Kein Ende in Sicht – von Elisabeth Harder

„Kein Ende in Sicht – Unendlichkeit zum Anfassen“ – Eine Sonderausstellung des Mathematikums Gießen – von Elisabeth Harder

Das Mathematikum Gießen wurde im November 2002 in der Nähe des Gießener Bahnhofs eröffnet. Initiator und Direktor ist Prof. Dr. Albrecht Beutelspacher. Auf seine Idee hin wurden die von Mathematikstudent*innen in verschiedenen Seminaren gefertigten geometrischen Körper unter dem Motto „Mathematik zum Anfassen“ 1993 im Foyer der Universität ausgestellt. Das Motto der kleinen Präsentationen der 90er wurde für das Museum übernommen und dient ihm seither als einer seiner Leitsprüche. Es hat die Visionen Mathematik für alle erfahrbar zu machen, auf spielerische Art schwierige Sachverhalte zu vermitteln und eine Kommunikationsebene für seinen Besucher*innen zu sein, damit diese sich gegenseitig bei Aufgaben unterstützen, über Themen austauschen und gemeinsam staunen.

Die Sonderausstellungen des Museums dauern immer etwa ein Jahr und sind in die Dauerausstellung eingebunden. Sie werden in einem Raum von ca. 350 m2 im 1. Stock des Museums präsentiert. Die jetzige Ausstellung „Kein Ende in Sicht. Unendlichkeit zum Anfassen“ wurde am 25. Mai 2018 eröffnet und endet am 31. März 2019. Sie wurde unter Beutelspachers Leitung entwickelt.

Mathematikum_Fassade

Außenansicht – Foto: Elisabeth Harder 2018

Schon vor dem Museum werden die Besucher*innen auf die Ausstellung vorbereitet. Auf den Stufen zum Eingang wird das Thema Unendlichkeit angesprochen. Verschiedene Zahlen, die im Alltag unendlich scheinen (beispielsweise Liter Wasser auf der Erde oder die größte bekannte Primzahl), sind auf die Stufen gedruckt und geben den Betrachter*innen einen Vorgeschmack der Vielschichtigkeit von Unendlichkeit. Ein Besuch der Sonderausstellung ist im Eintrittspreis des Museums (9 € für Erwachsene, 6 € ermäßigt) inbegriffen. Der Satz „Ein Schritt in Richtung Unendlichkeit“ am Eingang zum Ausstellungsraum lädt ein, Unendlichkeit als etwas Fassbares zu begreifen und sich ihm zu nähern. Das Thema Unendlichkeit wird in fünf Bereichen durch über 20 Experimente erlebbar gemacht.

Ausstellungsraum_Überblick

Ausstellungsraum – Foto: Elisabeth Harder 2018

Sinn(e) für Unendlichkeit(en)

Auf der visuellen Ebene wird zunächst mit Bildern an den Wänden gearbeitet. Sie zeigen Unendlichkeit auf der Erde (z.B. eine Masse an Pinguinen, eine Schneefläche, eine Wüste) und schaffen so eine Umgebung, in der das Unmögliche möglich wird. Aber die Besucher*innen sollen auch aktiv werden: Eine Videoinstallation erschafft durch Spiegel einen unendlichen Raum, in dem sich die Bewegungen der Besucher*innen vervielfachen.

Rein auditiv wird vor allem durch die Soundduschen gearbeitet. In einer Ecke des Raumes sind drei Parabollautsprecher installiert, die auf hindi, deutsch bzw. englisch aufwärts zählen. Seit Ausstellungsbeginn im Mai 2018 werden die Zahlen immer größer (beim Besuch am 27. 12. waren sie im Bereich der 4 Millionen). Die zählenden Stimmen sind, wenn in der Ausstellung keine Besucher*innen sind, auch am anderen Ende des Raumes als unterschwelliges Gemurmel hörbar. Dieses ist irritierend und lenkt durch die Vermischung der verschiedenen Sprachen von den anderen Exponaten ab. Allerdings wird dieses Stimmengewirr schon bei einer kleinen Besucherzahl durch den natürlichen Geräuschpegel übertönt.

Einige Experimente bzw. Installationen sind eine Mischung aus diesen beiden Sinnen: Eine Legoanimation erklärt Hilbert‘s Hotel, das unendlich viele Zimmer hat. Dieses Video hat durch seine einfache Sprache und Optik eine große Anziehungskraft und einige Besucher*innen, besonders Kinder, schauen es sich wieder und wieder an. Die Klangwalze übt eine ähnliche Anziehung aus. Wie bei einer Drehorgel werden verschieden klingende Metallstäbe durch Zapfen angeschlagen. Die Melodie komponieren die Besucher*innen selbst, indem sie die Zapfen in die Walze stecken. Die Botschaft: Es gibt unendlich viele Möglichkeiten, Musik mit einer endlichen Zahl von Tönen zu komponieren.

Obwohl alle Experimente von den Besucher*innen selbst ausprobiert werden können, widmen sich einige auf besondere Weise der Haptik. Gleich zu Beginn soll das Unendlichkeitssymbol (∞) mit einem Seil zwischen zwei Stäben nachgefahren werden. Eine knifflige Aufgabe, die einige Versuche erfordert. Besonders ist auch die Sitzbank, auf der drei Holzbretter mit unterschiedlich vielen Stäben angebracht sind. Die Frage, die hier gestellt wird, ist: auf welchem der Bretter sitzt man am gemütlichsten? Auch die Euler’s Disc (eine metallene Scheibe, die auf einem magnetischen Untergrund gedreht wird und lange aufrecht bleibt) führt zu Faszination bei Alt und Jung.

Knobeltisch

„Rätseltisch“ – Foto: Elisabeth Harder 2018

Am Rätseltisch werden mehrere Aufgaben gestellt, die mit Unendlichkeit zu tun haben (z.B. Achill und die Schildkröte). Holzkarten, die mit verschiedenen Lösungen oder Lösungsschritten bedruckt sind, liegen lose in den jeweiligen Bereichen und müssen in die richtige Reihenfolge gebracht werden. Einige der Rätsel sind wegen ihrer Komplexität eindeutig für Erwachsene, andere für Kinder. Ich habe mich an einigen der Rätsel versucht und hier eine abschließende Kontrolle oder Lösung vermisst.

Scheinbar unmögliche Unendlichkeiten repräsentiert die Shephard‘s Scale (eine unendlich steigende oder fallende Tonleiter, obwohl die gespielten Töne sich nicht ändern). Die Besucher*innen spielen die Tonleiter, indem sie die Knöpfe auf einem runden Tisch mit oder gegen den Uhrzeigersinn drücken. Obwohl es eine überschaubare Anzahl an Knöpfen gibt (12 Stück), scheint die Tonleiter immer tiefer bzw. höher zu werden. Die Reaktionen reichen von offensichtlicher Überraschung und erstaunten Rufen bis zur ungläubigen Wiederholung des Experiments.

persönliche Unendlichkeiten_Post it Säule

„Persönliche Unendlichkeiten“ – Foto: Elisabeth Harder 2018

Auch für persönliche empfundene Unendlichkeiten wird Raum geschaffen. An einer der Säulen gibt es die Möglichkeit das, was man persönlich als unendlich empfindet, auf Klebezettel zu schreiben und an die Säule zu heften. Auch wenn es sich hierbei nicht um Unendlichkeit im klassischen Sinn handelt, bekommt dadurch auch das subjektive Gefühl des nicht enden wollenden Alltags auf diese Weise seinen Platz. Den Besucher*innen wird die Erfahrung mitgegeben, dass Unendlichkeit mehr als ein unverständliches und nicht fassbares Phänomen der Mathematik ist, nämlich eines, das mit Sinnen erlebbar ist, Spaß macht und zu überraschenden Ergebnissen führt.

Ein größeres Problem ist die Masse an Experimenten. Einige Kinder können sich durch die vielen parallel ablaufenden Geräusche und Bewegungen nicht auf eine einzelne Station konzentrieren und rennen von einem Versuch zum anderen, ohne diesen bis zum Ende durchzuführen. Das Gefühl etwas zu verpassen wird durch die Offenheit des Raumes und die Fülle an möglichen Experimenten verstärkt.Um die Fülle an Experimenten, welche die Ausstellung ausmacht, beizubehalten und trotzdem eine nachhaltigere Auseinandersetzung mit dem Thema zu bewirken, könnten die einzelnen Teilbereiche durch Raumgliederungen strukturiert werden und so von einem Unendlichkeitsaspekt zum nächsten führen.

Familien-Erlebnis

Das Mathematikum ist sowohl bei Schulklassen der näheren und weiteren Umgebung als auch bei Familien sehr beliebt. Obwohl es scheinbar „nur für Kinder“ gemacht ist, haben auch viele Erwachsene Spaß an den verschiedenen Experimenten und erfahren neue Aspekte der Mathematik. Da verschiedene Generationen mit unterschiedlich großem Hintergrundwissen in das Museum kommen, funktionieren die Experimente in Dauer- und Sonderausstellung immer auf zwei unterschiedlichen Ebenen. Auf der einen Ebene befinden sich das Experiment sowie sein Ergebnis. Ohne einen einzigen Text zu lesen, kann man einen Großteil der Experimente durchführen, auch wenn das intendierte Ergebnis dadurch manchmal nicht erzielt wird. Für Kinder, die noch nicht oder nur wenig lesen können (oder wollen) und all diejenigen, die keine Erklärung für die Resultate wollen, sind die verschiedenen Stationen eine Beschäftigung, die sie zum Staunen oder Lachen bringt, sie verwirrt oder neugierig macht. Kurze Anleitungstexte zu den einzelnen Stationen geben einen kurzen Überblick über die korrekte Durchführung des Experiments. Die theoretischen Erklärungen zu Ablauf und Ergebnis befinden sich auf der anderen Ebene. Diese sind äußerst kompliziert geschrieben und mit vielen Fachwörtern versetzt. Für Kinder sind sie eindeutig zu anspruchsvoll.

Generell war das Ausmaß an Gesprächen zwischen den Besucher*innen verblüffend. Diese finden zwischen den Kindern und ihren Begleitpersonen, unter den Begleitpersonen und auch zwischen Fremden statt. Die Familien tüfteln zusammen an kniffligen Aufgaben und helfen sich gegenseitig. Es entsteht dadurch ein Begegnungs- und Lernort, in dem alle Generationen neue Erfahrungen machen. Die Atmosphäre des gesamten Museums ist entspannt und vermittelt nicht nur „keine Sorge, du kannst nichts kaputt machen“ sondern sogar „bitte fasse alles an, du darfst/sollst alles ausprobieren und selbst erfahren“. So wird ein Klima geschaffen, das spielerisch zum Lernen einlädt.

Fazit

Das Mathematikum Gießen bietet seinen Besucher*innen in seiner Sonderausstellung die Möglichkeit, unfassbare Dinge greifbar zu erfahren. Es möchte das Thema Unendlichkeit über das abstrakte mathematische Konzept hinaus verständlich machen und Spaß daran bereiten. Es ist ein aufregendes Ausflugsziel für Familien und trägt durch Aufbau und Konzeption zu intergenerationellem Austausch und Verständigung bei. Die unterschiedlich intensiven Ebenen, die bei den einzelnen Stationen geboten werden, sorgen dafür, dass jede*r Besucher*in eigene Erfahrungen im eigenen Tempo machen kann. Die Fülle an gebotenen Experimenten bewirkt jedoch vor allem bei Kindern eine Reizüberflutung, die zu einer oberflächlichen Auseinandersetzung mit den präsentierten Phänomenen führt. Eine räumliche Gliederung könnte dem entgegenwirken.

 

Sonderausstellung „Kein Ende in Sicht. Unendlichkeit zum Anfassen“

Mathematikum Gießen

25.5.2018 – 31.3.2019

 

Kuratierung: Prof. Dr. Martin Beutelspacher

Gestaltung: Mathematikum Gießen

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2 Gedanken zu “Kein Ende in Sicht – von Elisabeth Harder

  1. Spannender Artikel und interessant geschrieben. Welche Dauerausstellung ist derzeit im Mathematikum Gießen zu sehen?
    Viele Grüße
    Martina D.
    Galerie Inspire Art

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