Muzej Grada Zagreba – ein Spaziergang durch das vergangene Zagreb – von Christina Rajković

Muzej Grada Zagreba – ein Spaziergang durch das vergangene Zagreb – von Christina Rajković

Wie hat die Stadt Zagreb und das Gebiet auf der sie steht früher ausgesehen? Welche Objekte sind davon übrig geblieben? Und welche Personen waren für die Stadt wichtig?

Diese konventionellen Fragen werden im Muzej grada Zagreba (MGZ) – dem Stadtmuseum in Zagreb – auf eine recht klassische Art beantwortet. Die Dauerausstellung zur Historie der Stadt widmet sich nicht nur der Vergangenheit der kroatischen Hauptstadt, sondern auch aktuellen Themen, welche das Stadtleben betreffen. Die Dauerausstellung ist nahezu so alt wie die Kroatische Republik selbst.

Wie die Stadt, schreibt auch die Ausstellung schon Geschichte

Das Zagreber Stadtmuseum wurde 1907 von der Gesellschaft der Bruderschaft des Kroatischen Drachens (Braća Hrvatskoga Zmaja) gegründet. Fundiert auf Prinzipien wie Freundschaft, Bruderschaft, Freiwilligkeit, so wie kollektive Arbeit und Entscheidungsfindung, setzt sich diese kulturelle Vereinigung für den Erhalt und Wiederaufbau des kroatischen kulturellen Erbes ein. Seither befindet sich das Museum im selben Gebäude. 90 Jahre später eröffnete das Museum eine neue Dauerausstellung zur Stadtgeschichte von Zagreb – die sechste Überarbeitung  seit Bestehen des Museums. Die Räumlichkeiten wurden erneuert und auf den damaligen aktuellen museumstechnologischen Stand gebracht.

Während das prähistorische, mittelalterliche, neuzeitliche und zeitgeschichtliche Zagreb in einer musealen Ausstellung mit Interpretationen präsentiert werden, bleibt der Teil zum jüngsten Jugoslawienkrieg eine Schaustellung. An dieser Stelle sind Fotografien, Zeitzeugnisse und audiovisuelle Dokumente ausgestellt, während auf tiefergehende Erläuterungen verzichtet wird.

Wie mit dem Thema Krieg umgehen?

Das Museum wurde nur zwei Jahre nach Beendigung des Jugoslawienkrieges (1990-1995) wiedereröffnet, was diese Lücke verständlich erscheinen lässt. Jedoch ist es verwunderlich, dass spätestens zum 20-jährigen Gedenkjahr im Jahr 2015 keine erneute Auseinandersetzung mit dem Thema im öffentlichen Raum des Museum stattgefunden hat und in irgendeiner Form präsentiert wurde. Besonders das Museum an sich würde sich für eine Thematisierung und kritische Auseinandersetzung mit den Themen Krieg, Nationalismus, Propaganda, Verhetzung, etc. anbieten. Einerseits ermöglicht es ein unkommentierter Raum zu Zagreb während des Jugoslawien-Krieges, wie er heute vorzufinden ist, die Möglichkeit, sich selbst mit dem Thema auseinander zusetzten und sich eine Meinung dazu zu bilden, ohne dass das Museum eine Stellung dazu einnimmt. Andererseits besteht hier aber die Möglichkeit negativen Nationalismus durch bestimmte Symboliken und Ausstellungs- und Präsentationsformen eine Plattform zu bieten. Mit einer Führung lässt sich diese Tatsache (kritisch) thematisieren, bei IndividualbesucherInnen fehlt eine gemeinsame Debatte der BesucherInnen und KuratorInnen und/oder Museumspädagog/innen. An dieser Stelle wäre eine Überdeckung der Ausstellungs- und Präsentationspraxis des letzten Krieges anzudenken.

Archäologische Funde, welche die Geschichte der Stadt einleiten

Das Museum zeigt die Geschichte der Stadt Zagreb in fünfzig Abschnitten. Beginnend mit der prähistorischen Zeit, werden die Besucher/innen in Themenbereichen chronologisch bis zur gegenwärtigen Geschichte Zagrebs geleitet. Archäologische Funde, die sogar direkt unter dem Museumsgebäude selbst freigelegt wurden, fungieren als Startpunkt zur Zeitreise durch die Stadt, aber auch zur Einleitung in die Geschichtsforschung und Archäologie. Das Bauwerk selbst bietet dafür die besten Voraussetzungen und die Umsetzung des prähistorischen Einstiegs überzeugt und schafft einen sinnvollen Übergang zur Stadtgründung, trotz des Sprungs über Jahrtausende  hinweg bis zur Präsentation der Geschichte des heutigen Zagrebs.

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Foto: Christina Rajković

„Objektgeschichte und Visualisierung des (sozialen) Lebens“

Die Ausstellung baut auf dem Objektbestand des MGZ auf. Erkennbar ist der Versuch die Objektgeschichte und Visualisierung des (sozialen) Lebens in der Stadt darzustellen. Hierfür wurden auch originale Dokumente zur Hand genommen. Das Konzept der Ausstellung folgt einer Kombination aus Themenbereichen und Objekten, welche in einer chronologischen Aufarbeitung durch die Geschichte führen. Die ansprechende Darstellung, vermeidet eine trockene Präsentation der Stadtgeschichte und ermöglicht es tiefer in die Geschichte einzutauchen. Wie auf der Museumsseite selbst angegeben, gibt „[d]ie Dauerausstellung […] ein Porträt der Stadt in all ihren Aspekten wieder, sie zeigt sie im Licht der Politik, der Kirche, der Geschichte, der Wirtschaft, der Stadtplanung und Architektur, der  Kunstgeschichte, der Literatur und Unterhaltung aber auch des alltäglichen Lebens.“ Für die Umsetzung wurden gegenwärtige museologische und technologische Prinzipien angewandt. Teilweise ist die Ausstellung etwas in die Jahre gekommen – trotzdem lässt sich sagen, dass sie in Vielem fortschrittlicher als manch modernes oder neukonzipiertes Museum  ist.

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Foto: Christina Rajković

Romantisierende Stadtbilder in klassischer Ausstellungspraxis

Die Raumgliederung in Themenbereiche erscheint als sehr attraktiv und wird je nach Epoche und Zeitgeist gestaltet. Auch die Farbwahl überzeugt, da starke Akzente gesetzt wurden und diverse Objekte durch diese Inszenierung eine besondere Aussagekraft gewinnen. Dies ist beispielsweise an Modellen wichtiger Zagreber Bauten aus dem 19. Jahrhundert zu erkennen, welche auf einem Holzfußboden in Stadtplangestaltung positioniert wurde.

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Foto: Christina Rajković

Das Museum kann auf eine Vielzahl an Objekten zurückgreifen. Von vor- und frühgeschichtlichen Relikten, über antike Fundstücke, Dokumente, Waffen, Fotografien, Tonträger, Modelle, Möbel- und Kleiderstücke ist so ziemlich alles in der Ausstellung vertreten. Diese große Auswahl bietet einerseits die Möglichkeit sich in einzelne Themenbereiche recht genau „einzustaunen“, allerdings nicht sich einzulesen, da Objektbeschriftungen nicht immer gegeben sind. Der bemerkenswerte Fundus an Geschichtsrelikten bietet allen Besucher/innen sicher noch neue Entdeckungen.

Die Gliederung ist nachvollziehbar und trotz der alten Bausubstanz überzeugend gelöst. Die Lichtverhältnisse zeigen ein angenehmes Wechselspiel aus natürlicher und künstlicher Beleuchtung.

Die Zielgruppe scheint breit gefächert zu sein. Einerseits bieten ausführliche Texte die Möglichkeit sich sehr zu vertiefen, andererseits lädt die Dramaturgie der Räumlichkeiten zu einer Zeitreise ein. Die Texte und Interpretationen sind recht unkritisch gehalten und zeigen eher romantisierte Stadtbilder der Vergangenheit. Die Textmenge und –länge variiert. So sind die Texte zum mittelalterlichen Zagreb recht ausführlich, werden je weiter die Geschichte fortschreitet, kürzer gehalten.  Die Interpretationen sind teilweise schwierig zu lesen, wenn der historische Kontext nicht bekannt ist. Die Objekttexte sind auf das mindeste reduziert und weisen nur sehr selten konkretere Erklärungen auf. Interaktionen sind nur an wenigen Stellen ermöglicht. So gibt es im Raum der jugoslawischen Zeit Telefone die Gespräche, so wie Radio- und Fernsehgeräte, welche Audio- und Filmmaterial abspielbar machen. Moderne Medien sind in der Ausstellung zwar erst ab dem 20. Jahrhundert und in geringem Maße vertreten, sie erscheinen jedoch am rechten Ort platziert und ermöglichen ein Geschichtserlebnis des 20. Jahrhunderts auf mehreren Sinnesebenen. Dies ist besonders spannend, wenn es um die Zagreber Schule des Zeichentrickfilms der 1950er und -60er Jahres geht.

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Foto: Christina Rajković

Barrierefrei und inklusiv – mit Barrieren

Zwar ist das Erdgeschoss barrierefrei und die ersten Abschnitte zur Stadtgeschichte sind im zwei-Sinne System mit Hands-On Objekten und Brailleschrift gestaltet, jedoch sind nur die Audioguides Begleiter durch die gesamte Ausstellung. Das barrierefreie Erkunden des Erdgeschosses wird auch durch Lifte unterstützt, welche es ermöglichen die Treppen zu umgehen und die unteren Räumlichkeiten zu besuchen. Im Obergeschoss fehlen dagegen Beschriftungen in Brailleschrift und Hands-On Objekte. Die Ausstellungstexte sind zwar nicht zu kompliziert, aber recht klein gedruckt und nicht in leichter Sprache verfasst – vermutlich weil auch Englisch und Deutsch noch Platz finden mussten. Auch Texte tauchen in unterschiedlicher Höhe auf, manchmal in Knie- und manchmal in Augenhöhe, und wirken eher zufällig als durchdacht positioniert. Ein Leitsystem ist durch die Anordnung der Räumlichkeiten gegeben.

 

 

Verträumter Ort als Einladung zu einer Zeitreise durch die Zagreber Geschichte

Das verträumte Museumsgebäude in der Oberstadt, wirkt unscheinbar. Dadurch überrascht die Größe des Inneren, so wie die Vielzahl und Positionierung der Räumlichkeiten noch mehr. Der Eingang ist leicht zu übersehen und etwas kurios. Die Besucher/innen werden durch einen kleinen Flur, an Garderoben, vorbei geführt, bis sie in der Eingangshalle an der kleinen aber durchdachten, wenn auch in die Jahre gekommenen Besucherinformation mit integriertem Mini-Shop angelangen. Schulklassen und größerer Gruppen werden sich über die Weite des Raumes freuen, auch für eine Nachbesprechung oder einen Snack gibt es Platz. Besonders erfreulich ist ein Museumsguide in Brailleschrift. Audioguides sind an der Besucherinformation in kroatischer, englischer und deutscher Sprache zu entlehnen. Auch an Kinder wurde gedacht, für einen kleinen Kostenbeitrag kann ein bunt gestalteter Museumsguide erworben werden, in welchem das Museumsmaskottchen durch die Ausstellung und Geschichte der Stadt Zagreb führt.

Auch ein vielversprechendes Rahmenprogramm wird angeboten. Neben Führungen durch die Dauerausstellung und kreativen Workshops für Kinder und Schulklassen wird jeden ersten Dienstag im Monat eine Führung in kroatischer Gebärdensprache durch die aktuelle Sonderausstellung und die Dauerausstellung angeboten. Auch Führungen zur Demokratie in der Stadt („Unterschiede, Gemeinsamkeiten und Zugehörigkeit – Dialog zur Demokratie“) und eine Führung für Seebeeinträchtigte („Dialog durch Berührung“) gehören zum Repertoire. Auch Führungen in deutscher und englischer Sprache sind bei Kontaktaufnahme möglich.

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Foto: Christina Rajković

Das Museum überzeugt trotz einer etwas in die Jahre gekommen Ausstellung nach wie vor und ist definitiv ein Fixpunkt, der in einer Städtereise nach Zagreb enthalten sein sollte. Auf dem Weg zum Museum kann nicht nur der eher untouristischere Teil der Oberstadt entdeckt, sondern auch eine Zeitreise durch die Zagreber Geschichte gemacht werden. Die kritische Auseinandersetzung mit der Geschichte bleibt dabei jedoch jedem/r Museumsbesucher/in selbst überlassen.

 

Muzej grada Zagreba
Opatička 20
Zagreb

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