Das Kapital. Der begehbare Klassiker – von Bernd Holtwick

Das Kapital. Der begehbare Klassiker – von Bernd Holtwick.

2017 jährte sich das Erscheinen des „Kapitals“ von Karl Marx beim Hamburger Verlag Meissner zum 150. Mal. Das Museum der Arbeit nahm das zum Anlass, dem Werk eine Ausstellung zu widmen, die – so günstig fügen sich die Jubiläen –  auch einen Auftakt zum Marx-Jahr 2018 bildet. „Das Ziel der Ausstellung im Museum der Arbeit ist es, dieses schwere Buch auf leichte Art für ein breites Publikum aufzublättern.“ (Joachim Baur, „Das Kapital“ ausstellen oder: Marx ins Museum?, in: Rita Müller u. Mario Bäumer (Hg.), Das Kapital. Karl Marx, Hamburg 2017, S. 16.) Die im Begleitbuch formulierte Absicht ist legitim, und doch stellen sich Fragen: Warum braucht es für leicht verständliche Erklärungen eine Ausstellung? Könnte das das nicht ein anderes Medium besser leisten? Tatsächlich leistet die Ausstellung mehr und bietet Besseres, als sie hier verspricht.

Die Gliederung ist klar und auch während des Besuchs gut nachvollziehbar: Nach einer Einleitung ins Thema geht es ums „Schreiben“ des Werks, nach dem Intermezzo der Überfahrt von London nach Hamburg dann ums „Publizieren“. Dem Entstehungsprozess bis hierhin folgt die Rezeption mit den Schritten „begreifen“ (der Erläuterung von Kernbegriffen Marx‘), „lesen“ (der Darstellung von Lese-Erfahrungen) und „diskutieren“. Der Weg durch die ersten drei Räume ist zwingend festgeschrieben. Der Rezeptionsteil gestattet dagegen ein freieres Flanieren, legt es aber nahe, zunächst wesentliche Inhalte zu „begreifen“, bevor man sich den Leseerlebnissen anderer zuwendet oder selber diskutiert.

Den ersten Eindruck der Besucherinnen und Besucher prägen Regale, die mit weißen Dosen gefüllt sind, auf denen in starken schwarzen Lettern Waren oder Dienstleistungen prangen – die moderne Konsumgesellschaft als Supermarkt. All diese Dosenkost umrahmt einige Vitrinen mit Marx-Nippes, der wie alles andere auch mit Preisschildern versehen ist – darunter ein schwarzes Kindertöpfchen mit rotem Stern und den Worten „Ich scheiß auf den Kapitalismus“ für „31,99“. Die poppig-bunten Wände kontrastieren mit der schwarz-weißen Monotonie in den Regalen. Bereits hier fallen die Raumtexte durch Klarheit, Kürze und Prägnanz auf.

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Vitrine im ersten Ausstellungsraum, Foto B. Holtwick

Der nächste Raum – es geht ums „Schreiben“ – geprägt von drei schwarz-weiß gestreiften Wänden. An der vierten Seite hängt eine Vielzahl von Zitaten aus dem Briefwechsel zwischen Karl Marx und Friedrich Engels, die sich vor allem um die prekäre finanzielle Lage des Autors im Londoner Exil drehen. Durch die Zitate hindurch blicken die Besucher in den Raum des „Begreifens“, können ihn aber noch nicht betreten. Es dominieren hier Texte in verschiedenen Formen, ein Modell des (späteren) Marx’schen Hauses in London und die Reproduktion eines Londoner Stadtplans heben sich wohltuend davon ab.

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Ansicht des Bereichs „schreiben“, Foto B. Holtwick

Durch den Raumausgang in Gehrichtung schimmert angenehmes Hellblau und weiße Wolken treten beim Näherkommen ins Blickfeld. Etwas erstaunt erkennt man dann einige bequeme Liegestühle mit Kopfhörern. Wer sich darin entspannt und Zeit zum Hören nimmt, dem wird Marx‘ Schilderung der Überfahrt nach Hamburg vorgelesen. Die Episode ist weder dramatisch noch besonders wichtig, aber frech und witzig dargestellt – und die Pause fühlt sich einfach angenehm an. Der Mut der Ausstellungsmacher, dafür Raum zu schaffen, ist bemerkenswert und beweist Gelassenheit statt der verbreiteten Sorge, nur nichts Wichtiges auszulassen.

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Bereich zur Überfahrt Marx‘ von London nach Hamburg, Foto B. Holtwick

Dann erreichen die Besucher das Hamburg des späten 19. Jahrhunderts und verfolgt den Weg des fertigen Manuskripts bis zum gedruckten Buch, das im Verlag Otto Meissner erscheint. Über die Wände des Raumes ziehen sich historische Ansichten der Stadt, Kisten stehen im Weg und beherbergen wertvolle Originalausgaben.

Mit der Veröffentlichung endet der chronologische Teil der Ausstellung und die Besucherinnen und Besucher müssen die Pforte zur Marx-Lektüre und -Rezeption durchschreiten. Damit endet gleichzeitig die lineare Besucherführung und auch der sicher unterhaltsame, aber wenig kontroverse Teil, der auch keine großen Überraschungen birgt.

„Ungleich größer ist die Herausforderung bei der Darstellung der beiden folgenden, zentralen Kapitel ‚lesen‘ und ‚begreifen‘.“ (Baur, S. 17.) Die Ausstellung wagt sich damit auf – für historische Museen –  eher unbekanntes Terrain und stellt zum „Begreifen“ zentrale Begriffe aus dem „Kapital“ buchstäblich in den Raum. Die bemerkenswert knappen und präzisen Begriffserklärungen springen ins Auge. Sie werden kombiniert mit kleinen, illustrativen Objektarrangements, wie die Nähmaschine und der Nähroboter als Beispiele von Maschinen, welche die Produktivität erhöhen und Arbeitsplätze kosten. Die Texte und Objekte stehen auf kistenartigen Podesten, die wiederum von mindestens zwei Seiten zugänglich sind. Das legt ein Gespräch der Besucher über die Präsentation (und über sie hinweg) nahe – ein simples, aber wirkungsvolles Mittel, um die kommunikative Dimension des Ausstellungsbesuchs nachhaltig zu unterstützen.

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Blick zurück im Bereich „verstehen“, Foto B. Holtwick

Umrahmt werden die Begriffserklärungen in der Mitte des Ausstellungsbereichs durch eine Reihe von Kunstwerken, die sich in sehr unterschiedlicher, zum Teil auch angenehm humorvoller und ironischer Weise mit Marx, seinem Werk und dessen Rezeption auseinander setzen. Den meisten Raum nimmt eine Installation Christin Lahrs ein: „Macht Geschenke: The Making of Capital“. Ein imposanter historischer Schreibtisch steht im Zentrum, an den grauen Wänden dokumentiert die Künstlerin ihre Aktion: Sie überweist täglich einen Cent (in Zahlen: 1 ct) an den Bundesfinanzminister und schickt als „Verw.-Zweck“ fortlaufende Zitate aus dem „Kapital“ mit. Der gesamte Text wird so 2052 übermittelt sein.

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Installation Christin Lahrs‘, Foto B. Holtwick

So wie sich inhaltlich hier ein Raum für freie Reflexionen und offene Assoziationen erschließt, können die Besucher auch ihren weiteren Rundgang sehr frei fortsetzen – entweder betreten sie den Bereich „lesen“, zu dem verschiedene Durchgänge möglich sind, oder sie wenden sich direkt zum „Diskutieren“. Unter der Überschrift „lesen“ finden sich „Kapital“-Exemplare bekannter (und einiger weniger bekannter) Persönlichkeiten, unter ihnen Rudi Dutschke oder Olaf Scholz. „Aura-Jünger“ kommen hier auf ihre Kosten. Sitzgelegenheiten laden dazu ein, persönlichen und intellektuellen Erfahrungen mit der „Kapital“-Lektüre zu lauschen, was sich definitiv lohnt. An der Wand dahinter findet sich ein allgemeinerer Überblick über Phasen und Tendenzen der Marx-Rezeption. Das klingt trocken und textlastig, ist aber sowohl grafisch-gestalterisch wie von der Prägnanz und Verständlichkeit der Texte her sehr gut gelöst.

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Teil des Bereichs „lesen“, Foto B. Holtwick

Hatten schon die Bereiche „begreifen“ und „lesen“ die Kommunikation der Besucher untereinander baulich und vom Thema her sehr unterstützt, geht der letzte Teil „diskutieren“ noch einmal darüber hinaus. In der Mitte des Bereichs befinden sich Sitz-Würfel, an den weißen Wänden sind unter den vier Stichworten „Arbeit“, „Ware“, „Geld“ und „Alternativen“ provokante Aussagen und offene Fragen gesetzt. Außerdem liegen kleine Kärtchen mit weiteren kurzen Fragen, Stifte und Klebestreifen bereit. Die Resonanz ist frappierend und überwältigend: Die Wände sind übervoll und die ausgehängten Zettel werden wiederum auf kleinen selbstklebenden Notiz-Zetteln kommentiert. Es besteht ganz offensichtlich Diskussionsbedarf, den die Ausstellung vielleicht nicht hervorgerufen, aber mit Sicherheit angeregt und gefördert hat. Nicht alle Statements sind ernst gemeint, aber die ganz große Mehrheit verrät doch Nachdenklichkeit und Engagement, nicht selten auch echte Leidenschaft. Es fällt auch auf, dass nicht nur deutschsprachige Besucherinnen und Besucher ihre Beiträge hinterlassen, sondern es finden sich neben englischen Statements auch viele andere, bis hin zu chinesischen. Über den Wahrheitsgehalt des „Kapital“ wird allerdings nur selten diskutiert. Man hat eher den Eindruck, dass viele nach Lösungen für die Probleme der Gegenwart suchen, vielleicht auch nach einem grundsätzlichen Ausweg. Ob Marx noch tragfähige Antworten zu bieten hat, ob sich sein Werk vom Untergang des real existierenden Sozialismus ernsthaft erholen bzw. emanzipieren kann, erscheint mir zweifelhaft – trotz einiger emotionaler „Glaubensbekenntnisse“, die Besucher hinterlassen haben. Aber die alten Fragen als Grundlage zu nehmen, um nach neuen Antworten zu suchen, ist sicher ein kluger Ansatz.

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Besuchergruppe im Bereich „diskutieren“, Foto B. Holtwick

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Es gibt Diskussionsbedarf …, Foto B. Holtwick

Die Ausstellung ist aber jenseits solcher politischer bzw. soziologischer Fragen noch von grundsätzlicherer Bedeutung. Sie beweist, welches Potenzial in dem Medium „Ausstellung“ auch und gerade für drängende Probleme der Gegenwart steckt. Hier wird ein Raum angeboten, der einen themenorientierten Austausch unter den Besuchern nicht nur ermöglicht, sondern dazu nachdrücklich und erfolgreich motiviert. Die „Zettelwand“ ist der auffälligste, aber keineswegs der einzige Baustein dafür. Im Gegenteil erweist sich der gesamte zweite Teil der Ausstellung („begreifen“, „lesen“ und „diskutieren“) als überaus kommunikationsfördernd. Demgegenüber darf, ja soll die Wissensvermittlung zurücktreten. Dafür gibt es nicht zuletzt das Begleitbuch, tituliert als „Das Kapital. Das Magazin“, die Marx-Engels-Gesamtausgabe – und Hunderte von Regalmetern Sekundärliteratur.

 

„Das Kapital“

Museum der Arbeit, Hamburg

6.9.2017 – 5.5.2018

Kuratierung: Joachim Baur, Die Exponauten, Berlin

Gestaltung: Holzer Kobler Architekturen, Zürich und Berlin

Katalog: Rita Müller u. Mario Bäumer (Hg.), Das Kapital. Das Magazin, Hamburg 2017

 

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