Kino der Moderne – von Ulrike Laufer

Als Uwe M. Schneede, seit mehr als 40 Jahren einer der besten Ausstellungsmacher, 1970 unter der Fragestellung „Wozu Ausstellungen?“  ebenso knappe wie präzise Antworten gab, setzte er eine an oberste Stelle: Information (Kunst und Unterricht Heft 8, 1970, S. 45-46). Die Ausstellung „Kino der Moderne. Filme in der Weimarer Republik“ informiert über Filmproduktionen in der Weimarer Republik, in erster Linie über die Adaption der Moderne in der Weimarer Republik und den Einfluss von Filmen auf Mensch und Gesellschaft in dieser Republik. Obwohl die Ausstellung auf grundlegende einführende Informationen  – zum Beispiel mittels der heute allseits beliebten „Zeitleiste“ – verzichtet, leistet sie einen großen Beitrag zur kulturhistorischen Analyse dieser Epoche.

Kino der Moderne in der Bundeskunsthalle

Ausstellungsansicht, Foto: Peter-Paul Weiler, 2018
© Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland GmbH

Schon im als Marktplatz oder Forum angelegten Entrée und zentralen Raum der Ausstellung wird deutlich, wie sehr das Filmschaffen in der Weimarer Republik die Konflikte um ein neues gesellschaftliches Selbstverständnis in dieser Zeit widerspiegelt. Film und Metropole gehörten zusammen: Die Beziehung zwischen der neuen Urbanität und dem Filmschaffen steht im Fokus. Berlin wurde zum Epizentrum des neuen Mediums – sichtbar gemacht für alle eben durch den Film und die schnelle Verbreitung von Lichtspielhäusern und -vorführungen.

Die Bundeskunsthalle verfügt über ideale Bedingungen, um eigenwillige Ausstellungen zu kreieren. Das haben sich die Ausstellungsmacher auch in diesem Fall wieder zu Nutze gemacht.

Kino der Moderne in der Bundeskunsthalle

Ausstellungsansicht, Foto: Peter-Paul Weiler, 2018
© Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland GmbH

Die von dem Atelier Schubert, Stuttgart geschaffene Ausstellungsarchitektur suggeriert erfolgreich eine Erlebniswelt, die Filmkulisse, Drehort und Kinoatmosphäre zugleich vermittelt. Es dauert eine Weile, bis man sich als BesucherIn von dem als urbane Kinowelt gestalteten großzügigen Forum löst, um die von hier aus zugänglichen Vertiefungsebenen zu erkunden. Dass die Beschallung durch die im Forum laufenden Filmausschnitte bei der Aufnahme der hier angebotenen Informationen stört, liegt an der lichten, wohl bewusst als temporär sichtbar gemachten Ausstellungsarchitektur. Die etwas nervige Geräuschkulisse sorgt immerhin für einen authentischen Eindruck vom Lärm der Großstadt, aber auch der Drehorte.

Kino der Moderne in der Bundeskunsthalle

Ausstellungsansicht, Foto: Peter-Paul Weiler, 2018
© Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland GmbH

Die Filmmacher agierten und reagierten, sie kreierten neue Bilder und dokumentierten zugleich Zustände und Gegebenheiten in der Weimarer Republik. Doch die Ausstellung beschränkt ihre Darstellung verdienstvoller Weise nicht auf die deutsche Filmproduktion. Frankreich, Russland, Amerika werden immer wieder einbezogen. Dank vielfältiger ästhetischer Innovationen blieb die deutsche Filmproduktion beispielgebend und führend auf dem internationalen Markt.

Die Filme prägten das Bild vom Menschen dieser Zeit, sie prägten aber auch die Menschen selbst. Die Kinos fungierten als Traumpaläste und Horte der Moderne zugleich. Das Publikum suchte sich unter vielfältigen Stars seine Vorbilder, wobei die Filmindustrie Wert darauflegte, Stereotypen zu schaffen (den Beau, den Vamp, die Naive, das Girl), die den Erwartungen der Menschen an eine moderne Gesellschaft entgegenkamen. Das Kino der Moderne bot neue Identifikationsmöglichkeiten für emanzipierte Frauen –  gern mit Bubikopf und Krawatte – und es bot Frauen neue Berufsmöglichkeiten. Frauen vor der Kamera werden in vielen Sequenzen thematisiert.  Mit ihrem Katalogbeitrag „Aufbruch ins Unbekannte. Frauen hinter der Kamera“ verweist Gerlinde Waz auch auf Frauen als Filmautorinnen, Regisseurinnen und Produzentinnen, wobei dieser „Input von Frauen“ mit dem Aufstieg des NS ein Ende nahm. Die Ausstellung macht auch in der Auswahl der Exponate – weibliche Filmkostüme sind nun einmal wesentlich interessanter als männliche – darauf aufmerksam, wie weiblich die Weimarer Republik im Gegensatz zur vorhergehenden und nachfolgenden Epoche war. Dem Filmschaffen von Frauen wird in der Ausstellung ein eigenes Kapitel gewidmet.

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Der Tanz der Maschinen-Maria (Brigitte Helm)Metropolis (Fritz Lang, 1927)
Quelle: Deutsche Kinemathek – Fotoarchiv, Foto: Horst von Harbou
© Deutsche Kinemathek – Horst von Harbou

Der Stummfilm brauchte Großaufnahmen von Gesichtern zur Darstellung von Seelenzuständen. Wie eindrucksvoll diese Großaufnahmen waren, vermittelt auch der Katalog in effektvollen aber sparsam eingesetzten, ganzseitigen Abbildungen. Die Inszenierung der eigenen Persönlichkeit wurde schon damals zum Kult. Zur Herstellung von „Selfies“ dienten neue aus Amerika kommende Apparate, mit denen man in Berlin ab 1929 die schnell immer beliebter werdenden Photomaton-Aufnahmen herstellen konnten. Bewusst lehnten sich diese an die Staraufnahmen der jungen Filmindustrie an.  In der Ausstellung werden anonyme Photomaton-Aufnahmen mit Fotografien von SchauspielerInnen und Szenenaufnahmen verglichen. Sehr deutlich wird damit die Absicht der Ausstellung, in den Mittelpunkt ihrer Darstellung des Kinos der Moderne den Menschen selbst zu stellen, seine Betroffenheit von der Moderne und sein Umgang mit den neuen Herausforderungen und Möglichkeiten. Dabei werden Konflikte und Krisen, auch Überforderungen wie das Trauma des Ersten Weltkriegs nicht ausgespart. Filme erscheinen als das adäquate Mittel diese Zerrissenheit der Menschen in der Weimarer Republik zwischen Aufbruch und Krise einzufangen und uns noch heute vor Augen zu führen. Sie spielen eine immense, tragende Rolle in unserer kollektiven Erinnerung. Filme, Drehbücher, Szenen- und Kostümbilder, Plakate und auch Filmpartituren sind wichtige kulturhistorische Quellen und Zeugnisse dieser Epoche.

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Collage, vermutlich von UmboBerlin. Die Sinfonie der Großstadt
(Walther Ruttmann, 1927); Quelle: Deutsche Kinemathek – Fotoarchiv

Dies gilt auch für die Kunstgeschichte. Die ausgewählten Filme spielten mit den Möglichkeiten des Expressionismus, des Surrealismus oder auch des Dadaismus, der Neuen Sachlichkeit und des Konstruktivismus. Bildende Künstler, Musiker und Schriftsteller ließen sich faszinieren. Sie beteiligten oder initiierten Produktionen, entwarfen Szenenbilder oder lieferten Drehbuchvorlagen (z. B. Fernand Leger, George Grosz, Käthe Kollwitz, Heinrich Zille). Film-Interieurs konfrontierten das Publikum mit neuen Stilrichtungen, modernem, futuristisch anmutendem Design und unbekannten Wohnwelten, wie den Salons der Bohème oder privaten Turnstudios sportvernarrter Filmfiguren.

Nicht nur in den Wochenschauen förderte der Film die Anteilnahme und Teilhabe an Gesellschaft und Kultur in bisher unbekanntem Maße. Das Publikum erlebte Mode, die Fortschritte der Wissenschaften (Thomas Mann begeisterte sich an Nahaufnahmen vom Operationstisch), der Technik (von der Telefonvermittlung bis zur Rakete) Psychoanalyse, Laster und Travestie, Natur und Exotismus und mit besonderer Vorliebe Sportveranstaltungen. Der Einfluss von „Wege zu Kraft und Schönheit“ (1925) auf Kunst und Kultur der Weimarer Republik ist nicht zu unterschätzen. Unterstützt wurde diese Faszination durch immer neue technische Möglichkeiten – von Flugzeug – bis zu Mikroskop- und Röntgenaufnahmen.

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Szenenfoto, Wege zu Kraft und Schönheit (Wilhelm Prager, 1925)
Quelle: Deutsche Kinemathek – Fotoarchiv

Anhand von gut ausgesuchten und nicht zu eng platzierten Medienbeispielen kann diese Vielfalt und Fortschrittlichkeit des Filmschaffens gut nachvollzogen werden. Kurze, lesbare, verständliche Texte führen in die einzelnen Kapitel und Sequenzen ein. Damit und durch die alle Sinne ansprechende Präsentation und Auswahl der Exponate konnte auf die heute manchmal zum Unfug hoch stilisierte Inklusionsüberfrachtung von „leichter Sprache“ etc. verzichtet werden. Es werden begleitend zur Ausstellung Workshops für alle Altersstufen angeboten, inklusive eines Angebots für Geflüchtete und MigrantInnen. Insgesamt wird diese Ausstellung eher Erwachsene und junge Leute aber der Sekundarstufe ansprechen.

Die Ausstellung wirkt an keiner Stelle belehrend, sondern überrascht mit neuen Perspektiven auf eine Epoche, die man hauptsächlich von ihrer politischen Seite zu kennen glaubt. Das Kino der Moderne war aufgrund seines großen Einflusses auf die Gesellschaft ein politisches Medium. Die einander bekämpfenden Weltanschauungen dieser Zeit entwickelten jeweils eigene Stile und letztendlich Produktionsfirmen, wobei ohne Zweifel die von der Industrie gesteuerte UFA über den größten Einfluss verfügte. In seinem Beitrag „Politik“ weist Rolf Aurich auf die problematische Handhabe der Filmzensur (nur das Jahr 1919 blieb zensurfrei) und die personelle Verquickung zur NSDAP hin. Unter den sozialkritischen Filmen gab es viele Beiträge, die sich mit dem Paragraphen 218 auseinandersetzten, zumeist von Frauen realisiert wurden und die Debatten um die Abschaffung des Abtreibungsverbots in der Weimarer Republik erheblich anheizten.

Der Ausstellungskuratorin Kristina Jaspers (Deutsche Kinemathek, Berlin) ist nicht nur eine zugleich unterhaltsame wie informative Ausstellung gelungen, sie hat auch zusammen mit Annika Schaefer ein wunderbares Begleitbuch zur Ausstellung geschaffen, das weit über den Anspruch eines Kataloges hinausgeht. Dass der eigentliche Katalog mit der Nennung der Ausstellungsexponate nurmehr im Anhang zu finden ist, tut dem Informationsgehalt dieses Werkes keinen Abbruch – im Gegenteil.

Die Kuratorinnen haben größten Wert auf Information und Wissenschaftlichkeit gelegt. Dies beweisen nicht nur die Auswahl der AutorInnen sondern auch die akribischen Personen- und Filmregister. Auf eine Hierarchisierung der Themen etwa durch eine numerische Gliederung wurde in Ausstellung und Katalog wohltuend verzichtet. Trotzdem erscheinen beide dank der übersichtlichen Gestaltung gut strukturiert und klar gegliedert. Die beiden großen Themenblöcke des Katalogs „Modernes Leben“ und „Neues Sehen“ entsprechen der Gliederung der Ausstellung. Es ist schade, dass gerade der technologischen Seite des Filmemachens im Begleitband keine eigenen Beiträge gewidmet werden, zumal in die Zeit der Weimarer Republik die Wende vom Stumm- zum Tonfilm fällt. Ein Teil der Ausstellung widmet sich durchaus unter dem Schlagwort „Werkstätten“ auch technischen Aspekten wie „Drehbuch“, „Produktion“, „Szenenbild“, „Kostümbild“, „Regie“, „Kamera“, „Montage“ etc. Verschiedene Katalogbeiträge beziehen diese Themen auch ein. Auf diese Weise ergänzen sich Begleitbuch und Ausstellung in äußerst unterhaltsamer und informativer Weise.

Wieder einmal hat der Sandstein Verlag in Dresden es mit großer Sensibilität und Kreativität vermocht, das Thema einer Ausstellung unmittelbar in die Gestaltung eines Katalogs oder Begleitbuchs umzusetzen. Das von Joachim Steuerer gestaltete Werk bedient mit seinem ansprechenden, an die Verpackung von Filmrollen erinnernden Hardcover-Einband und der dramatischen, den Stummfilmen und Cinema-Interieurs entsprechenden Farbigkeit den Anspruch eines Coffeetable-Books. Verstärkt wird diese Wertigkeit durch die auf dem Umschlag uns entgegenschwebende Brigitte Helm aus dem Film Metropolis (1927, Fritz Lang) sowie immer wieder großformatigen Aufnahmen von Schauspielerinnen, Plakaten, Studioaufnahmen oder Screenshots, die zum Weiterblättern einladen. Die lesefreundliche Aufteilung und Typengröße verstärkt die Entdeckerfreude und verführt zum Lesen.

Dr. Ulrike Laufer, Essen

 

Ausstellung „Kino der Moderne. Film in der Weimarer Republik.“

Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland, Bonn, und Stiftung Deutsche Kinemathek, Museum für Film und Fernsehen, Berlin

14.12. 2018 – 24. 3. 2019, Bonn, und 20.6.2019 – 13. 10. 2019, Berlin

Kuratierung: Kristina Jaspers und Annika Schaefer

Gestaltung: Atelier Schubert, Stuttgart

Katalog: Kino der Moderne. Film in der Weimarer Republik. Hg. v. d. Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland, Bonn und der Deutschen Kinemathek Berlin, Dresden 2018, 196 Seiten, 250 Abb., Festeinband, 29 €

Weitere Rezension zum Thema: Michael Grisko, in: H-Soz-Kult, 16.02.2019

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