Erlebnis Burg oder eine alte Geschichte in neuen Gewändern? – von Teresa Novy

Erlebnis Burg oder eine alte Geschichte in neuen Gewändern? – von Teresa Novy

Am 8. September 2016 eröffnete auf der Veste in Heldburg im Kreis Hildburghausen „Das Deutsche Burgenmuseum“. Dass die deutschsprachigen Länder mehr als 20.000 Burgen und Burgruinen ihr eignen nennen und diese Unmenge an steinernen Zeugen des längst vergangenen Mittelalters touristisch erfolgreich vermarkten, ist weitläufig bekannt.

Die Veste Heldburg liegt im südlichen Thüringen, das mit dem Titel „Burgenland“ für sich und sein kulturelles Erbe wirbt und ist eine Station einer der beliebtesten touristischen Straßen Europas: der „Burgenstraße“. Die umliegenden Regionen weisen eine erhebliche Dichte an Burgen, Burgruinen und Schlössern aller Art auf, so dass der Standort des Deutschen Burgenmuseums durchaus gut gewählt erscheint.

Das heutige Erscheinungsbild der Veste Heldburg ist ein Ergebnis aufwändiger und kostenintensiver Sanierung und stellt das erste, wichtigste und offensichtlichste Exponat des Deutschen Burgenmuseums dar.  Als Gemeinschaftsprojekt der Bundesländer Thüringen und Bayern wurde die Veste seit den 1990er Jahren aufwendig saniert und restauriert und erhielt über zwanzig Jahre später ihr heutiges Aussehen. 2005 wurde ein Trägerverein für das Museum gegründet, zu dem etwa das Germanische Nationalmuseum in Nürnberg, das Deutsche Historische Museum in Berlin sowie weitere Vereinigungen und Unternehmen gehören.

Die Veste Heldburg als Deutsches Burgenmuseum präsentiert sich im derzeitigen Zustand allerdings unfertig und uneinheitlich. Auch nach der Eröffnung sind nicht überall die Restaurierungsmaßnahmen abgeschlossen, an manchen Orten nicht mal begonnen; so zeigen sich (für Besucher[1] zugängliche) Innenräume der Burg unkommentiert im Zustand zu DDR-Zeiten. Die Restaurierung des sog. „Heidenbaus“ ist zwar fertig gestellt, zum Zeitpunkt des Besuches war die Einrichtung der dortigen Ausstellung noch nicht abgeschlossen, so dass dieser Teil nicht besichtigt werden konnte. Die Tatsache, dass es sich bei der Veste Heldburg um eine ganze Burganlage handelt, macht eine einheitliche Wahrnehmung des Museums schwierig, da die einzelnen Ausstellungsteile verstreut sind und das Museumserlebnis immer wieder unterbrochen werden muss, um das Gebäude zu wechseln. Das Zusammenspiel der teils fertigen, teils unfertigen neuen Ausstellungsräume verstärkt zudem das Gefühl von Uneinheitlichkeit.

Die Veste Heldburg als Deutsches Burgenmuseum zu deklarieren, war demnach vielleicht etwas voreilig, da kein einheitliches Museumserlebnis bei den Besuchern erzeugt, und die Veste als ein Museum nur schwer wahrgenommen werden kann.

Die Dauerausstellung im Französischen Bau

In diesen behutsam restaurierten Räumen befindet sich die Dauerausstellung des Deutschen Burgenmuseum. Die Restauratoren schufen ein gutes Beispiel für eine authentische Restaurierung ohne dabei das Bauwerk wie eine künstliche Kulisse erscheinen zu lassen. Die ereignisreiche Geschichte des Hauses ist den Mauern abzulesen, gleichzeitig kann man ihren einstigen Prunk noch erahnen und ihre Schönheit bestaunen.

Ausstellungsmöbel und Burgmauer

Ausstellungsmöbel und historische Bausubstanz, Foto: Teresa Novy

Die sensible Ausstellungsarchitektur lässt zu jeder Zeit den historischen Räumen den Vortritt. Die in dunklem Blau gehaltenen Einbauten sind zum großen Teil im Zentrum der Räume verortet, so dass der Blick stets auf die Wände frei bleibt, was den Besucher kontinuierlich an seinen Aufenthalt in einer echten Burg erinnert und so ein unterschwelliges Gefühl von Authentizität vermittelt; gleichzeitig erscheinen die mittelalterlichen Räume mit den grau verblassten Wandmalereien dadurch manchmal übermäßig groß und erwecken dann einen eher trostlosen Eindruck.

Die Ausstellungsarchitektur besteht nicht nur aus traditionellen Vitrinenmöbeln, sondern ist  individuell und durchdacht an die jeweiligen Räume oder Themen angepasst. Die Objekte zum Thema „Ofenheizung“ etwa werden in einem stilisierten Kachelofen präsentiert, dessen einzelne Kacheln Objekte oder Texte zeigen. Hervorzuheben ist die Präsentation des Kindheitsthemas: Die Informationen befinden sich auf einer stilisierten Schultafel, deren Höhe man verstellen und damit an die Größe der Leserinnen und Leser anpassen kann. Schade nur, dass nicht bei jedem Möbel auf die Nutzung durch Kinder geachtet wurde.

Ausstellungsmöbel zum Thema Ofenheizung

Ausstellungsmöbel zum Thema Ofenheizung, Foto: Teresa Novy

Die Raum-, Themen- und Objekttexte sind in weißer Schrift direkt auf den dunklen Einbauten bzw. Möbeln angebracht, was eine gute Lesbarkeit garantiert und sehr edel und hochwertig wirkt. Ein Textfeld besteht aus einem kurzen einführenden Thementext, einem Quellenauszug und den Objekttexten. Den Objekten selbst wurde in den Vitrinen keine Nummern zugewiesen; die Zuordnung der Objekte zum jeweiligen Text erfolgt über kleine Skizzen. Eine clevere und gut funktionierende Lösung einer anhaltenden musealen Problematik.

Texttafel zum Thema Ritter

Typische Texttafel, Foto: Teresa Novy

Die Thementexte sind sehr knapp gefasst und gut verständlich. Allerdings wünschen sich wissbegierige Besucher vermutlich deutlich mehr Informationen.

Nicht nur die Texte, sondern auch die Themenauswahl insgesamt erscheinen sehr reduziert, so dass die Ausstellung nur eine eng vorgegebene Geschichte der deutschen Burgen erzählt, die ans klischeehafte grenzt. Schon der erste Themenbereich macht deutlich wohin die Reise geht: Auf einer sich drehenden Scheibe sind zwei authentische Ritterrüstungen als Kampfpaar inszeniert. Unweigerlich ziehen sie die Aufmerksamkeit auf sich und leiten die Ausstellung und somit die Erzählung mit Kampf, Gewalt, Krieg und Tod ein. Die dominanten Objekte im Themenbereich „Ritter“ bleiben Waffen, und die erzählte Geschichte handelt nur vom Krieg. Sicherlich sind die Begriffe Burg und Krieg nicht von einander zu lösen, dennoch wird es dem Besucher durch eine solche Einführung erschwert, die Burg auch als Wirtschaftsfaktor wahrzunehmen und neue Informationen aufzunehmen.

Ritter Kampfszene

Inszenierung eines Kampfes zwischen Rittern, Foto: Teresa Novy

Auch im Hinblick auf die Geschlechterrollen im Mittelalter trägt die Dauerausstellung des Deutschen Burgenmuseums eher dazu bei, Klischees zu zementieren. Das erste auffällige Bild einer Frau zeigt eine junge Dame überlebensgroß nackt in ihrer Stube. Umgeben ist die Reproduktion eines Gemäldes von Kosmetikartikeln. Freilich dominieren Männer die Themen um das Rittertum; doch beim Thema „Alltag“ den Mann in einem Studierzimmer am Schreibtisch zu zeigen und die Dame am Webstuhl, spiegelt mehr verbreitete Vorstellungen der Gegenwart über das Mittelalter wieder als tatsächliche historische soziale Rollenverteilung. Hinzu kommt, dass die Texte im Museum nur im Maskulinum erzählen, was der ein oder anderen Besucherin vielleicht vor den Kopf stößt.

Frauenbild

Frauenbild, Foto: Teresa Novy

Positiv hervorzuheben ist nochmals der Themenbereich „Kindheit“. Die Wahl eines solchen Themas in einem Museum, dass sich mit Burgen beschäftigt, ist nicht selbstverständlich und erfreut daher umso mehr. Leider bleibt hier der Bezug zur Burg nur peripher.

Das übergreifende Thema Burg tritt auch bei anderen Themenbereichen in den Hintergrund. So erwähnt der Text zu den Kreuzzügen nicht einmal das Wort Burg und die Tatsache, dass sich einige der beeindruckendsten Burgen in ehemaligen Kreuzfahrerstaaten befinden, bleibt unerwähnt. Generell ist zu sagen, dass die Ausstellung sich nicht explizit genug auf Burgen bezieht. Das Obergeschoss der Ausstellung bietet eher allgemeine Informationen über das „Leben im Mittelalter“.

Der zweite Teil der Ausstellung wirkt wesentlich konzentrierter auf das Thema Burg und setzt sich selbstkritisch mit dem Thema auseinander. Themen wie „Burgenforschung“, „Burgen im Nationalsozialismus“ und „Mythos Burg“ machen dies deutlich. Gerade das Thema „Burgen im Nationalsozialismus“ bietet umfangreiche Informationen, die neues Wissen vermitteln.

Der Themenbereich „Burg und Schloss“ bietet im Gegensatz dazu kaum Informationen; er zeigt dutzende von Bauplänen, die (derzeit) ohne Beschriftung sind, ja sogar ohne Datierung, ein Umstand der die Objekte für Besucher so gut wie nutzlos macht.

Bei anderen Dokumenten ist Ähnliches zu beobachten: Handschrift oder gedruckte Fraktur wird für die Besucher nicht transkribiert, so dass alle, die mit alten Schriften nicht vertraut sind, nur schauen, aber nicht lesen können. Gerade die aufwändigen Medienstationen, die Scans von Büchern zum Durchblättern enthalten, haben daher rein illustrativen Charakter und spielen keine inhaltliche oder didaktische Rolle.

Auch wenn sich der zweite Ausstellungsbereich mit der touristischen Vermarktung von Burgen auseinandersetzt, fehlt eine kritische Betrachtung der Gründung des eignen Museums sowie eine Verortung der eignen Arbeit mit dem Thema Burg im Zeitalter des „Mittelalterbooms“.

Der Themenbereich „Mythos Burg“ erinnert zudem doch sehr an die gleichnamige Ausstellung des Germanischen Nationalmuseums in Nürnberg im Jahr 2010. Dies mag kaum verwundert, so liest man im Großteil der Objektbeschriftungen, dass es sich um Leihgaben aus dem eben genannten Museum oder dem Deutschen Museum Berlin handelt. Auch das ist kaum verwunderlich, da die beiden Museen zur Trägerschaft des Deutschen Burgenmuseum gehören und da das Burgenmuseum selbst (noch) keine eigene Sammlung hat. Eine Tatsache, die sich ebenfalls in der geringen Anzahl ausgestellter Objekte widerspiegelt, die innerhalb der Ausstellung reinen illustrativen Charakter haben.

Das Deutsche Burgenmuseum auf der Veste Heldburg will mehr sein als es (derzeit) bieten kann. Zur Zeit meines Besuches, mehrere Monate nach Eröffnung, präsentierte es sich als nicht zu Ende gedacht und unfertig. Ein ganzer Bereich des Museums war noch im Aufbau und konnte nicht besichtigt werden, im zugänglichen Bereich befanden sich Vitrinen ohne Objekte, Objekte ohne Beschriftung und Texttafeln auf dem Fensterbrett ohne Objekt, dafür mit Schrauben und Werkzeug. Eine Tatsache, die die Erzählung der Ausstellung unschön unterbricht und den Besucher aus seinem Museumserlebnis herauslöst.

Die Veste Heldburg tritt während des Besuchs der Dauerausstellung im Französischen Bau zwar durch ihre Wandmalereien und beeindruckenden Kamine in Erscheinung, wird aber keineswegs inhaltlich eingebunden. Eine kleine Ausstellung zur Geschichte der Burg befindet sich in einem separaten Teil der Veste Heldburg.

Das Deutsche Burgenmuseum möchte seinen Besuchern das „Erlebnis Burg“ bieten, mittelalterliches Leben auf der Burg spannend erzählen. Auch das gelingt ihm nicht vollständig. Inhaltlich bleibt das Museum nicht aussagekräftig genug: Allein die geringe Anzahl an Objekten lässt die Erzählung dünn werden; die kurzen und stark vereinfachten Texte informieren lediglich einen Burgenneuling und enttäuschen die engagierten Besucher.

Die Geschichte der Burg, die erzählt wird, bleibt klischeehaft: Es geht um Ritter, Folter und Fortifikationen. Ein Thema wie „Burg im Frieden“ hätte die Erzählung über den Burgalltag durchaus abgerundet und neue Blickwinkel ermöglicht. Die mystische Ausstrahlung von Burgen wird nicht entziffert, sondern aufrechterhalten. Der „Mittelalterboom“ wird nicht genutzt, um Besuchern wissenschaftlich belegte Informationen über Burgen zu vermittelt, sondern es wird sich ihm blindlings angeschlossen und Burg als Unterhaltungsmedium verkauft. Zu wünschen ist eine rasche Fertigstellung und Ergänzung der Ausstellung, denn das Thema Burg wäre allemal eine kritische und wissenschaftlich fundiertere Aufarbeitung wert.

 

[1]    Um die Lesbarkeit des Textes zu vereinfachen entschied sich die Verfasserin, das generische Maskulinum zu verwenden.

 

Deutsches Burgenmuseum, Bad Colberg-Heldburg

http://www.deutschesburgenmuseum.de

Kuratierung: Prof. Dr. Anja Grebe, Donau-Universität Krems; Prof. Dr. Ulrich Großmann, Germanisches Nationalmuseum, Nürnberg

Gestaltung: Architekturbüro Feulner & Häffner, Ellingen

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