Barrierefrei und inklusiv. Kolonialismus im DHM – von Bernd Holtwick

Barrierefrei und inklusiv. Kolonialismus im DHM – von Bernd Holtwick

Das Deutsche Historische Museum (DHM) in Berlin traut sich was. Der Titel „Deutscher Kolonialismus“ legt die Latte hoch. Genauso ein leuchtend roter Plakataufdruck „barrierefrei und inklusiv“. Um einmal mit der thematisch-inhaltlichen Seite zu beginnen: Der hohe Anspruch resultiert daraus, dass es sich um ein wichtiges, umstrittenes und ziemlich komplexes Thema handelt, an dessen Umsetzung auf 1.000 qm man sich erst einmal heranwagen muss. Klar ist, dass sowohl Sachkompetenz als auch Sammlungsbestände das DHM prädestinieren, den Kolonialismus auszustellen. Trotzdem war der Wagemut offenbar nicht unbegrenzt, denn der Untertitel stapelt tief: „Fragmente seiner Geschichte und Gegenwart“ sollen wir vorfinden. Bruchstücke? Trümmerteile? Oder noch funktionierende Restbestände? Herausfordernde Assoziationen, aber die Ausstellung beschäftigt sich damit nicht. Im Kern arrangiert sie 500 Objekte, mit denen sie Thesen zum deutschen Kolonialismus illustriert.

DHM Eingang

Leider ist das Fotografieren in der Ausstellung verboten. Foto: Ansgar Koreng 2017 (wikimedia commons)

Die Ausstellung startet mit einer Art Einleitung „Deutscher Kolonialismus im globalen Kontext“. Die Aufsichten stehen dabei vor der Herausforderung, den erfreulich großen Besucherzustrom zu kanalisieren und lenken die Hereintretenden direkt in einen schmalen Durchgang vom Eingang weg. Damit bleibt der größte Teil dieser Einleitung unsichtbar – wahrscheinlich ging die Ausstellungsplanung davon aus, dass man sich für die ‚Erstorientierung‘ etwas mehr Zeit nimmt und gründlicher umschaut. Dann würde aber das Problem entstehen, dass man wieder in Richtung des Eingangs zurücklaufen müsste, um den Einstieg in den straff geführten Rundgang zu finden. Weil das wohl bei einer großen Besucheranzahl nicht funktioniert, wird man freundlich, aber bestimmt direkt nach links gewiesen.

Man entdeckt einen hilfreichen Tastplan der Gesamtausstellung und landet danach schnell im der zweiten Themenraum „Koloniale Weltbilder und koloniale Herrschaft“. Dort begreift man auch das weitere Organisationsprinzip des Rundgangs für folgsame Besucher: Große Nummer suchen, Einleitungstext lesen, Objekte anschauen. Die meisten der acht farblich jeweils markierten Themenräume bieten eine zentrale Objektgruppe wie eine Insel mitten im Raum, um die man herumgeht und dabei auch die Objekte außen an den Wänden anschauen kann.

Die Besucher landen dadurch immer wieder in der Mitte des Ausstellungsraums und können – Nummer suchen, Text lesen – mit wenigen Schritten zur nächsten Einheit wechseln. Die Überraschung folgt dann am Schluss: Ausgerechnet die letzte Einheit bietet den Einleitungstext erst, wenn man sie verlässt. Der Grund dafür bleibt unklar, aber der dort präsentierte Film „Radi-aid“, ein satirischer Aufruf von Afrikanern, Heiz-Radiatoren für das unter der Kälte leidende Norwegen zu sammeln, entschädigt für alles.

Die Gestaltung ist streng: Weiße Vitrinen, nackte Trennwände, am Boden die Leitspur für Blinde und ein Linienmuster, dass sich (eigentlich nur) dank der Hilfe des Tastplans am Eingang verstehen lässt: Es ist die Übertragung der Längen- und Breitengrade, wie man sie in Weltkarten findet. Der Raum ist dämmrig, wahrscheinlich um das ausgestellte Papier vor zu viel Licht zu schützen. Darunter leidet ein wenig die Lesbarkeit der Texte und die Erkennbarkeit der Objekte.

Pressebilder_Kolonialismus_neu

Diese haben es angesichts der strengen Gestaltung und der Thesen-Orientierung der Ausstellung ohnehin nicht leicht. Es bleibt weder Zeit noch Raum, um sich wirklich den vielen wunderbaren Stücken zu widmen. Und wer sich intensiv mit ihnen beschäftigt, verliert schnell den Gesamt-Faden. Samoa, Tsing-Tao, Windhuk, Dula, Herero, Askari – akademische Vorbildung und geistige Beweglichkeit erleichtern das Verständnis enorm. Es ging den Machern erkennbar nicht um die Einzelfälle und Einzelstücke, sondern um das Große und Ganze. Ob das die Stärke des Mediums Ausstellung ist, und ob sich dazu die Objektzentrierung als Herangehensweise wirklich eignet, sei hier in Zweifel gezogen.

Da an anderer Stelle schon die Inhalte kompetent diskutiert wurden, soll es hier um die in der Öffentlichkeitsarbeit des DHM mit Stolz vorangetragene Barrierefreiheit und Inklusionsleistung der Ausstellung gehen. Um es klar auszusprechen: Jede Anstrengung in dieser Richtung ist gut. Das DHM setzt Standards, an denen sich auch andere orientieren. Und leider verdienen das Label, welches das DHM sich verleiht, noch längst nicht alle Ausstellungen in Deutschland, vielleicht nur eine kleine Minderheit.

Konkret materialisiert sich die Barrierefreiheit in 16 sogenannten „inklusiven Kommunikationsstationen“. Hier findet sich jeweils (mindestens) ein Objekt zum Betasten oder Ausprobieren in Verbindung mit einer sechseitigen Walze, auf der Texte in Deutsch, Englisch, Braille und Leichter Sprache stehen. Hinzu kommt ein Video mit Gebärdensprache und die Möglichkeit, sich eine Audiodeskription anzuhören. Auffindbar sind diese Stationen nicht zuletzt durch Leitlinien am Boden. Die o.g. Einleitungstexte gibt es neben einer deutschen und englischen Fassung (wie alle Ausstellungstexte) auch in Leichter Sprache. Zur gesamten Ausstellungen ist eine Hörführung erhältlich, Führungen für Hörbeeinträchtige sind im Angebot.

Trotz alldem muss man sicher der Pressemappe widersprechen: Nein, die Ausstellung ist nicht barrierefrei und inklusiv gestaltet. Sie konzentriert sich z.B. auf Blinde, lässt aber Sehbehinderte außen vor, für die die allermeisten Texte zu klein und zu schlecht beleuchtet sind. Und grundsätzlich kann sich Barrierefreiheit nicht auf 16 „inklusive Kommunikationsstationen“ fokussieren, sondern muss umfassend gedacht und umgesetzt werden.

Aber solche Kritik ist immer auch etwas wohlfeil. Viel spannender scheint es, sich durch die vorhandenen Inklusionsangebote einmal inspirieren zu lassen. Man darf die These formulieren, dass Behinderte über weniger Ressourcen verfügen, um Mängel von Ausstellungen auszugleichen. Damit würde Inklusion nicht zu einem Zusatzangebot, sondern durch das Denken von bestimmten Einschränkungen her würde deutlicher erkennbar, was Ausstellungen für alle ihre Besucher fehlt.

Aus diesem Blickwinkel sind die Einleitungstexte in Leichter Sprache zwar begrüßenswert, wäre es aber nicht viel besser, wenn die Ausstellung inhaltlich und gestalterisch klarer und prägnanter in ihren Aussagen würde? Ein wesentlicher Schritt könnte es sein, die Relevanz des Themas nicht erst am Schluss zu erläutern, sondern die Ausstellung damit zu beginnen und von da her aufzubauen.

Sinnliche Wahrnehmung – grundsätzlich auch mit immer zwei Sinnen – könnte sich durch die gesamte Ausstellung ziehen und vielfache Zugänge zu Objekten und zum Gesamtthema erschließen. Ob dann isolierte Tastobjekte noch für die Besucher interessant wären, ließe sich dann immer noch überprüfen.

Ein Bodenleitsystem für Blinde mag hilfreich sein. Welches Potenzial bietet es, wenn diese Orientierung so angelegt ist, dass auch Menschen ohne Seheinschränkungen sich mit ihr die Ausstellung komplett und gut erschließen können? Damit verbunden wäre aber wahrscheinlich eine bewusste Entscheidung, welche Teile der Ausstellung wichtig, welche unwichtiger sind. Und das wiederum setzt eine gründliche Durchdringung des Themas und seine Reduzierung auf das Wesentliche voraus.

Berlin, VdJ-Fotoausstellung "Der Tag begann"

Anti-Kolonialismus-Ausstellung vor mehr als 50 Jahren und ganz in der Nähe des heutigen DHM: Sam Hamidou und Alis Sankhon aus Guinea besuchen mit ihrem Betreuer Horst Mittwoch die Ausstellung „Der Tag begann – Freiheit und Unabhängigkeit für alle Völker“ des Verbands Deutscher Journalisten (VDJ) am 17.2.1961, im Ausstellungszentrum am Berliner Bahnhof Friedrichstrasse (Ost-Berlin, DDR), Foto: Werner Krisch, Bundesarchiv 183-80571-0001.

 

Inklusion könnte (und sollte) auch bedeuten, Menschen mit unterschiedlicher sozialer und kultureller Herkunft auf Augenhöhe zu begegnen. Was die Homepage schon ganz selbstverständlich leistet, findet sich in der DHM-Ausstellung leider nur sehr am Rande: Unterschiedliche Perspektiven auf das Thema und auf die Exponate der Ausstellung. Was für eine Chance, um die Relevanz einer Beschäftigung mit dem Kolonialismus und seinem Erbe zu demonstieren!

Es gilt sowohl für die Auseinandersetzung mit dem Kolonialismus wie für Barrierefreiheit und Inklusion ohne Zweifel die Parole: Gut so, mehr davon! Und allein darauf hinzuweisen ist keine kleine Leistung für eine Ausstellung.

 

Deutscher Kolonialismus. Fragmente seiner Geschichte und Gegenwart

Deutsches Historisches Museum, Berlin, 14. Oktober 2016 – 14. Mai 2017

Kuratierung: Sebastian Gottschalk, Heike Hartmann

Gestaltung: Nadine Rasche, Werner Schulte, Mara Spieth

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3 Gedanken zu “Barrierefrei und inklusiv. Kolonialismus im DHM – von Bernd Holtwick

  1. „Was die Homepage schon ganz selbstverständlich leistet, findet sich in der DHM-Ausstellung leider nur sehr am Rande: Unterschiedliche Perspektiven auf das Thema und auf die Exponate der Ausstellung. Was für eine Chance, um die Relevanz einer Beschäftigung mit dem Kolonialismus und seinem Erbe zu demonstieren!“

    Schade, dass im Ausstellungskonzept anscheinend nicht vorgesehen ist, sich mit der Rolle von autorisierten Sprecher*innen auseinanderzusetzen. Transparenz: Welche Perspektive wird von wem aufgezeigt? Eine Frage, die dann vielleicht und hoffentlich zumindest im Veranstaltungsprogramm zur Ausstellung thematisiert wird.

  2. Bemerkenswert fand ich, dass dieser wichtige Aspekt im Besucherbuch (zumindest soweit ich beim ganz oberflächlichen Blättern sehen konnte) überhaupt kein Thema war. Sofern Kritik an der Ausstellung auftauchte, bezog sie sich darauf, dass angeblich die deutsche Schuld zu einseitig betont würde.

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