Weltrettung interaktiv. Das Museon in Den Haag – von Bernd Holtwick

Was ist anschaulicher als das Original? Warum sollen Kinder sich die Dinge nicht am besten selber ansehen? Die Fragen sind heute aktuell – sie waren es auch vor 100 Jahren. Und sie bildeten die Grundlage zur Entstehung des „Museon“ in Den Haag.

Der ursprüngliche Zweck bei der Gründung 1904 war es, Schulkindern möglichst viele Anschauungsobjekte zur Verfügung zu stellen – am besten quer durch alle Unterrichtsfächer. Seitdem ist die Sammlung des Museon stetig gewachsen und zählt heute fast 300.000 Objekte. Als eine Art von didaktischem Universalmuseum enthält es unendlich Vieles, das man entdecken sollte, aber die Frage ist: Wie lässt sich denn diese Vielfalt ordnen?

Mit seiner neu gestalteten und am 29.10.2016 unter dem Titel „One Planet“ eröffneten Dauerausstellung gibt das Museon eine klare und selbstbewusste Antwort auf diese Frage. Grundlage sind die 17 Ziele für eine nachhaltige Entwicklung, welche die UNO im Herbst 2015 beschlossen hat. Das ist ja auch schon mal ein Statement! Am konkreten Ort zeugt es aber nicht einfach nur vom Sendungs- und Selbstbewusstsein der Ausstellungsmacher, sondern passt auch sehr gut in die nun wahrhaft internationale Stadt Den Haag.

dsc04327Anhand  17 interaktiver Stationen behandelt das Museon Aspekte dieser Ziele – und gestaltet damit den Kern der Dauerausstellung im Obergeschoss komplett neu. Thematische Nischen der alten Ausstellung bleiben erhalten und stehen manchmal in einem losen Zusammenhang zum neuen Teil, manchmal auch nicht. Der Unterschied zwischen alt und neu zeigt sich am deutlichsten in den Texten: Der neue Ausstellungsbereich ist durchgängig neben Niederländisch auch in Englisch betextet, der alte nur einsprachig. Den eigentlichen Kern der neuen Ausstellung bilden die 17 thematischen und interaktiven „Inseln“, ergänzt durch einige weitere, die auf besonders interessante oder innovative Projekte oder Organisationen verweisen – allerdings auch auf den „Corporate Sponsor“ LG, der die „Freunde-Lounge“ im Zentrum der Ausstellung fördert und unter das Firmenmotto „Life’s good“ gestellt hat. Die Homepage von LG bietet übrigens keinen Eintrag zu den Begriffen „nachhaltig“ oder „Nachhaltigkeit“ (Abfrage vom 6.3.17) …

Die Besucherinnen und Besucher können (und sollten sich auch) zu Beginn ein Kärtchen ziehen, das 17 Fragen enthält, die jeweils mit „ja“ oder „nein“ beantwortet werden können. An jeder der 17 Stationen gibt es dazu Hinweise, die den Zusammenhang erläutern, und es gibt je ein Gerät, mit dem man die Antwort durch ein Loch auch der Karte dokumentieren kann. Die Technik funktioniert zuverlässig, allerdings kann man sich offenbar selbst hier ungeschickt anstellen und braucht dann einige Versuche, bis man herausfindet, wie stark man die Mechanik betätigen muss …

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Frage-Kärtchen, Foto: Sebastian Wehrstedt

Folgt man den Nummern, bewegt man sich in einem Rundkurs durch die gesamte Dauerausstellung. Die 17 thematischen Inseln enthalten Original-Exponate und in jedem Fall auch ein Objekt zum spielerischen Ausprobieren. Die Vielseitigkeit der Interaktion ist beeindruckend: Ein Film, der nur läuft, so lange man sich bewegt; Frage-Antwort-Spiele in großer Bandbreite, immer auf dem neuesten technischen Stand und mehr als abwechslungsreich; Bewegungsspiele für Kleingruppen und vieles mehr. Nichts wiederholt sich, alles ist klar verständlich und einfach zu bedienen. Nicht immer gelingt es, die Spielideen wirklich thematisch ganz eng anzubinden, einzelne erscheinen ein wenig aufgesetzt. Insgesamt aber markiert die Ausstellung zweifellos den State of the Art bei  interaktiven Stationen.

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Entsprechend gut kommt die Schau auch beim Publikum an. Insbesondere Schulklassen und Eltern oder Großeltern mit Kindern dominieren den Raum. Auf wen die Ausstellung hin konzipiert ist, erscheint also klar. Das Bild bekommt aber Risse, wenn man den Rundgang entlang aller 17 Stationen abgeschlossen hat und zur End-Auswertung seiner Antworten-Karte aufgefordert wird. Die dabei verwendeten Kategorien erscheinen sehr abstrakt, nicht wirklich kindgerecht und auch nicht besonders handlungsorientiert – zumindest war das der erste Gedanke bei der Lektüre der Kategorien „nature conservationist“, „philanthropist“, „optimist“ oder „defender“. Vielleicht setzt das Konzept aber auch einfach voraus, dass Kinder in der Regel in Begleitung von Erwachsenen kommen (was der Anschauung nach zutrifft – am lockersten war die Betreuung der Schulklassen).

Es wird darüber hinaus nicht ersichtlich, wie negatives Verhalten – z.B. Rassismus, rücksichtsloser Materialismus – gekennzeichnet wird, ohne die Besucher offen zu kritisieren. Das wäre durchaus eine wichtige Option, zumal nicht wenige der Kinder rasch erkennen, was die gewünschten Antworten auf die Fragen auf der Karte sind – und dann bewusst „falsch“ antworten („Do you agree more women should be in charge?“).

Eine weitere kritische Frage ist zu stellen: Welche Rolle spielen die dreidimensionalen und originalen Objekte in der Ausstellung? Nur im Ausnahmefall werden Besucher animiert, sich mit ihnen genauer zu befassen, eher sind sie illustratives Beiwerk.  Möglicherweise wirkt sich hier auch noch die Tradition der didaktischen Sammlung aus, bei der Objekte nicht als Einzelstücke, sondern eher als Typen interessant waren. Bemerkenswert ist in diesem Zusammenhang, dass die 17 interaktiven Stationen zwar mit Exponaten verbunden sind, diese Museumsstücke scheinen aber nicht dem Fundus des Museon entnommen, sondern eher als Illustrationen speziell für die jeweiligen Themen hinzugefügt. Zwischen den 17 Stationen finden sich immerhin noch einige Großvitrinen, die mit Sammlungsstücken gefüllt sind. Punktuell werden auch Bezüge zu den UN-Zielen hergestellt, aber insgesamt scheint es sich doch eher um Relikte aus der bisherigen Dauerausstellung zu handeln. Das ist natürlich nicht grundsätzlich problematisch, aber die Frage scheint trotzdem gestattet, ob damit nicht zumindest eine Chance ungenutzt bleibt. Originale könnten wirksame Kristallisationspunkte für das Besucherinteresse sein.

Das gilt in gewisser Weise auch für die Gestaltung des Ausstellungsraums insgesamt. So viel Aufmerksamkeit den interaktiven Stationen gewidmet wurde, so wenig floss in ein gestalterisches Gesamtkonzept, das den gesamten Raum umfasst hätte. Die einzelnen Stationen sind je für sich faszinierend und abwechslungsreich, sie fügen sich aber nicht in ein größeres Ganzes ein, sondern bleiben im Grunde eine Aufzählung. Vielleicht liegen hier Chancen, wenn andere Häuser das hervorragende Konzept des Museon für eigene Zwecke weiterentwickeln wollen. Da geht möglicherweise noch was – aber: Hut ab vor der Leistung des Museon. Sie setzt Maßstäbe.

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