbst, ist es doch ein Weg, Gott näher zu kommen. Den Raum beherrscht eine künstlerische Installation von Joshua Arbabarnel, die eine menschengroße Golemfigur zeigt, bereit erweckt zu werden. In diesem Raum befindet sich auch eine Hörstation. Hier findet der Besucher den Text von I.L. Perez „Der Golem“  auf Deutsch und Englisch.

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Joshua Abarbanel, Golem (maquette), 2013, Foto: Joshua Abarbane (c) Jüdisches Museum Berlin

Verwandlung

Vorbei an einer Kunstinstallation von Anselm Kiefer gelangt man in den nächsten Raum mit dem Titel „Verwandlung“. Farblich ist dieser Raum in Beige und Weiß gehalten. Jedoch gehen Teile der Exponate unter, da sie so in einer Ecke angebracht wurden, dass sie leicht zu übersehen sind.

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»Rabbi Loew: der Golem«, Anselm Kiefer, 1988–2012, © Galerie Thaddeus Ropac, Paris/Salzburg

Das Thema „Verwandlung“ zieht sich auch durch die nächsten zwei Räumen. Dabei erscheint es verwirrend, dass sich das Farbschema ändert, denn bisher waren jedem Thema nur ein Raum und nur eine Farbe zugeordnet. In diesem Themenbereich ist wohl die beeindruckendste Installation von Jorge Gil mit dem Titel „Crisálidas“ zu nennen. Kokons mit Menschengesichtern hängen von der Decke und üben eine verstörende Faszination  aus.

Mythos in Geschichte und Film

Der Golem wird vielen Besuchern vom „Mythos von Prag“ bekannt sein, der zugleich auch Titelgeber für den nächsten Raum ist. Eine interessante 3D-Installation bricht die  bis hierhin etwas klassische Schau auf. 3-D Brillen werden vom Museum zu Verfügung gestellt und man kann förmlich in den Prager Mythos eintauchen, wenn man sich in den kleinen röhrenförmigen Raum stellt und dessen Wände betrachtet.

Der nächste Raum widmet sich der Thematik „Horror und Magie“. Paul Wegeners Stummfilm „Der Golem. Wie er in die Welt kam“ spielt in diesem Raum eine zentrale Rolle. Filmstills und Plakate illustrieren die Geschichte. Die Vitrine in diesem Raum verläuft nach unten schräg zu, sodass ohne Probleme Kinder aber auch Leute im Rollstuhl die Exponate betrachten können.

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Golem und kleines Mädchen, Szenenfotografie um 1920 © Deutsches Filminstitut, Frankfurt am Main, Nachlass Paul Wegener – Sammlung Kai Möller

Als Filmliebhaber hat es mir die Videocollage  „AE/MAETH“, bestehend aus 60 Filmzitaten, im nächsten Raum besonders angetan. Es sind ausreichend Plätze vorhanden und es kommt  Kino-feeling auf. Außerdem macht es Spaß, möglichst  viele Filme zu erraten. Das Spiel von Licht und Sound lässt einen ganz in diese Welt eintauchen.

Monster oder nur der Spiegel des eigenen Ichs?

Im Raum „Außer Kontrolle“ wird das Thema der Ambivalenz des Golems aufgegriffen. Der Golem wird meistens erschaffen, um seinen Schöpfer zu schützen, doch immer wieder richtet sich der Golem auch gegen ihn. Künstlerische Exponate und Videoinstallationen sollen dies verdeutlichen. Dabei wird auch hier  wieder das Thema sehr breit gefasst, wenn etwa ein Modell eines Spielplatzes  in Jerusalem  einen Golem zeigt, auf dessen Zungen die Kinder rutschen sollen. Um das zu erkennen, muss man allerdings gründlich hinschauen.

Um „Doppelgänger“ dreht es sich in den nächsten zwei Räumen. Der Golem stellt auch oft das „alte Ego“ des Menschen dar. Spiegelinstallationen sollen das verdeutlichen.

Der letzte Raum trägt den Titel „Mensch oder Monster?“. Hier bekommt der Besucher die Chance einen Eindruck davon zu gewinnen, wie oft der Golem in Comics und Graphiken als Monster auftritt, aber auch als Superheld gefeiert wird. Bücher und Comics liegen dafür in Regalen bereit oder man kann sich an IPads Informationen abholen. Zwei weitere Medienstationen bilden den Fokus in diesem Raum. Eine trägt den Titel „Golem Facerig“. Hier ahmt der der Computer-Golem  alle  Bewegungen auf dem Bildschirm nach, die der Besucher auf seinem Sitz davor ausführt. An der anderen Medienstation kann das berühmte Onlinegame „Minecraft“ gespielt und ein Golem gebaut werden. Beide Stationen sind Magneten für Kinder und Jugendliche, jedoch kommt es mir so vor, als wären sie nach dem Motto „Wir brauchen jetzt noch eine Medienstation“ gebaut worden.  Es fehlt  ein bisschen der Mehrwert für die Nutzer.

Fazit

Ich hatte vor dem Besuch der Ausstellung von dem Begriff „Golem“ nur im Zusammenhang mit Computerspielen gehört. Woher er eigentlich kommt und was er mit jüdischer Geschichte zu tun hat, ist mir durch die Ausstellung klar geworden. Die Raumtexte in den jeweiligen Räumen geben immer einen sehr guten Überblick. Alle Texte und Objektschilder sind auch auf Englisch vorhanden und gut zu lesen. Auch die Objekte in den Vitrinen sind so angebracht, dass ich sie gut anschauen kann. Rollstuhlfahrer und Kinder können auch alles gut betrachten und erfahren.  Es gibt einen Ausstellungstrailer und auf der Homepage des Jüdischen Museums kann man sich noch über viele Hintergrundinformation rund um das Thema „Golem“ informieren. Ebenfalls gibt es einen Hashtag zur Ausstellung, auf den sozialen Netzwerken wie Twitter oder Facebook ihre Bilder der Ausstellung taggen können.

Inhaltlich muss ich jedoch nochmals betonen, dass mir das Thema zu oft „um die Ecke“ gedacht wurde. Nach dem Besuch bleibt das Gefühl , dass alles und jeder ein Golem ist oder sein kann. Vielleicht war aber auch genau dass das Ziel dieser Ausstellung, zeigt sie doch eine sehr große Bandbreite an künstlerischen und kulturhistorischen Exponaten. Der Wunsch danach, künstliches Leben zu entwickeln wird weiter in den Köpfen der Menschen bestehen.

 

GOLEM

Jüdisches Museum Berlin  23.September 2016 bis 29. Januar 2017

Kuratierung: Emily D. Bilski, Martina Lüdicke

Gestaltung: Chezweitz GmbH, Berlin

Ausstellungstrailer:  https://www.youtube.com/watch?v=O8xAUm8rPaQ

Katalog: Golem; Im Museumsshop: 29 Euro, Buchhandelspreis: 34 Euro

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