Moderne Zeiten in der Cadolzburg – von Teresa Novy

Moderne Zeiten in der Cadolzburg – von Teresa Novy

„HerrschaftsZeiten! – Erlebnis Cadolzburg“ verbindet neuste Technik mit dem Alltag des Mittelalters

 Das Burgenerlebnismuseum Cadolzburg bei Fürth will das späte Mittelalter für seine Besucher[1] erlebbar und zu einem einzigartigen Erlebnis machen. Seit dem 23. Juni 2017 ist das Museum „HerrschaftsZeiten! – Erlebnis Cadolzburg“ eröffnet und präsentiert auf rund 1500m² Ausstellungsfläche in und mit den Räumen der Cadolzburg ein multimediales Vermittlungsangebot über das mittelalterliche Leben der Hohenzollern in Franken.

Die Cadolzburg wurde durch aufwändige Wiederaufbaumaßnahmen für ca. 37 Millionen Euro selbst zum Ausstellungsstück und beeindruckt durch die ästhetisch ansprechende Kombination aus alter Bausubstanz und modernen architektonischen Ergänzungen. Die Burg, 1157 erstmals urkundlich erwähnt, wurde Mitte des 13. Jahrhunderts von den (Hohen-)Zollern bezogen und nach und nach zum Herrschaftssitz prunkvoll ausgebaut. Auch nach deren Fortgang aus Franken blieb die Cadolzburg politisch bedeutsam, als Verwaltungszentrum des Marktgrafentums Brandenburg-Ansbach. Vor ihrer Zerstörung durch einen Brand in den letzten Tagen des Zweiten Weltkrieges zählte die Cadolzburg zu den beeindruckendsten Burganlagen im Land. Von diesem traurigen Schicksal ist der Burg allerdings, vor allem von außen, nichts mehr anzusehen; gerade die Fassaden sind umfassend rekonstruiert und restauriert worden. So bildet die Cadolzburg selbst das wichtigste Ausstellungsobjekt des Museums, das mit Leichtigkeit Authentizität zu versprühen scheint und Lust auf Mittelalter macht.

Auch im 21. Jahrhundert bleibt die Cadolzburg politisch: bei der Wahl des Standortes des geplanten Deutschen Burgenmuseums bestimmten wohl letztlich politische Faktoren die Entscheidung das Burgenmuseum auf der Veste Heldburg in Thüringen einzurichten und nicht in Franken auf der Cadolzburg.

Doch auch auf der Cadolzburg begann 2005 der Ausbau des Alten Schlosses durch die Bayerische Schlösserverwaltung zum „Erlebnismuseum“, das die Glanzzeit der Hohenzollern auf der Cadolzburg im späten Mittelalter, aber sicherlich auch die Eignung des Standortes für ein Museum von überregionaler Bedeutung aufzeigen soll.

Die ereignisreiche Geschichte der Burg wird im Museum kontinuierlich miterzählt: transparente Textstehlen geben knappe Informationen zum jeweiligen Raum oder Burgenabschnitt. Die Inhalte sind gut gewählt: Hinweise zum ehemaligen Zweck der Räume, Episoden aus der Geschichte der Burg, aber auch Eindrücke aus den Wiederaufbauarbeiten. Hier gefällt besonders, dass die Forschungslücken nicht verschwiegen, sondern ebenso wie die Rekonstruktionsmaßnahmen klar benannt werden.

Innenhof der Cadolzburg 09.07.2017

Innenhof der Cadolzburg, Foto Teresa Novy

Die Burg bleibt für die ersten Minuten und Eindrücke des Besuches das einzige und wirkliche Ausstellungsobjekt: man besichtigt den Hungerturm, den Burginnenhof, die Krypta und einen kleinen Burggarten bevor man zur eigentlichen musealen Ausstellung gelangt. Schade, dass die sehenswerte Burganlage nur im Zusammenhang mit dem Museum besichtigt werden kann, obwohl das architektonisch und logistisch möglich erscheint. So spielt sich doch die Ausstellung „Herrschaftszeiten – Erlebnis Cadolzburg“ hauptsächlich zentriert in den Innenräumen des Alten Schlosses ab und schließt nur peripher die ganze Burganlage mit ein.

Die Ausstellung erzählt auf drei Stockwerken vielfältige Geschichten – nicht nur über die Cadolzburg. Geschickt flechten die Kuratoren Hintergrundwissen über Festungsarchitektur und Belagerungstaktiken im Allgemeinen in die Präsentation der Geschichte des eigenen Hauses mit ein. So wird nah am Ort des Geschehens ein breites Spektrum an Informationen geboten.

Ebenso verhält es sich mit mittelalterlichen Tanzschritten, Höflichkeitsfloskeln und Schlafgewohnheiten, die stets von, mit oder über eine Person aus den Rängen der fränkischen Hohenzollern erzählt werden.

Hervorzuheben ist der Blick auf das gemeine Volk, der hier in der Ausstellung „Herrschaftszeiten“ nicht vergessen wird. Neben der Reproduktionen einer adeligen Schlafstätte etwa, wird dem Besucher ein einfacher Strohsack präsentiert; die Wahl wie er sich probehalber betten will, bleibt dem Besucher selbst überlassen. Auch die vielfältigen und zuweilen ungewöhnlichen Nutzungen von Burgen werden dem Besucher nicht verschwiegen: nicht nur als Herrschaftszentrum sondern auch als Hutladen kann eine Burg genutzt werden. Generell sind die präsentierten Themen gut gewählt; sie zeigen verschiedene Facetten der Cadolzburg und Burgen allgemein, sowie umfassende Informationen über das späte Mittelalter, also aus der Zeit der fränkischen Hohenzollern. Allerdings kommt der Blick auf die Nazi-Vergangenheit der Burg, sowie vieler deutscher Burgen, in der Ausstellung zu kurz. Die Medienstation zum Thema im Neuen Schloss war zur Zeit meines Besuches nicht funktionsfähig und bot keine weiteren Informationen.

Installation zur Familiengeschichte der Hohenzoller 09.07.2017

Installation zur Familiengeschichte der Hohenzollern, Foto Teresa Novy

Schon beim Betreten des Burginnenhofs über die Zugbrücke wird dem Besucher klar, dass „Erlebnis“ nicht nur im Titel des Museums steht, sondern eindeutig auch auf dem Programm: Ein Bewegungsmelder im Burgtor löst Tonaufnahmen von geschwind einreitenden Pferdehufen aus und leitet den Burgenbesuch akustisch sehr schön ein. Weitere Sinne werden angesprochen: Mehrere Räume der Cadolzburg sind mit Riechstationen ausgestattet, die unaufdringlich aber sehr wirksam die Erzählungen der präsentierten Inhalte unterstützen. Der Geruch von verbranntem Holz untermalt die tragischste Episode der Cadolzburg: den zerstörerischen Brand im April 1945, der dem Besucher so sehr eindrücklich vor das geistige Auge projiziert wird.

Auch körperliches Erleben und Erfahren spielt in der Vermittlung eine große Rolle. Durch das Herumwandeln in dieser authentischen historischen Umgebung scheint das ferne Mittelalter erlebbar nah und macht den Besucher empfänglich für die in der Ausstellung präsentierten Inhalte. Im ehemaligen Ballsaal etwa, leitet eine Videostation den Besucher an, wortwörtlich in adelige Fußstapfen zu treten und so mittelalterlichen Tanz selbst zu erleben. Dabei steht zwar wohl kaum das Erlernen der historischen Tanzschritte für den Besucher im Vordergrund, doch das Erlebte bleibt zumindest im Gedächtnis. Genauso verhält es sich mit den zahlreichen Textilproben und Stoffmustern, die zum Anfassen und Anziehen bereit stehen: das Gefühl des Materials bleibt über die Fingern im Gedächtnis, doch der Name der Pflanze, die den Stoff gelb färbte, nicht.

Was sich in den ersten Räumen als erfrischende museale Abwechslung präsentiert, wird im dritten Obergeschoss der Cadolzburg zu viel des Guten. Zum einen sind hier die Räume übervoll mit bunt bedruckten und beschriebenen Einbauten, so dass die mittelalterlichen Gemäuer ganz und gar im Hintergrund verschwinden und zum anderen dominieren die interaktiven Mitmachstationen, sodass authentische Objekte und fundierte Inhalte zur Mangelware werden. Die nach neuesten wissenschaftlichen Erkenntnissen gefertigten Reproduktionen und die digitalen Versionen wirklicher Artefakte tun ihren didaktischen Dienst, doch fehlt eindeutig die Aura der Authentizität, die Besucher an historischen Ausstellungen schätzen. Zudem realisiert man schnell, dass das „Burgenerlebnismuseum“ wohl keine eigene Sammlung besitzt und ein Großteil der historischen Bausubstanz der Burg nicht mehr vorhanden ist. Zu Anfang waren die Geschichte und der Charakter der Burg stets sichtbar und sowohl inhaltlich als auch architektonisch präsent, doch die Burg verschwindet mehr und mehr im Laufe der Ausstellung.

Installation zu Kurfürsten, Foto Teresa Novy

Installation zu Kurfürsten, Foto Teresa Novy

Dazu kommt, dass Videosequenzen, Spiele auf Tablets, Infos auf Touchscreens und berührbare Reproduktionen unaufhörlich um die Aufmerksamkeit des Besuchers buhlen. Der Besucher soll das Gewicht eines „echten“ Kettenhemdes spüren, sein Wissen über höfische Geldgeschenke testen, sich im elektronischen Schwertkampf messen und sich schließlich mittelalterliche Holzsandalen überstreifen. Auch die Vielzahl an unterschiedlichen Themen die im Obergeschoss zeitgleich präsentiert werden – Jagd, Alchemie, Schlafgewohnheiten, Staatshaushalt, Waffen – überbeanspruchen die Aufnahmefähigkeit des Besuchers.

Das gesetzte Ziel der Kuratoren, mit den interaktiven Medienstationen und den extra gefertigten Reproduktionen „das Mittelalter erlebbar zu machen“, wird durch den übermäßigen Einsatz auf zu engem Raum eher behindert als unterstützt. Um den Alltag auf einer mittelalterlichen Burg erfahrbar zu machen, bedarf es weniger modernen Technik, die sich als fordernde Virtualität über die authentischen Objekte und die historische Realität legt. Anschaulich belegt dies eine mit einfachsten Mitteln und ganz analog arbeitende Station im zweiten Obergeschoss: beim Blick aus dem Fenster fallen bunte Holztafeln im Gelände um die Burg auf, die Reichweiten von diversen mittelalterlichen Fernfeuerwaffen markieren und so eindrücklich visualisieren, auf welche Distanzen sich die Besatzung der Burg verteidigen konnte.

Zu wünschen ist eine Entzerrung des Vermittlungsangebotes im dritten Obergeschoss. Um die gut erdachten Spiele und interaktiven Medienstationen optimal und gewinnbringend nutzen zu können, benötigen sie mehr Raum und einen gezielteren Einsatz. Um dem Label „Erlebnismuseum“ zudem gerecht zu werden, wäre es ebenfalls wünschenswert, wenn das ein oder andere zusätzliche authentische Objekt seinen Weg in die Ausstellung finden und der Einsatz von medialen Vermittlungsstationen eher eine unterstützende Rolle spielen würde.

„HerrrschaftsZeiten“ ist eine gut gelungene moderne Familienausstellung mit kleineren didaktischen Schwächen. Obwohl es (zu) viel zu spielen und zum Ausprobieren gibt, sind nicht alle Stationen auch für Kinder zu nutzen. Einige Texte oder Tablets sind zu hoch angebracht oder historische Dokumente nicht transkribiert, was sie nicht nur für junge Besucher unbrauchbar macht.

Das Mittelalter kann in der Cadolzburg nur in Auszügen erlebt werden, da die Konzentration der Besucher nicht für alle Angebote ausreicht und daher selektiert werden muss. Dem Spaß am Erleben des Mittelalters tut dies aber bestimmt keinen Abbruch und darauf kommt es auf der Cadolzburg am meisten an.

[1]    Um die Lesbarkeit des Textes zu vereinfachen, entschied sich die Verfasserin das generische Maskulinum zu verwenden.

 

Cadolzburg, Dauerausstellung „HerrschaftsZeiten“

Kuratierung: Uta Piereth u. Sebastian Karnatz, Bayerische Schlösserverwaltung

Gestaltung: Würth & Winderoll

 

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