„Kriegszeit im Nationalmuseum 1914-1918“: Was bleibt? – von Rahel Clormann

„Kriegszeit im Nationalmuseum 1914-1918“: Was bleibt?  – von Rahel Clormann

Kaum ein Ereignis hat von Europa aus die Welt so sehr geprägt wie der Erste Weltkrieg. Die Folgen trafen das globale Mächteverhältnis genauso wie die politischen Systeme der meisten Staaten und das persönliche Leben von Millionen von Menschen. Auch wenn aus heutiger (vor allem auch deutscher) Sicht eher der Zweite Weltkrieg die Aufmerksamkeit auf sich zieht, ist die Erinnerung an die „Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts“ immer noch lebendig und soll es auch weiterhin bleiben. Aus diesem Grund fanden zum 100-jährigen Jubiläum des Kriegsausbruches 1914 zahlreiche Sonderausstellungen statt. Fast wurde die Republik von ihnen überschwemmt. Gut also, dass sich das Germanische Nationalmuseum (GNM) dazu entschloss, seine Ausstellung nicht ebenfalls 2014, sondern erst zwei Jahre später zu eröffnen.

Was blieb vom Ersten Weltkrieg im Museum und erinnert an diese Zeit?

Mit dieser Fragestellung im Hinterkopf konzipierte das Ausstellungsteam des GNM die ein Jahr dauernde Sonderausstellung zum Ersten Weltkrieg, die sich in der Dauerausstellung im Saal des 20. Jahrhunderts integriert befindet. Die hier präsentierten Exponate aus der eigenen Sammlung erzählen einzelne Episoden des Krieges anhand seiner Akteure und Rezipienten. Diese dienen gleichzeitig auch der Ausstellungsgliederung. Es handelt sich hierbei nicht um reale Personen, sondern um stereotype Repräsentanten verschiedener Gruppierungen, auf die lediglich in den Überschriften Bezug genommen wird. „Der Soldat“ und „der Offizier“ stehen als Vertreter des Militärs im Fokus, „der Künstler“, „das Kind“ und „der Zivilist“ vertreten die Zivilgesellschaft, die die Auswirkungen des Krieges ebenso zu spüren bekam. „Der Patriot“, „der Gedenkende“ und „der Sammler“ befinden sich irgendwo dazwischen. „Der Feind“ steht für die Kriegsgegner des Kaiserreichs. Und auch ein Blick auf „das Museum“ darf nicht fehlen. Dieser Fokus wird bereits durch das Plakat der Sonderausstellung aufgegriffen, das die nach einem Entwurf des Nürnberger Malers Georg Kellner entwickelte Mitgliedskarte des GNM aus dem Jahr 1917 zeigt.

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Abb. 1: Georg Kellner: Mitgliedskarte des Germanischen Nationalmuseums für das Jahr 1917, Nürnberg 1916, Germanisches Nationalmuseum, Graphische Sammlung

Aufgeteilt sind diese verschiedenen Blickwinkel durch eine dezente farbliche Abgrenzung: Die Überblickstexte sind auf einer hellgrauen Tafel angebracht und jeweils in einer anderen Farbe abgedruckt. Darüber hinaus werden die Überschriften in einem passenden farblichen Kasten hervorgehoben. Diese farbliche Kennzeichnung findet sich bei den Objektbeschriftungen als Balken an der Oberseite der Tafel wieder. Die simple Gestaltung ermöglicht ein schnelles sich Zurechtfinden in der Ausstellung. Der einleitende Überblickstext zur gesamten Ausstellung ist in derselben Art und Weise gestaltet. Auf diese Weise wird er einerseits nicht zu ausufernd, auf der anderen Seite besteht allerdings die Möglichkeit, ihn nicht direkt als Einleitung und übergeordneten Text zu identifizieren. Das kann zu Verwirrung führen. Doch beim Lesen wird schnell klar, um was es sich handelt. Die Ehrlichkeit der Kuratoren fällt an dieser Stelle positiv auf. Sie verweisen explizit darauf, dass die Ordnungskriterien der Ausstellung willkürlich gewählt seien. Und dass ihnen durchaus bewusst sei, dass eine Person mehr als einer der oben genannten Personengruppen zugeordnet werden kann.

Ein Gang durch die Ausstellung

Die Ausstellungsabschnitte bauen inhaltlich nicht aufeinander auf. Der Besucher kann folglich selbst bestimmen, in welcher Abfolge er die Ausstellung durchwandern will und je nach Interessenslage auch Abschnitte auslassen, ohne dadurch einen Nachteil zu erleiden. Die Gestaltung ist sehr zurückgenommen. Es ist angenehm temperiert und ruhig. Nicht jeder Winkel ist gleichermaßen ausgeleuchtet und doch sind die Objekte gut sichtbar und die Texte hell genug erleuchtet, um sie lesen zu können. Leider sind die Überblickstexte etwas klein geraten. Ältere Personen und Menschen mit Sehbeeinträchtigung könnten auf diese Weise Schwierigkeiten haben, sie zu entziffern. Alle Texte sind zusätzlich auf Englisch abgedruckt, sodass auch ausländische Besucher die Ausstellung in gleichem Maße erschließen können wie Einheimische. Abgesehen von der Größe sind die Texte in einer verständlichen Sprache gehalten und flüssig zu lesen. Auf den Gebrauch von Fachbegriffen wird weitgehend verzichtet.

Wie auf dem Bild unten zu sehen ist, ermöglicht die Vitrinengestaltung auch ein Erleben der Ausstellung im Rollstuhl. Genügend Platz zum Rangieren ist vorhanden und die Exponate sind so ausgestellt, dass sie sowohl von der Seite als auch aus der Vogelperspektive betrachtet werden können. Auch wenn auf diese Weise Kinder einen guten Blick auf die Objekte erhalten, würde ich persönlich von einem Besuch der Ausstellung als Familie abraten. Die klassisch gehaltene Präsentation verzichtet auf den Einsatz von Hands-On-Stationen. Lediglich eine Fotopräsentation ist multimedial gehalten. Doch auch diese könnte für Kinder schnell zu langweilig werden.

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Abb. 2: Blick in die Ausstellung, Foto: Germanisches Nationalmuseum, Felix Röser

Der Umgang mit den Exponaten

Auf den ersten Blick wirkt die Präsentation der Exponate klassisch. Zugegeben, die Art des Ausstellens ist nicht innovativ. Doch ist die Auswahl der Objekte sehr vielfältig. Neben Plakaten und Gemälden finden sich Alltagsgegenstände, Briefe, Flachwaren und auch einige Gegenstände, deren Funktion nicht auf Anhieb ersichtlich ist. An der einen Stelle befindet sich ein Schlagstock, an einer anderen verschiedene Formen des Notgeldes. Dass dieses anstelle von Münzen, die zu Kriegszeiten nicht in ausreichender Menge produziert werden konnten, ausgegeben wurde, ist sicher nicht jedem bekannt. Einen weiteren „Aha-Effekt“ können die Besucher bei einem anderen Exponat haben: Hier wird neben dem „Kerzenhalter für den Schützengraben“ auch noch der dazugehörige Werbeprospekt präsentiert, der dieses auch gleich noch erklärt.

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Abb. 3: Kerzenhalter für den Schützengraben, 1917, der Württembergischen Metallwarenfabrik (WMF), Germanisches Nationalmuseum

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Abb. 4 Broschüre für den Kerzenhalter für den Schützengraben, 1917, der Württembergischen Metallwarenfabrik (WMF), Germanisches Nationalmuseum

Auf einige dieser Exponate wird implizit in den Überblickstexten verwiesen. Liest man diese vor dem Betrachten der dazugehörigen Objekte, stellt sich im Anschluss daran ein Wiedererkennungseffekt ein und der Besucher hat ein Erfolgserlebnis. Auf diese Weise ergänzen sich Texte und Exponate harmonisch.

Das GNM ist mit den öffentlichen Verkehrsmitteln leicht zu erreichen. Eine offene und helle Eingangshalle erleichtert den Besuchern den Weg ins Museum. Alle Ausstellungsflächen sind barrierefrei zu erreichen. Positiv fällt auch auf, dass Schließfächer und Toiletten in ausreichender Zahl zur Verfügung stehen. Einen Wickeltisch gibt es nicht nur, wie meist üblich, auf der Damen-, sondern auch auf der Herrentoilette. Das der Leibniz-Gemeinschaft angehörige Museum verfügt neben zahlreichen Ausstellungsebenen über ein Café und eine offene Lese- und Informationsfläche, die zum Verweilen und Nachlesen einlädt.

Leider ist die Studioausstellung auf dem riesigen Areal des GNM sehr schlecht zu finden. Lediglich ein kleines Symbol, ohne Beschriftung, verweist auf sie. „Gehen Sie dort vorne rechts, dann linkerhand den Kreuzgang entlang bis zu dessen Ende, biegen Sie danach rechts ab bis sie zu ein paar Stufen gelangen. Erklimmen Sie diese, dann gelangen Sie in die Ausstellung über Ritterrüstungen und Schwerter. Gehen Sie hier die Treppe hinauf in den zweiten Stock. Dort befindet sich auch die Ausstellung über das 20. Jahrhundert, wo sich auch die Sonderausstellung befindet“, so die Beschreibung einer freundlichen Museumsaufsicht, die mich auch tatsächlich ans Ziel führte.

Zusammenfassend und abschließend lässt sich berichten, dass die Ausstellung zwar klein ist und auf den ersten Blick etwas unscheinbar wirkt, doch durch ihre durchdachten Elemente überrascht. Die Größe birgt zudem den Vorteil, dass der Besucher ohne Ermüdungserscheinungen jegliche Texte der Ausstellung lesen kann und durch die Anzahl der Exponate nicht überfordert wird. Der umfangreiche Ausstellungskatalog kann zu einem Preis von 12,95 € im Museumsshop erworben werden.

 

 

„Kriegszeit im Nationalmuseum 1914-1918“. Studioausstellung

Germanisches Nationalmuseum, Nürnberg

24.11.2016-26.11.2017

 

Konzeption und Projektleitung: Frank Matthias Kammel, Claudia Selheim

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