Belfast Titanic Museum – von Nicole Guether

Belfast Titanic Museum – von Nicole Guether.

Die Titanic fasziniert wegen ihres verhängnisvollen Endes ebenso wie aufgrund ihrer technischen und gestalterischen Raffinessen seit über 100 Jahren. Das Titanic Museum im nordirischen Belfast erzählt daher nicht nur von den tragischen Schicksalen, sondern vor allem von der Modernität ihrer Technik.

Architektur als Metapher

2012 war es so weit, pünktlich zum 100. Jahrestag des Untergangs widmete Belfast, als Geburtsstadt des legendären Luxusliners, der Titanic ein eindrucksvolles Museum. Die in Form und Größe an das Schiff angelehnte Architektur lässt mit der silberglänzenden Fassade auch die Assoziation eines Eisbergs aufkommen. Glänzend erhebt sie sich über exakt jenem Ort, an dem das unglückselige Schiff zwischen 1908 und 1910 in nur 26 Monaten von der Werft Harland & Wolff erbaut wurde. Dem Londoner Architekturbüro Eric Kuhne and Associates gelingt damit im flachen Hafenareal ein imposanter Blickfang. Die Architektur ist hier eine aus Stahl und Metall gelungene Verschmelzung der Ereignisse zu einer architektonischen Metapher.

 

Ausstellung, die Erfahrung wird

In der bombastischen Ausstellung haben sich die Ausstellungsdesigner des Londoner Designbüros „Event Communications“ einiges einfallen lassen, um eine Titanic Experience zu liefern. Dank vielfältigster multimedialer Anwendungen, dem Einbezug der Sinne und der innovativen Architektur, wird auf den 12.000 qm Fläche eine eindrückliche Erfahrung geboten.

Designbüros gehen mit dem Raum und seiner Dimension oft spielerischer um, als ein Kuratorenteam. Da die historischen Inhalte zu keinem Zeitpunkt zu kurz kommen, gerät die Ausstellung jedoch nie in Gefahr, ins Themenparkhafte abzugleiten. Mit unzähligen historischen Fotografien, anschaulichen Modellen, Zeitungsartikeln, Werbereklamen und detailgetreuen Nachbauten, selbst hologrammartigen Projektionen, wird ein umfassender Eindruck in die Zeitgeschichte sowie dem Schiff selbst geboten.

Sehr stark ist, dass die Technik der Displays nie zum Hauptdarsteller gerät, sondern immer angemessen als Medium genutzt wird, um die historischen Fakten zu präsentieren und dabei einen lebendigen Eindruck einer untergegangenen Epoche zu wecken. Die Macher von Titanic Belfast erzählen die Geschichte als eine Repräsentation der technologischen Stärke Belfasts statt sich nur auf das bekannte Ende zu versteifen.

Gelungener Aufbau und Erzählstruktur

In neun Kapiteln aufgebaut, verfolgt die Ausstellung chronologisch die Geschichte der Titanic beginnend mit der Vorgeschichte über Bau und Ausstattung bis hin zu ihrer Mythisierung, einschließlich der Nach- und Wrackgeschichte. Die Geschichte der Titanic endete bekanntlich nicht mit ihrem Untergang.

Der stadtgeschichtliche Einstieg gibt zunächst wertvolle Hintergrundinformationen über Belfasts bedeutende Stellung im Schiffbau am Ende des 19. Jahrhunderts. Verschiedene Stationen geben weiterführende Informationen und wecken dank der medialen Aufbereitung auch bei den vielen jugendlichen Besuchern Neugierde für eher trockenes Wissen. Das Einbetten in den stadtgeschichtlichen Kontext ist sehr lohnend. So erfahren wir, dass die verschiedenen Industriezweige der Stadt und der Export überhaupt erst den Schiffsbau an dieser doch sehr abgelegenen Stelle Europas begünstigt haben. Denn auch das ist Teil der Titanicgeschichte: die aufstrebende, ja geradezu entfesselte hyperkapitalistische Gesellschaft am Ende des 19. Jahrhunderts, die sich in beinah manischer Weise mit dem Drang nach schneller, weiter, größer vor dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges ihr eigenes – nasses – Grab erschaffen hat.

„As nearly perfect as human brains can make her“ (Thomas Andrews, Chef Designer)

Wir betreten das planerische Zentrum, die Zeichenhalle der Werft, indem wir durch deren ehemalige Eisentore treten. Hier wird uns anhand einer auf den Boden projizierten Planzeichnung schon die enormen Ausmaße der Titanic vor Augen geführt, die bereits als Mythos geplant wurde. Behutsam und immer als ein Teil der Gesamtgeschichte behandelt, wird an den entscheidenden Etappen auf ihre Protagonisten und deren biografische Hintergründe verwiesen. Auch hier wird bei Interesse ein vertiefender Blick auf Verantwortliche und Betroffene geboten, deren Geschichten so viele Menschen inspiriert und erschüttert haben. Frei von Wertung wird so auch mit den seit den ersten Berichterstattungen und Verfilmungen entstandenen Images aufgeräumt. Dennoch versteifen sich die Macher nicht auf die berühmten Namen der Beteiligten, sondern legen viel Wert auf die technische Komponente des Schiffsbaus, dem viel Raum gelassen wird. Mit diesem Schwerpunkt der Ausstellung – der Mythos wird vergleichsweise kurz erzählt, und zum Glück nicht effekthascherisch breitgetreten – wird diese Ausstellung zu einer Hommage an menschliche Schaffenskraft und gerade an all jene Männer hinter den Kulissen, die mit schwerster Arbeit erst die Titanic ermöglicht haben sowie jene, die später die ersten waren, die in ihr zum Opfer wurden.

Im Schiffsbauch und an Deck der Titanic

Bis zu 14 Stunden Schwerstarbeit pro Tag waren nötig, um in Rekordzeit das zu seiner Zeit größte und luxuriöseste Passagierschiff zu bauen. 15.000 Arbeiter haben das Schiff gebaut und erhalten in der Ausstellung trotz bleibender Anonymität anhand der präsentierten Fotografien ein Gesicht.

Ein besonderer Clou ist die Shipyard Ride Experience innerhalb der Ausstellung. In einer ca. zehn minütigen Gondelfahrt, für die man rund 20 Minuten anstehen muss, werden wir in die Tiefen des Schiffsbauches gebracht. Über Videofilm, Tonmaterial und andere Sinne ansprechende Mittel wie Wärmestrahler werden wir der schweißtreibenden Arbeit, dem Unglamourösen der Titanic, gewahr.

07_Projektion

Foto: Nicole Guether 2019

Im direkten Kontrast dazu, wird uns die sagenumwobene reiche Ausstattung der Titanic en détail gezeigt. Nachbildungen der Kabinen der drei Klassen und eine 360-Grad computergenerierte Raumprojektion, die digital durch das gesamte Schiff hinauffährt, geben einen authentischen Eindruck. Hologramme vergegenwärtigen uns auch hier immer wieder die Menschen, die in solchen Suiten die Überseefahrt antraten. Dabei kann man feststellen, dass auch die Zimmer der dritten Klasse keineswegs so ärmlich waren, wie in Filmen gern dargestellt. Die Mahagoniausstattung und die Waschmöglichkeiten in den Suiten waren für damalige Zeit ungewöhnlich. Das galt auch für die zwei Bäder pro Etage, selbst wenn das aus heutiger Sicht wenig erscheint.

Wie die Erbauer der Titanic, so haben die Macher von Belfast Titanic keine Kosten und Mühen gescheut, das Schiff wieder auferstehen zu lassen.

Wege der Titanic – nach Klassen unterteilt

Diese kleine Station innerhalb der Sektion über die Ausstattung sollten Sie nicht verpassen! Auf einem Display kann man sich die unterschiedlichen Wege und Aufenthaltsbereiche anzeigen lassen, die den verschiedenen Klassen und Geschlechtern , erlaubt waren. Vom Zimmermädchen, über Offiziere, zu den „firemen“ – den Technikern, die die Maschinen in Betrieb hielten – und Passagieren der ersten bis dritten Klassen – die Titanic war ein Mikrokosmos der Gesellschaft um 1900.

Vom berauschenden Auslaufen bis zum Schiffbruch

Im Kapitel über das Auslaufen wird die Titanic gekonnt als hoffnungsvolles Symbol einer sich bereits im Untergang befindlichen Gesellschaft zugespitzt: freudiges Stimmengewirr ertönt in dem Raum, dessen große Fenster den Blick auf das Areal freigeben, an dem selbige Feier tatsächlich stattfand.

Auch hier zeigt sich die Raffinesse des Ausstellungteams, das über diesen subtilen Einsatz von Medien die kontrastreiche Geschichte der Titanic spiegelt. Die reichen Textilien der obersten Etagen, die in Lichtern präsentierte Glorie der Titanic kontrastieren mit den im Dunkel gehaltenen und auf Metall konzentrierten Displays zu den technischen Aspekten. Über passiv erlebten und aktiv nachvollzogenen Informationen der einzelnen Stationen werden die Fakten didaktisch sehr einfallsreich veranschaulicht.

Trotz allem vergegenwärtigten Prunk, der die Titanic ebenfalls ausgemacht und zu ihrem unsinkbaren Ruhm beigetragen hat, begeht die Ausstellung jedoch nicht den gleichen Fehler, wie einst die Macher der Titanic: nicht einer neuerlichen Hybris wird verfallen, sondern die Titanic wird als die von Menschen geschaffene modernste Meisterleistung gezeigt, die an der menschlichen Hybris zugrunde ging.

Vom Ende, das zum Anfang wurde

Die Ausstellung schraubt sich der menschlichen Katastrophe langsam entgegen, um sie überraschend behutsam und still zu erzählen. Im nachtblauen, abgedunkelten Raum, kleine Lichter an der Decke suggerieren den klaren Sternenhimmel der verhängnisvollen Nacht, vernehmen wir zunächst Stimmen. Es sind Mitschnitte von Interviews, die teilweise Jahrzehnte später mit Überlebenden geführt wurden. An den Wänden sind die Telegramme der Titanic mit den sich in Reichweite befindenden Schiffen reproduziert. Eine Projektion zeigt den Vorgang des Untergangs als Animationsfilm.

Die Macher taten gut daran, mit diesen umsichtig eingesetzten Mitteln und nicht in aufwendigen Bildern und nur makaber wirkenden Inszenierungen das tragische Sterben in der eiskalten See zu thematisieren. Es findet keine Dramatisierung à la Hollywood statt. Und trotz der vielen zeitgleichen Besucher, ist eine beinahe kontemplative Auseinandersetzung mit der Tragödie möglich.

Einem Kino gleich, folgt im Anschluss an das Kapitel über das Sinken, die Betrachtung des Wracks. Wir sehen Aufnahmen der ersten Fahrt zum Wrack auf dem Ozeangrund, der Wiederentdeckung des Schiffes in den 1970er Jahren. Anschließend geht die Ausstellung auf die Folgen des Untergangs ein und berichtet von den der Katastrophe folgenden juristischen Untersuchungen.

Schließlich wird sehr verkürzt auf die populärkulturelle Wiederentdeckung in Literatur und Film eingegangen. Das Mitte der 1950er Jahre veröffentlichte Buch „A night to remember“ von Walter Lord, dem 1958 der gleichnamige Film folgte, machte den Anfang und brachte die Titanic zurück ins Gedächtnis. Also eine relativ junge Auseinandersetzung.

10_Filmplakate

Foto: Nicole Guether 2019

Fazit

Von der gelungenen Erzählstruktur über den Erzählrhythmus bis hin zum Einsatz von Medien und Technik gelingt den Ausstellungmachern eine würdige und faktenbasierte Präsentation. Selbst die Gondelfahrt ist keine Theatralisierung, sondern wirksames Mittel den Arbeitern Respekt zu zollen. Das Hinabfahren in den Höllenschlund des Maschinenraums im stickigen Bauch des luxuriösen Kreuzfahrtschiffes wird nicht nur unterhaltsam, sondern, die Sinne einbeziehend, authentisch wiedergegeben. So gelingt dem Museum die Titanic in ihrer ganzen Widersprüchlichkeit darzustellen. Anders als vor 100 Jahren wird den untersten Klassen genügend Raum geboten, da sie vielfältig in die Betrachtung miteinbezogen werden. Damit ist das narrative Erlebnis keine erneute Heroisierung, sondern eine alle Facetten berücksichtigende Betrachtung.

Das Belfast Titanic Museum ist eine Hommage an menschliche Schaffenskraft, an die Titanic selbst, späte Wiedergutmachung und Memorial für die vielen Opfer. Beispielhaft wir hier Technik genutzt, um Geschichte anregend zu präsentieren. Eine historische Schau, die genau das bleibt und nicht vor Texten und Informationen zurückschreckt, aber gelungen an den Besucher heranträgt.

Titanic Belfast, Nordirland UK

Kuratierung und Gestaltung: Event Communications, London

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