Leonardo da Vinci – „Experience a masterpiece“ – von Nicole Guether

Die National Gallery würdigt eines ihrer wichtigsten Werke mit einem Ausstellungskonzept, das gewagt bis mutig ist. Zum Abschluss des Leonardo da Vinci Jahres anlässlich des 500. Todestages, eröffnete am 9. November 2019 die ganz auf die „Felsgrottenmadonna“ (eng. The Virgin of the Rocks) fokussierte Ausstellung. Das Bild zählt zu da Vincis Schlüsselwerk. Damit will die Ausstellung der sonst nur hastigen Konsumierung von Kunst entgegentreten und den Blick auf das Meisterwerk entschleunigen. Ob dies gelingt, lesen Sie hier.

Die „Felsgrottenmadonna“ – Zwei Versionen eines Werkes

Die „Felsgrottenmadonna“ gilt schon allein deshalb als Schlüssel zum Verständnis Leonardos, weil der notorische Nicht-Vollender, der uns kaum 20 Gemälde hinterließ, an ihr am längsten gearbeitet hat. Ganze 25 Jahre beschäftigte ihn die Komposition. 1483, kaum aus Florenz in Mailand angekommen, beauftragten die Brüder der San Francesco Kirche Leonardo mit dem Altargemälde. Weil die erste Fassung, heute im Pariser Louvre aufbewahrt, von den Auftraggebern abgelehnt wurde, machte sich Leonardo zwischen 1491 und 1508 ein weiteres Mal ans Werk.

Die „Felsgrottenmadonna“ ist zweifellos eines der komplexesten und rätselhaftesten Werke im Oeuvre Leonardos und eines der seltenen großformatigen Arbeiten. Leonardos unorthodoxe Darstellung des Jesusknaben in einer mystischen-unheimlichen Grottenlandschaft gewährt einen Einblick in Leonardos auf Wissenschaft gestütztes Vorgehen und demonstriert die Techniken und Innovationen, die die italienische Malerei nachhaltig veränderte.

Neue wissenschaftliche Erkenntnisse

Die Ausstellung baut insbesondere auf den Erkenntnissen auf, die in den letzten 15 Jahren von einem Team aus Wissenschaftlern, Konservatoren und Kuratoren der National Gallery mittels modernster Techniken wie der Infrarotstrahlung, dem Macro X-Ray Fluoreszenz-Scan und der hyperspektralen Bildanalyse gemacht wurden. Sie machten die Schichten unter der Farbe sichtbar und offenbarten eine Unterzeichnung mit einer völlig anderen Komposition sowie einen geheimnisvollen Handabdruck auf dem Gesicht der Madonna – stammt er gar von Leonardo selbst?

Drei Räume und ein Intro

Die Ausstellung selbst ist überschaubar. Sie spielt sich in insgesamt vier Räumen ab, wobei der erste als eine Art Intro fungiert. Die Kuratorin Caroline Campbell und das Team des Londoner Designbüros „59 Productions“ haben in diesem Vorraum zur eigentlichen Ausstellung eine skulpturale Installation errichtet, die eine zumindest überraschende Eröffnung bietet. Zwei separate Mauern, zusammengestellt aus einzelnen Kuben will wohl auf den vielseitigen Geist Leonardos verweisen, seine Gedankenwelt, die unzweifelhaft seiner Zeit in vielem voraus war, als puzzlehaftes Konstrukt nahebringen. In den Kästchen lesen wir sloganhafte Zitate aus den Notizbüchern Leonardos, wie vom Linkshänder selbst in Spiegelschrift geschrieben. Wir erkennen manch reproduzierte Werke wie die „Anna Selbdritt“, die wahrscheinlich gern im Original gezeigt worden wären und blicken auf zwei große Landschaftsaufnahmen seiner toskanischen Heimat hindurch.

Erst die drei darauffolgenden Räumen führen langsam an das Werk heran. Die Ausstellung selbst arbeitet mit der Dramatik des Chiaroscuro, der aus dem Dunkel ins Licht gerückten Objekte. Alles wird im Dunkeln gehalten, die einzelnen Stationen sanft aus- und angeleuchtet, so dass diese, wie in den Bildern Leonardos, aus dem dunklen Hintergrund hervortreten.

Im Studio

Im ersten Raum findet sich eine irgendwie zwischen Renaissance und Moderne verortete Studiosituation: aufgestellte Leinwände, Bücher, Skizzen an den Wänden, Farben und Pinsel, Utensilien zum Experimentieren, die anzeigen, dass hier gedacht und gearbeitet wird. Das Konzept des Werkes, seine Komposition und dessen Variationen werden auf einer digitalen Leinwand projiziert. Nicht zuletzt soll hier gezeigt werden, wie unermüdlich sowohl Leonardo in seinem Wirken war, als auch die Wissenschaftler nach ihm.

Der Nutzen aus der Verbindung von Anmutung (s)eines Künstlerateliers und moderner Konservatorenwerkstatt wird nicht so recht klar. Hier hätte sich die Kuratorin entscheiden sollen, was sie erzählen will: wie Leonardo an dem Werk arbeitete oder wie die Wissenschaftler sich 500 Jahre später auf die Spur danach machten und welche Ergebnisse dabei herauskamen.

Licht und Schatten

Den Werken Leonardos haftet oft etwas Düsteres an, nicht nur, weil seine Pigmentexperimente zu der starken Verdunklung seiner Gemälde führten, sondern weil er Doppeldeutigkeiten einsetzte und seinen Arbeiten eine rätselhafte Aura verlieh. Das erreichte er inhaltlich sowie mit dem technischen Mittel des Chiaroscuro. Im allein diesem Stilmittel gewidmeten zweiten Raum können sich die Besucher denn auch im Selbstversuch an überschaubaren Stationen ein Bild von Lichtwirkung machen. Es ist der mit Abstand am wenigsten gelungene Raum, der, beinahe leer, mehr Spielerei der Ausstellungsmacher ist Im hinteren Teil des Raumes kann der Besucher digital eine fotografische Kopie neu belichten und so anscheinend die Wirkung von Licht am „Werk selbst“ nacherleben.

Vor dem rekonstruierten Altar

Schließlich betritt man den Raum mit dem „Heiligtum“ selbst. Sound mit lauten Chorgesängen schaffen eine sakrale Atmosphäre, während man in das Dunkel hineintaucht. An einer Wand um die Ecke wird das Gemälde präsentiert, das normalerweise in der Renaissance-Abteilung hängt. Doch der Spannungsbogen dieses Raumes gelingt eindrücklich. Das langsame Herantasten an das Werk und seine Präsentation, umgeben von den Projektionen des verloren gegangenen Altars in der längst zerstörten Mailänder Kirche, die einst die zweitgrößte der Stadt war, vermitteln die ursprünglich gewaltige Situation.

Ziel der Ausstellung

Anders als die fast zeitgleich stattfindende große Retrospektive im Pariser Louvre, die 160 Gemälde, Skulpturen, Zeichnungen und Briefe zusammenträgt, wagen die Kuratoren in Zusammenarbeit mit dem in London und New York beheimateten Produktionsbüro eine im technischen Sinne aufwendige Schau der stillen Art. Sichtlich auf ein jüngeres und medienversiertes Publikum ausgerichtet, nutzen die Macher um Kuratorin Caroline Campbell die digitale Technik, um einen eindringlichen Blick auf das Werk zu bieten. In einer Stellungnahme für die „Daily Mail“ führt sie zudem die Absicht an, dass Publikum animieren zu wollen, länger als die üblichen 15 Sekunden auf ein Werk zu schauen. So hofft denn auch Gabriele Finaldi, Direktorin der National Gallery, für mehr Wertschätzung des Schlüsselwerkes sorgen zu können – Seitenhieb auf die überhandnehmende Verengung auf Leonardos berühmtestes Werk, die „Mona Lisa“?

Dieser Anspruch soll wohl erklären, warum das Werk nicht zusammen mit anderen Arbeiten gezeigt wird. Die Wahrheit ist nur, dass die Konkurrenzausstellung in Paris wahrscheinlich schlicht keine Werke übrig gelassen hat. Anstelle dem Publikum mit einer sorgfältigen Auswahl imponieren zu wollen, versucht die National Gallery dies mit dem Einsatz neuester Technik. Die jüngste Technik und spielerischen Schnickschnack nutzend, wird der komplexe Prozess zur Entstehung des Werkes nacherzählt. Nur erfährt man leider zu wenig Inhaltliches über das Werk selbst. Die Kontroverse über die erste Fassung, die erst zur Entstehung des Londoner Bildes geführt hat, wird völlig ausgespart. Hier wäre ein eigenes Kapitel mit Erklärungen zum Geheimnisvollen angebracht gewesen. Denn auch wenn man das ältere Bild als Projektion in der Studionachbildung zu Gesicht bekommt – ja, auch dieses Original befindet sich in der Pariser Ausstellung –, fehlt unverständlicherweise jeder Hinweise auf die unterschiedlichen Interpretationen.

Wird das Versprechen nun eingehalten?

Was bedeutet es für das Nach-Erleben eines Kunstwerks, dass es sich nicht mehr an dem Ort befindet, für den es geschaffen wurde und dass seine Aura durch den dominanten Künstlernamen massiv geprägt wird? Benjamin schrieb, dass das Empfinden der Aura nicht reproduzierbar ist, da sich der geschichtliche Moment nicht wiederholen lässt. Zwar lassen die Ausstellungsmacher in der Altarrekonstruktion das Museum als Ausstellungsort gewissermaßen verschwinden und schaffen so etwas wie eine in situ-Situation. Der Höhepunkt der Ausstellung ist die Begegnung mit dem originalen Werk, der Rest bleibt eine Abfolge von theatralischen Tableaus. Warum sich die Ausstellungsmacher nicht darauf einigen konnten die interessanten wissenschaftlichen Erkenntnisse zu präsentieren und damit einem breiten Publikum zugänglich zu machen, bleibt unklar. Aber das hieße eben auch, mit Texten zu arbeiten, wovor anscheinend ängstlich zurück geschreckt wurde. In der Tat finden sich bis auf die kurzen Einführungstexte an den Eingängen zu den Räumen keine schriftlichen Informationen. Vielleicht traut man dieses Medium einem jüngeren, digitalbefähigten Publikum nicht mehr zu.

Fazit

Angesichts eines wirklich gepfefferten Eintrittspreises von 20 Pfund  werden sich viele überlegen, ob es sich lohnt, dafür ein einziges Originalwerk anzuschauen, das nach der Ausstellung an seinen angestammten Platz nur eine Etage höher zurückkehren wird. Die augenscheinlich angesprochene Zielgruppe der Millennials mag kulturell hoch interessiert und aufgeschlossen sein und den Kunstgenuss als Teil ihres Lifestyle empfinden, sie wird sich das Geld aber vielleicht sparen müssen. Das ältere, oder eher klassisch eingestellte Publikum, wird die reduziert-moderne Präsentation wohl enttäuschen oder gar brüskieren.  

Die auf die Verwendung neuester Technik bedachte Ausstellung, sitzt einem Irrtum auf, weil sie allzu sehr auf technische Spielereien statt auf Originale setzt. Ja, die Rekonstruktion der Altarsituation ist gelungen und den digitalen Aufwand wert. Jedoch merkt man der Ausstellung an, dass die kooperierende Produktionsfirma „59 Productions“ neben der Zusammenarbeit mit Museen vorwiegend Events und Musikshows gestaltet und daher wenig kuratorisch denkt.

Ist das nun Zukunftsmusik? Immerhin werden die Versicherungskosten immer bombastischer, scheint der Verleih von Kunst für die Dauer einer Ausstellung in Zukunft immer ungewöhnlicher. Und es reizt schon, wenn man sich vorstellt, welche Möglichkeiten des Ausstellens durch die immer besser werdende Technik gegeben werden. Demnächst wird uns noch ein Leonardo-Hologramm gegenüberstehen.

Die Ausstellung mit dem Zusatz „Experience a masterpiece“ ist dennoch Template für eine mögliche neue Form des Ausstellens, die sich der digitalen Technik annimmt, um den Sehgewohnheiten der heutigere Generationen gerecht zu werden. Für meinen Geschmack den Sehgewohnheiten des digitalen Zeitalters etwas zu sehr angebiedert, im Konzept zu holprig, war die Erkenntnis, wie „alte Schinken“ zukünftig präsentiert werden (können), jedoch lehrreich. Kunst, zumal zeitlose wie die Leonardos, die uns – ungebrochen – seit 500 Jahren begeistert und in den Bann zieht, hat dies in dieser Fülle jedoch nicht nötig.

 

Alle Fotos in diesem Beitrag: Nicole Guether 2019

 

Leonardo da Vinci – Experience a masterpiece

National Gallery, London

9.11.2019 – 26.01.2020

Kuratierung: Dr. Caroline Campbell, National Gallery

Gestaltung: 59 Productions, London

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